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"Wir haben Dschihadisten unterschätzt"

Adelheid Feilcke22. März 2016

Um Dschihadismus effektiv zu bekämpfen muss die europäische Kooperation massiv verstärkt werden. Und Europa muss die Länder im südlichen Mittelmeerraum unterstützen, sagt Politologe Asiem El Difraoui im DW-Interview.

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Polizisten in Brüssel (Foto: DW/G. Matthes)
Bild: DW/G. Matthes

DW: Welches Signal geht von den jüngsten Anschlägen in Brüssel aus?

Asiem El Difraoui: Es geht hier um Belgien. Es geht aber natürlich auch darum, Brüssel als Hauptstadt Europas zu schlagen und damit uns alle als Europäer zu treffen. Was so erstaunt, ist die Nachlässigkeit bei der belgischen Polizei und bei der Kooperation auf europäischer Ebene. Die Menschen haben sich nach der Verhaftung von Abdeslam vor vier Tagen etwas viel auf die Schulern geklopft.

Hat man die Schlagkraft und den Organisationsgrad der Extremisten oder Dschihadisten unterschätzt?

Natürlich, es wurde von allen unterschätzt. Man hat sich zwar gewundert, dass es so viele Menschen waren, die damit zu tun haben. Und man hätte nach dieser Verhaftung eigentlich vermuten müssen, dass es noch weitere Zellen gibt - gerade nachdem die Franzosen auch daran beteiligt waren und es in den letzten Tagen misslungene Aktionen gegeben hatte.

Keiner will jetzt natürlich offen die Belgier kritisieren und brüskieren. Aber das ist eine Schlamperei seit 30 Jahren. Nur zur Erinnerung: Die Vorbereitung der Anschläge vom 11. September wurde auch aus Molenbeek bedient. Damals hat ein falsches Kamerateam den Führer der afghanischen Nordallianz in die Luft gesprengt.

Was muss jetzt geschehen?

Vor allem muss die europäische Kooperation verstärkt werden, und zwar ganz massiv. Europa muss sich Gedanken machen: Wie schafft man eine wirklich massive und sinnvolle Kooperation, nicht nur bei der Terrorismusbekämpfung, sondern vor allem bei der Prävention und der Deradikalisierung.

Asiem El Difraoui (Foto: DW)
Asiem El DifraouiBild: DW

Aber seit Jahren arbeiten Europol/Interpol bei diesem Thema zusammen - woran hakt es?

Anscheinend gibt es noch nicht genügend politischen Willen, die nationale Souveränität aufzugeben, souveräne Rechte. Das ist nicht anders zu erklären.

Versteht man noch nicht die Organisationsstrukturen der Islamisten, deren Denkweise?

Man versteht sie immer besser, aber es wird keine öffentliche Debatte darüber geführt. Belgien selbst hat kaum Präventionspolitik. Der European Counter-Terrorism-Coordinator Gilles de Kerchove sagte schon vor einem Jahr, man müsste ganz viel nachholen. Das sollten sie jetzt endlich auch machen! Und das sollten die Deutschen auch unterstützen.

Was bedeutet das für Deutschland, hat man mehr Grund zur Sorge?

Die Bedrohungslage ist seit langem relativ hoch. Man wusste doch, dass solche Dinge stattfinden werden. Die werden auch weiterhin stattfinden. Sie werden sich aber verringern, wenn wir alle an einem Strang ziehen und zusammenarbeiten. Auf keinen Fall jetzt auf Nationalstaatlichkeit zurückfallen und auf keinen Fall in Panik verfallen!

In welchem Zusammenhang steht das mit dem IS, wo ist das einzuordnen?

Wir haben den Dschihadismus seit dreißig Jahren vernachlässigt. Wir kümmern uns jetzt um den IS, den ich als DAESH bezeichne. Aber es geht nicht nur um DAESH. Es gibt viele andere Gruppierungen. Das ist eine festgefahrene und weit verbreitete Ideologie, und wir bekämpfen sie nicht gemeinsam. Gerade im südlichen Mittelmeerraum bei unseren Nachbarn hat sie ganz viele sozioökonomische Wurzeln. Und wir als Europäer gehen nicht mit einer gemeinsamen Politik an die Wurzel des Dschihadismus. Wir brauchen eine solidarische Politik mit den Ländern im südlichen Mittelmeerraum, wo der Dschihadismus noch viel mehr Opfer fordert. Wir machen da gar nichts. Das ist ein europäisches Armutszeugnis!

Also mehr Zusammenarbeit mit den europäischen Nachbarn und sicherheitspolitische Zusammenarbeit in Europa? Reicht das?

Wir brauchen vor allem einen Marschallplan für das südliche Mittelmeer, wo der Nährboden für Dschihadismus entsteht.

Werden die Attentate eine Wende in der Flüchtlingsdebatte nach sich ziehen?

Die Extremisten wollen vor allem polarisieren! Wir dürfen nicht in diese Polarisierungsfalle tappen. Dadurch, dass die Dschihadisten uns viel besser kennen als wir sie kennen, versuchen sie ständig, unsere Gesellschaft zu spalten. Die versuchen, Angst zu schüren. Gerade darauf dürfen wir nicht hereinfallen!

Das Gespräch führte Adelheid Feilcke.

Asiem el Difaouri ist ein ägyptisch-deutscher Politologe mit dem Schwerpunkt im Fachgebiet Dschihadismus und dschihadistische Internet-Propaganda.