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Amerika

"Wir haben es einfach getan"

Grant G. Gullickson hat den D-Day überlebt. Der damals 23-jährige Amerikaner war Chefmaschinist auf der USS Corry, die vor Utah Beach von deutschen Granaten versenkt wurde. Er erinnert sich, als wäre es gestern gewesen.

Grant C. Gullickson sitzt in Sessel (Foto: Ch. Bergmann)

Er habe Glück gehabt, sagt der heute 88-jährige Gullickson

Er habe Glück gehabt, erzählt der inzwischen 88-Jährige mit den wachen hellen Augen. Er hatte bei dem Durcheinander auf der Corry seine Schwimmweste verloren, aber sein Freund und Kamerad Bernard Peterson wusste, wo er Ersatz finden konnte. Gemeinsam konnten sie das Schiff verlassen und sich an die großen Netze klammern, die an den Rettungsflößen festgemacht waren. Auf den Flößen selbst lagen die Verwundeten. Bis dahin, sagt Gullickson, sei er relativ ruhig gewesen. "Aber als ich im Wasser war und die Granaten um uns herum explodierten, hat mich dann doch die Panik überkommen." Wegen des kalten Wassers habe er sich nach kurzer Zeit kaum noch bewegen können.

Glücklicherweise eilte das Schwesterschiff der Corry, die USS Fitch, schnell zu Hilfe. Zusammen mit der USS Hobson sollten die Zerstörer die Landung der Alliierten auf Utah Beach vorbereiten. So beschoss die Fitch auf der einen Seite weiter die Küste der Normandie, während ihre Matrosen auf der anderen Seite die Besatzung der Corry an Bord holte. "Als ich auf der Fitch ankam, hatten sie schon eine ganze Menge Überlebende gerettet", erzählt Gullickson. Sein Freund Peterson aber lag tot an Deck. Eine Granate hatte ihn am Kopf getroffen, als sie im Wasser trieben. Gullicksons Stimme wird leise, als er von den Soldaten erzählt, die den Untergang der Corry nicht überlebt haben. Er selbst wurde zurück in die USA gebracht und kehrte während des Krieges nicht mehr nach Europa zurück. Das Kriegsende erlebte er vor der japanischen Küste.

Der Kampf um das Überleben der freien Welt

Gullickson hatte sich fünf Jahre vor dem D-Day zur Marine gemeldet. Er wollte etwas von der Welt sehen und suchte einen sicheren Arbeitsplatz. 30 Jahre diente Gullickson auf acht verschiedenen Schiffen, zuletzt als Offizier. 30 Jahre war er auf den Weltmeeren unterwegs. Dass der D-Day ein harter Tag werden würde, erklärt Gullickson, war ihnen damals bewusst. "Aber", so sagt er, "wir haben nicht darüber nachgedacht, wir haben es einfach getan." Als die Corry untergegangen war, habe sofort ein anderes Schiff ihren Platz eingenommen. Mit den Gefallenen sei es genauso gewesen. Die Toten wurden weggeräumt und die nächsten Soldaten rückten nach. Schließlich ging es um viel, erklärt der Veteran: "Die freie Welt kämpfte ums Überleben. Kaum vorzustellen", fährt er fort, "wie die Welt aussehen würde, wenn die Alliierten zurückgeschlagen worden wären."

Erstaunen über Deutschland

Commander Grant C. Gullickson vor einem Bild, das den Untergang des Zerstörers USS Corry vor Utah Beach am D-Day zeigt. Die Flagge in dem Bilderrahmen daneben wehte auf dem Zerstörer, ein Kamerad konnte sie von dem sinkenden Schiff retten und schenkte sie Gullickson. Gullickson, der in North Dakota aufgewachsen war, meldete sich am 28. November 1939 zur US Marine und diente 30 Jahre (Foto: Ch. Bergmann)

Commander Grant C. Gullickson vor einem Bild, das den Untergang des Zerstörers USS Corry vor Utah Beach am D-Day zeigt

Grant Gullickson hat es nicht weit bis zum Atlantik. Er lebt seit vielen Jahrzehnten in einem kleinen Haus in Virginia Beach, ganz in der Nähe der Marinebasis Norfolk im US-Bundesstaat Virginia. In den Zimmern finden sich Andenken an die USS Corry: Bilder von ihrem Untergang, deren Rahmen schon etwas verstaubt sind, hängen an den Wänden. Daneben die arg zerfetzte amerikanische Flagge, die sie von dem sinkenden Schiff retten konnten. Fotos von D-Day-Gedenktagen, andere Andenken und viele Bücher. Vier Mal ist Gullickson in Frankreich gewesen, und er hat Freunde in Deutschland. "Ich habe Deutschland nach dem Krieg besucht"; erzählt er. Es sei "unglaublich", wie sich das Leben in Deutschland und die Ansichten der Deutschen geändert hätten: "Wenn mir das damals jemand erzählt hätte, hätte ich ihn für verrückt erklärt", fügt er hinzu.

In seine Stimme mischen sich Stolz und Bewunderung, als er von dem Kommandanten der Corry erzählt, von Kapitän George Dewey Hoffman. Denn dessen Verhalten habe auch zu der späteren Aussöhnung mit den Deutschen beigetragen. Hoffman habe die deutschen Kriegsgefangenen immer mit Respekt behandelt. Gullickson erinnert sich noch an die Antwort des Kapitäns auf den Vorwurf, er würde die Deutschen zu gut behandeln. "Wir glauben an die freie Welt", habe Hoffman gesagt. "Diese Menschen hier gehen nach dem Krieg zurück nach Deutschland. Deswegen müssen wir ihnen vormachen, woran wir glauben."

Der D-Day habe ihn verändert, sagt Gullickson, er sei nachdenklicher geworden. Doch erst viele Jahre später habe er angefangen, seine Erlebnisse anderen zu erzählen. Jetzt begleiten ihn die Gedanken an den 6. Juni 1944 jeden Tag. Immer weniger Kameraden kämen zu den Gedenkveranstaltungen. Gullickson ist noch rüstig, er organisiert die Treffen und kümmert sich um das Andenken der USS Corry. Sein Ziel ist es, den 70. Jahrestag des D-Day zu erleben: "Ich stehe jeden Morgen auf", sagt er mit leiser Stimme, "schaue nach draußen und sage: 'Danke, lieber Gott, dass ich noch einen weiteren Tag erleben darf.'"

Autorin: Christina Bergmann
Redaktion: Martin Schrader

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