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Wissen & Umwelt

"Wir haben es satt"

Unter diesem Motto engagieren sich Umweltverbände und Bio-Nahrungsmittelproduzenten gegen Billigfleisch und Hunger. Zum Beginn der weltgrößten Messe für Landwirtschaft und Ernährung laden sie zur Demo nach Berlin.

Es ist angerichtet: Auf gigantischen 130.000 Quadratmetern präsentieren 1.658 Aussteller bis zum 25. Januar kleine bunte schmackhafte Häppchen und insgesamt rund 100.000 delikate Spezialitäten aus 68 Ländern. Doch immer mehr Menschen ist gar nicht wohl zumute bei solchen einem offensichtlichen Überfluss.

Belegte Brote mit rotem Kaviar und Wodka-Gläser auf der Grünen Woche (Foto: Vitaly Kropman)

Nur vom Feinsten - Kaviar und Wodka auf der Grünen Woche

Jochen Fritz zählt dazu. Er achtet auf bewusste Ernährung, selbst wenn er unterwegs ist- wie jetzt. Er organisiert eine Demo in Berlin unter dem Motto: "Wir haben es satt".

Fritz erwartet 30.000 Teilnehmer an diesem Samstag (17.01.2015) in der Bundeshauptstadt - wie schon im letzten Jahr während der Grünen Woche. Zu den Organisatoren der Kampagne zählen der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland), der NABU (Naturschutzbund Deutschland), die Entwicklungshilfe-Organisation Oxfam, die kirchlichen Hilfswerke Miserior und Brot für die Welt, die führenden Ökolandbau-Kooperationen wie Bioland und Demeter und Netzwerke wie "Meine Landwirtschaft", für das Jochen Fritz arbeitet.

Jochen Fritz steht vor einer farbigen Wand (Foto: Die Ausloeser.net, Berlin)

Kämpft für die ökologische Agrarwende: Jochen Fritz

Eigentlich wollte er Entwicklungshelfer werden. "Da hat mir einer gesagt: Wenn du das machen willst, musst du die Landwirtschaft in Deutschland verändern." So studierte er nach einer Ausbildung zum Landwirt Agrarwissenschaften. Er arbeitete als Berater für Biobauern und begann, sich politisch zu engagieren. Und nun organisiert er die Demo "Wir haben es satt".

Satt hat Fritz, dass auf der weltgrößten Agrar-Leistungsschau "ein Bild gezeichnet wird, bei dem die Schweinchen auf Stroh in den Hallen rumrennen und von Weide, Wiesen und Hof gesprochen wird, aber die Realität dem Verbraucher nicht gezeigt wird."

Kühe liegen auf Stroh und haben viel Platz in einer Messehalle der Grünen Woche (Foto: Amine Bendrif)

Der Schein trügt: Bauernhofidylle auf der Grünen Woche

Zwischen schöner Aufmachung und der bitteren Realität

Es mache Spaß, sich mit gutem Essen zu beschäftigen, behauptet Fritz, der morgens zum Frühstück durchaus Wurst isst, aber dann aus schwäbisch-hällischem Landschwein, einer alten Rasse, die für beste Fleischqualität ausgezeichnet wurde. Die Tiere müssen mit gentechnikfreiem Futter aus der Region und ohne Masthilfsstoffe aufgezogen werden.

Der Appetit vergeht ihm dagegen bei Besuchen von Massenmastbetrieben wie in Haßleben, 80 Kilometer vor Berlin. Dort in der strukturschwachen Uckermark soll das 1991 geschlossene DDR-Industriekombinat Mast wieder zum Leben erweckt werden. In der Tierfabrik wurden damals 140.000 Schweine gehalten. Der Betreiber, der angesichts der Masse nicht Bauer, sondern Investor heißt, wollte ursprünglich 85.000 Tiere mästen, um sie dann als Billigfleisch weltweit zu vertreiben. Nach Protesten genehmigten die Behörden die Haltung von 36.000 Schweinen auf jenem Grund, der noch heute von Gülleresten, Desinfektionschemikalien, Antibiotika und Hormonen verseucht ist. Tiere vegetierten damals auf engstem Raum dahin. "Wenn man die industriellen Ausmaße sieht, kann man nicht mehr von moderner Tierhaltung und Investitionen in den Tierschutz sprechen. Die Megaställe, die in Brandenburg gebaut werden, stimmen mich sehr nachdenklich", sagt Fritz über die - seiner Meinung nach - Fehlentwicklung.

Deutschland braucht nicht noch mehr Fleisch

Die strukturschwache Region habe sich zu einem Urlaubsgebiet entwickelt. Er befürchtet, dass solch ein Betrieb Haßleben mehr schadet als nützt. Außerdem sei durch die Agrarindustrialisierung ein Höfesterben zu befürchten: "Im Jahr 2000 hatten wir noch noch 125.000 Schweinehalter in Deutschland. Jetzt sind es nur noch 25.000." Mehr Bedarf an Fleisch gibt es indes nicht. Fritz verweist auf eine dauerhafte Überproduktion an Schweinen von 116 Prozent in Verbindung mit einem Preisverfall. Der Überschuss landet auf dem Weltmarkt.

Rosa-braune Schweine laufen vor dem Kanzleramt in Berlin. Eine Aktion der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch-Hall (Foto: Die Auslöser.net, Berlin)

Schweinsgalopp vor dem Kanzleramt

"Wir brauchen nicht mehr Schweine, aber die Schweine brauchen mehr Platz", so Fritz, "um artgerecht zu leben. Muttersauen stehen in einem Kasten, in dem sie sich nicht einmal drehen können, während die Ferkel an ihnen saugen. Sie können nur stehen oder liegen - im eigenen Kot."

Schweine aber sind intelligente Wesen. Sie brauchen verschiedene Bereiche - zum Schlafen, Fressen, Koten. "Schweine müssen auch irgendwo wühlen können, Hühner müssen scharren können. Diese artgerechte Haltung sollten wir unseren Tieren zugestehen und fördern", fordert Fritz, "auch wenn das mehr kostet".

Billiges oder qualitativ hochwertiges, dafür aber weniger Fleisch

Die Organisatoren der Kampagne beobachten zwei Tendenzen: Verbraucher seien durchaus bereit, für Qualität mehr zu bezahlen. Andererseits folgen immer mehr dem Trend, den Fleischkonsum zu reduzieren. Das empfiehlt auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE).

Doch das reicht dem Netzwerk "Wir haben es satt" nicht. Deren Mitglieder fordern eine Agrarwende. Und die müsse von der Europäischen Union eingeleitet werden, da die die Landwirtschaftspolitik der Mitgliedsstaaten maßgeblich steuert. "Die Bundesregierung könnte dabei ein gewichtiges Wort mitreden. Sie hat aber auch in Deutschland viele Möglichkeiten, etwas zu verändern", sagt Jochen Fritz. Über das Bundesbaugesetz kann sie den Bau von Industrieanlagen zur Tiermast verhindern. Die Düngeverordnung müsste, gemäß EU-Vorgaben, längst novelliert werden. Der Gewässerschutz ist verbesserungswürdig, um die Nitratbelastung zu reduzieren. Und dass der Einsatz von Antibiotika bei Tieren eingedämmt werden kann, haben die Niederlande und Dänemark vorgemacht.

Trecker fahren auf dem Berliner Boulevard auf die Siegessäule zu. Eine Aktion von Wir haben es satt! (Foto: Die Ausloeser.net, Berlin)

Richtung Berliner Siegessäule - Mit Treckern gegen die Agrarpolitik

Agrarpolitik - keine reine EU-Angelegenheit

Die EU müsste die Produktion von Milch und Fleisch reglementieren, um Überschüsse und den damit verbundenen Preisverfall zu verhindern, so die Demo-Organisatoren. Faire Preise für die Bauern, gesundes und bezahlbares Essen für alle Menschen weltweit, die Abkehr von der Gentechnik und ein Stopp der Freihandelsabkommen mit den USA (TTIP) und Kanada (CETA), sind weitere Forderungen von "Wir haben es satt". Jochen Fritz schaut im Berliner Orga-Büro aus dem Fenster. Er hofft auf gutes Wetter am Samstag, weil sich dann erfahrungsgemäß mehr Leute an der Demo beteiligen. "Der Druck der Straße ist notwendig, damit die Politik etwas zum Positiven weiter entwickelt", sagt er. Und dann erzählt er noch von den Wasserbüffeln und den Hühnern, die er Anfang des Jahres angeschafft hat - zur Selbstversorgung. Keine Frage. Natürlich dürfen die frei herumlaufen.

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