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Wissen & Umwelt

"Wir haben den Erhalt der Arten im Herzen"

Jeden Tag sterben weltweit rund 150 Tierarten aus. Eine erschreckend hohe Zahl! Deutsche Zoos und Tierparks versuchen mit Natur- und Artenschutzprojekten gegenzusteuern.

Per Telemetrie auf Schwarzfußkatzensuche. Biologe Alexander Sliwa (Foto: Alexander Sliwa)

Per Telemetrie auf Schwarzfußkatzensuche. Biologe Alexander Sliwa

Der Biologe Alexander Sliwa arbeitet als Kurator im Kölner Zoo. Eine seiner Aufgaben ist die Betreuung einiger Artenschutzprojekte.

DW-WORLD.DE: Was sind die Ziele des Artenschutzes?

Alexander Sliwa: Wir wollen die Biodiversität dieser phantastischen Welt erhalten, die Lebensräume mit ihren Tieren mit ihren komplexen Verbindungen, die alle auch eine Funktion haben. Artenvielfalt kann wichtig sein für die Gewinnung von Medikamenten in der Zukunft. Außerdem möchten wir uns doch alle mit Schönheit umgeben, deswegen ist es wichtig die Biodiversität und die Vielfalt zu erhalten.

Alexander Sliwa mit einer südafrikanischen Schwarzfußkatze (Foto: Alexander Sliwa)

Alexander Sliwa mit einer südafrikanischen Schwarzfußkatze

Wie funktioniert Artenschutz konkret? In deutschen Zoos werden exotische Arten erforscht und gezüchtet und dann in ihrer Heimat wieder ausgewildert?

Das ist leider nicht ganz so einfach. Die bedrohten Arten sind meistens besonders anfällig für Umweltzerstörung und störende menschliche Einflüsse. Diese Bedrohungsfaktoren abzustellen, ist sehr schwierig. Bei Tieren, die überjagt oder für den Heimtierhandel gefangen werden, macht es daher nur Sinn, sie in Zoos zu züchten und wieder auszuwildern, wenn gleichzeitig auch die primäre Gefahr ausgeschaltet wird.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit Naturschutzinitiativen in den ausländischen Reservaten aus?

Ein Teil der Arbeit hat immer mit Menschen zu tun. Man muss Kontakte knüpfen, man muss zusammen ins Feld gehen. Es sind natürlich auch einige formelle Besuche wichtig. Aber es überwiegt die Feldarbeit, das heißt man leitet an und versucht den Leuten Know-how rüber zu bringen. Im Grunde macht man dort gemeinsam mit den Leuten zum Teil sehr grundlegende Arbeit. Manchmal ist es auch erstmal wichtig, die Biologie der Arten im Freiland zu untersuchen, um ein gutes Auswilderungsprojekt anzustoßen. Oft sind die Grundlagen der Biologie der bedrohten Arten erst durch Zoohaltung bekannt geworden. Dinge wie Tragezeit, Säugezeit, Aufzucht und Sozialsystem.

Wie ist die Akzeptanz der Einheimischen?

Die meistens durchweg sehr gut. Die Leute, die man dort antrifft, sind meist sehr positiv aufgeschlossen. Man sucht sich natürlich auch Partner, mit denen man gerne zusammen arbeitet. Zum Teil sind die Aktivitäten der Zoos dort sogar das Haupteinkommen solcher Reservate, die leider manchmal auch nur auf dem Papier existieren. Das versucht man als Mitarbeiter eines Zoos dann natürlich zu ändern.

Przewalskipferde (Foto: dpa)

Przewalskipferde werden in Ungarn und China ausgewildert

An welchen Artenschutzprojekten ist der Kölner Zoo beteiligt?

Der Kölner Zoo hat seit zehn Jahren ein sehr großes Projekt in Vietnam, im Biosphärenreservat Phong Nah-Ke Bang. Verschiedene Kuratoren reisen dort jährlich hin, machen Biodiversitätsaufnahmen, katalogisieren die Vielfalt der Arten, helfen den Nationalpark auszubauen, die Ranger zu trainieren und versuchen außerdem auf höchster politischer Ebene dort Einfluss zu nehmen. Das ist ein Langzeitprojekt, insofern bestehen sehr gute Beziehungen durch alle Bevölkerungsschichten in Vietnam.

In Phong Nah-Ke Bang gibt es über 300 Vogelarten, die katalogisiert wurden, es gibt weit über 100 Reptilienarten, von Insekten brauchen wir gar nicht zu reden, das sind Tausende. Aber es gibt immer einige charismatische Arten, woran sich das Programm aufzieht. In diesem Fall die Kleideraffen. Kleideraffen sind die Crème de la crème der Affenhaltung. Das sind sehr empfindliche Affen, die nur ganz spezielle Laubsorten fressen. Wir halten diese Affenart seit 40 Jahren und zig Generationen, dafür ist der Kölner Zoo bekannt. Und wir tun ganz punktuell etwas für diese Affenart in Vietnam, statt sie nur hier zu zeigen.

Neben Vietnam sind wir im Vogelbereich schon sehr lange beim Balistar aktiv, einem sehr hübschen weißen Starenvogel von der indonesischen Insel Bali. Ein anderes Projekt ist das Przewalskipferd, ein mongolisches Wildpferd. Nach guten Zuchterfolgen in vielen Zoos ist das hauptsächlich ein Wiederansiedlungsprojekt, also man versucht die Tiere dahin zu bringen, wo sie einmal waren. Bartaffen sind sehr bedroht in Süd-West-Indien. Seit vielen Jahren halten wir eine sehr erfolgreiche Bartaffengruppe. Ich selbst koordiniere das Europäische Haltungs-Zoo-Zucht-Programm. Da ist es sehr wichtig, vor anderen Haltern mit gutem Beispiel voranzugehen und etwas zu tun, um die gute Freilandarbeit der Inder zu unterstützen.

Roter Panda (Foto: dpa)

Der Rote Panda (Ailurus fulgens) lebt im Himalaya und gehört zu den stark bedrohten Arten

Wo liegen die deutschen Zoos mit ihrem Engagement im internationalen Vergleich?

Mit gutem Beispiel gehen viele der größeren amerikanischen Zoos voran, wo es sogar Teil der Legislative ist, wenn man neue Gründertiere einer Zuchtpopulation importieren will, muss man dem "Fish and Wildlife Service", also der amerikanischen Behörde, beweisen, dass man gleichzeitig etwas für den Schutz vor Ort tut. Das heißt, man ist sogar gesetzlich dazu verpflichtet. Die Deutschen sind sicherlich im europäischen Vergleich relativ weit oben angesiedelt. Auch die Engländer sind sehr aktiv. Dort gibt es eine sehr große Zoo- und Naturschutzkultur. Die Deutschen sind sicherlich mit an der Spitze, aber es könnte natürlich noch sehr viel mehr getan werden.

Warum liegt der Großteil der Aktivitäten deutscher Zoos im Ausland? In Deutschland gibt es doch auch bedrohte Arten.

Gerade als Zoo hat man durch die guten Kontakte, die man weltweit besitzt, gute Möglichkeiten, in Ländern zu arbeiten, wo jeder Euro zählt. Man kann wesentlich mehr erreichen mit weniger Geld, als wenn man in Deutschland investieren würde. Trotzdem hat der Kölner Zoo auch ein lokales Projekt zum Amphibienschutz. Wir haben Teichlandschaften renaturiert und engagieren uns auch lokal, aber ein internationales Engagement bringt mehr und es sind oft auch Projekte, in die kein anderer investieren würde.

Erhoffen Sie sich große Impulse für ihre Artenschutzprojekte, jetzt, da die Vereinten Nationen das Jahr 2010 zum "Internationalen Jahr der Biodiversität" ausgerufen hat?

Eigentlich würde ich das nicht erwarten. Das ist ohnehin einer unserer Leitsprüche hier im Zoo. Wir wollen eine Artenvielfalt zeigen. Wir wollen die Natur und die Vielfalt erlebbar machen und bei einem Zoobesuch in einem guten Querschnitt zeigen, wie phantastisch die Natur ist. Es nützt uns natürlich sehr, dass dies in diesem Jahr ein gemeinschaftliches Ziel ist und wir werden natürlich versuchen, davon zu profitieren, aber eigentlich ist es schon in unserem Herzen. In den letzten Jahrzehnten war das immer das Ziel eines modernen Zoos, Biodiversität zu zeigen und zu unterstützen.

Das Interview führte Andreas Ziemons

Redaktion: Judith Hartl

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