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10 Jahre Krieg in Afghanistan

"Wir haben nicht weniger Terrorismus!"

"Die Intervention hat die Herzen und Köpfe der Afghanen nicht erreicht", sagt der Berliner Islamwissenschaftler Peter Heine. Seiner Meinung nach ist der Krieg gegen den Terror gescheitert.

Peter Heine, Islamwissenschaftler an der Humboldt-Universität Berlin, aufgenommen am 11.10.2001 als Gast bei der ZDF-Talksendung Berlin-Mitte (Foto: dpa picture alliance)

Peter Heine

DW-WORLD.DE: Herr Heine, was hat sich aus ihrer Perspektive als Islamwissenschaftler durch die Intervention in Afghanistan verändert?

Peter Heine: Das, was sich aus meiner Sicht verändert hat, ist ein stärkerer Einfluss des Iran auf die schiitische Bevölkerung in Westafghanistan. Außerdem hat sich der fundamentalistische, radikale Islam durch die Konfrontation insgesamt verstärkt.

Was hat der Einsatz des westlichen Bündnisses mit Blick auf die Anti-Terror-Abwehr gebracht?

Ich glaube nicht, dass wir jetzt weniger Terrorismus in der Welt haben. In Afghanistan selber, aber auch in Pakistan hat sich die Anzahl der Opfer von Selbstmordattentaten und anderen terroristischen Aktionen drastisch erhöht.

Was hat der Westen aus Ihrer Sicht falsch gemacht?

Es ist ein großer Fehler gewesen, dass diese Invasion nicht ausreichend vorbereitet worden ist – weder militärisch noch im psychologischen Sinn. Die Bevölkerung in Afghanistan ist in keinerlei Hinsicht auf die Intervention vorbereitet worden. Sie wusste nicht, was ihr da passieren würde und was die Motivation der westlichen Invasionstruppen gewesen ist.

Um das auf einen ganz kurzen Nenner zu bringen: Sie können mit militärischen Mitteln in Afghanistan, aber auch sonst in dieser Region, nichts erreichen. Was erreicht werden muss sind die Herzen und die Köpfe der Bevölkerung. Dabei geht es vor allen Dingen um die jungen Leute, denen man vermitteln muss, dass niemand daran interessiert ist, ihre Identitäten zu verändern, ihre Kultur zu verändern oder sie mit allen möglichen Mitteln in eine bestimmte ideologische, politische und kulturelle Richtung zu schieben. Doch das ist alles nicht geschehen.

Gruppe afghanischer Frauen mit Burka (Foto: AP)

Auf Distanz gegenüber westlichen Werten?

Welche Rolle spielt Religion heute im Afghanistan-Konflikt?

Die Islamizität, also das Bewusstsein, Moslem zu sein und dem Westen gegenüber zu stehen - das hat sich ganz sicher verstärkt. Wenn die Truppen des westlichen Bündnisses abziehen, dann werden wir ein Land vorfinden, in dem die Bevölkerung sehr viel stärker auf Distanz gegenüber westlichen Werten geht.

Hätte der Westen die Regionalmächte Südasiens nach dem Sturz des Taliban-Regimes mehr einbeziehen müssen?

Natürlich war der Angriff auch politisch nicht vorbereitet. Aber so eine Einbindung wäre sehr schwierig gewesen. Mit dem Iran wollte man nicht kooperieren. Die Bedeutung Pakistans hat man genauso stark unterschätzt wie den pakistanischen Einfluss in Afghanistan. China hat man damals gar nicht wahrgenommen als 'player' in diesem Spiel, und auch die zentralasiatischen Republiken nahm man damals nicht ernst. Das ist in vielerlei Hinsicht ein großer Fehler gewesen, weil man nicht zur Kenntnis genommen hat, dass es gerade da eine offene Grenze gibt.

Mit dem Jahr 2014 ist ein Abzugsdatum für die Kampftruppen festgesetzt worden. Verhandlungen mit den Aufständischen sind deshalb das Gebot der Stunde. Ist das der richtige Weg?

Ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist, aber ich habe auch keinen anderen.

Wenn man sagt, dass man 2014 abzieht, warum sollte die andere Seite dann verhandeln? Dafür gibt es doch gar keinen Grund. Ich gehe davon aus, dass sich die regionalen Kräfte jetzt sehr viel stärker in Afghanistan engagieren werden, als das vorher der Fall gewesen ist.

Der Iran wird alles tun, um zumindest die schiitischen Bevölkerung Afghanistans zu schützen und die eigenen Interessen gegenüber der sunnitischen Mehrheit zu bewahren. Wie China sich verhält, ist nicht absehbar. Pakistan ist auf dem Weg, ein gescheiterter Staat zu werden, und welche Rolle Indien in dem Zusammenhang dann spielen wird, werden wir auch abwarten müssen. Aber die Regionalmächte werden es nicht noch mal zulassen, dass ein westliches Bündnis einmarschiert und Politik nach seinen Vorstellungen macht.

Ein kleiner Junge übt Kopfballspielen vor dem zerstörten Palast in Kabul (Foto: AP)

Was will der Westen heute in Afghanistan?

Der Westen wird Afghanistan aus strategischen Gründen niemals ganz aufgeben.

Ja. Natürlich ist das strategische Moment ein ganz zentrales Moment. Es geht um geostrategische Überlegungen. Und es geht um die Durchleitung von Erdgas und Erdöl aus Zentralasien zum Indischen Ozean.

Glauben Sie, dass der Afghanistan-Konflikt dafür gesorgt hat, die Mauer zwischen westlicher und islamischer Welt zu erhöhen?

Die Vorstellung aus muslimischer Perspektive, dass der Westen aggressiv ist, dass er seine politischen, seine ökonomischen und seine strategischen Interessen immer durchsetzen wird, egal, ob das richtig oder falsch ist, die hat sich sicherlich stark verbreitet. Man kann Terror nicht mit Krieg besiegen. Dieses ganze Konzept des 'War Against Terror' ist gescheitert.

Professor Peter Heine ist Islamwissenschaftler und Ethnologe. Er hat viele Jahre an der Berliner Humboldt-Universität gelehrt.

Das Interview führte Sandra Petersmann
Redaktion: Martin Muno

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