″Wir haben einen gespaltenen Arbeitsmarkt″ | Wirtschaft | DW | 07.02.2018
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Wirtschaft

"Wir haben einen gespaltenen Arbeitsmarkt"

Mehr Geld und flexiblere Arbeitszeiten - die Einigung in der Metall- und Elektroindustrie wird als Abschluss mit Signalwirkung gefeiert. Arbeitsmarktexperte Gerhard Bosch analysiert im DW-Gespräch die wichtigsten Punkte.

DW: Herr Professor Bosch, über vier Prozent Lohnerhöhung für die Metaller - das ist ordentlich und bei der guten Konjunkturlage auch zu erwarten. Aber diesmal ging es nicht in erster Linie ums Geld, was bei Tarifverhandlungen üblich wäre. Es ging um die Arbeitszeit, seit 30 Jahren das erste Mal. Herausgekommen ist ein sehr kompliziertes Tarifwerk. Was ist für Sie der wichtigste Punkt?

Gerhard Bosch: Der wichtigste Punkt für mich ist das Recht, die Arbeitszeit zu verkürzen - auf 28 Stunden für einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren. Das gibt den Beschäftigten mehr Arbeitszeitsouveränität. Man kann die Arbeitszeit den eigenen Bedürfnissen anpassen. Und außerdem hat man das Rückkehrrecht auf die Vollzeit. Das entspricht den Arbeitszeitwünschen vieler Beschäftigter. Die IG Metall hat diese Forderung nicht aus der Luft gegriffen, sondern sie hat 700.000 ihrer Mitglieder und der Beschäftigten in der Eisen- und Metallindustrie befragt. Als Ergebnis herausgekommen ist, dass die Beschäftigten mehr Arbeitszeitsouveränität wünschen.

Ist die 28-Stunden-Woche, auch wenn sie erst mal zeitlich begrenzt und nur für bestimmte Mitarbeitergruppen gilt, das größte gesellschaftliche Modernisierungsprojekt im 21. Jahrhundert, wie einige Kommentatoren behaupten?

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Das Interview mit Gerhard Bosch zum Hören

Das ist ziemlich übertrieben. Wir haben bereits eine ganze Reihe von Fortschritten in der Arbeitszeit erzielt, wenn es um die Flexibilität geht. Seit Anfang des Jahrtausends haben die Beschäftigten einen gesetzlichen Anspruch auf Teilzeitarbeit. Wir haben befristete Arbeitszeitreduzierung bei der Elternteilzeit. Jetzt hat man diese Flexibilität weiterentwickelt. Die letzten 20 Jahre waren mehr bestimmt von den Arbeitgeberinteressen in der Arbeitszeitflexibilität, das heißt die flexiblen Arbeitszeiten haben sich nach den Bedürfnissen der Produktion gerichtet. Jetzt geht es mehr um die Bedürfnisse der Beschäftigten.

Sind die Arbeitgeber die Verlierer? Es ist von knapp 20 Milliarden Euro die Rede, die der Tarifkompromiss die Arbeitgeber kosten wird.

Ich sehe die Arbeitgeber nicht als Verlierer. Sie haben genauso gekontert wie ich das erwartet habe. Sie haben gesagt: Wir können mit einer temporären Arbeitszeitverkürzung von Beschäftigten leben, aber wir wollen auch, dass den Beschäftigten die Möglichkeit gegeben wird, länger zu arbeiten. Der Tarifvertrag enthält einige Stellschrauben, die es ermöglichen, dass die Beschäftigten für zwei Jahre auf die 40-Stunden-Woche gehen können. Ich sehe da eher eine Balance.

Es wurde auch ein Zusatzgeld vereinbart in Höhe von knapp 30 Prozent eines Monatslohns. Die Arbeitnehmer können das Geld annehmen oder es in acht freie Tage umwandeln. Zeit gegen Geld - ist das der neue Trend?

Ja, das ist ein ganz interessanter Trend. Der große Durchbruch passierte letztes Jahr bei dem Tarifvertrag der Verkehrsgewerkschaft mit der Deutschen Bahn. Da konnte man eine Tariferhöhung von 2,9 Prozent in Form von einer Arbeitszeitverkürzung von einer Wochenstunde oder freien Tagen im Jahr nehmen oder in Geld. Interessanterweise haben 40 Prozent der Beschäftigten die Freizeit genommen. In der Metallindustrie gilt diese Arbeitszeitsouveränität mit dem Entgeltausgleich über dieses Zusatzgeld allerdings nicht für alle Beschäftigten, sondern das können nur bestimmte Beschäftigte wie Eltern von Kleinkindern oder Schichtarbeiter in Anspruch nehmen.

Ihr Beispiel mit der Bahn finde ich sehr spannend. Ist die Zeit das neue Geld?

Das war eigentlich schon immer so. Wenn wir uns die Langfristentwicklung anschauen, dann ist das nichts Neues. Während unsere Ururgroßväter 3000 Stunden im Jahr gearbeitet haben, sind es heute bei Vollzeitbeschäftigten 1700 Stunden. Jetzt geht man aber neue Wege. Man macht es nicht mehr pauschal,  sondern man lenkt den Blick auf den Erwerbsverlauf. In bestimmten Lebensphasen möchte man kürzer, in anderen Phasen wiederum länger arbeiten. 

Wenn dieses Modell Schule macht, welche Auswirkungen wird das auf den Arbeitsmarkt haben?

Ich erwarte, dass die Firmen mit flexiblen Arbeitszeiten erst mal ihre Mitarbeiter an sich binden können. Und ich vermute auch, dass im Ausgleich genauso viele Leute länger arbeiten wollen. Aber ich habe meine Befürchtung, dass dieses neue Modell nicht ausgeweitet wird auf alle Branchen. Das ist eine tarifvertragliche Regelung, die die starke IG Metall mit ihrem hohen Organisationsgrad und hoher Streikmacht durchsetzen konnte.

Wenn ich aber auf den Einzelhandel schaue, wo viele Frauen arbeiten, die gerne flexible Arbeitszeiten hätten, oder in andere Bereiche, da sehe ich, dass die Gewerkschaften sehr schwach sind und keine Gestaltungskraft mehr haben. Insofern glaube ich, dass wir einen gespaltenen Arbeitsmarkt haben - einen Bereich mit guten Arbeitszeiten und guten Löhnen und einen Bereich mit eher schlechten Löhnen und auch schlechteren Arbeitszeitmodellen.

Professor Gerhard Bosch emeritierter Professor an der Universität Duisburg-Essen. Er beschäftigt sich vor allem mit Arbeitssoziologie und Wirtschaftssoziologie. 

Das Interview führte Zhang Danhong.

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