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Presse

„Wir haben beiden Seiten gleichen Raum geboten“

Fragen an Nadine Klemens, Regisseurin auf deutscher Seite.

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Nadine Klemens

Was ist das Besondere an einem solchen Projekt?
Nadine Klemens: Auch wenn man vorher ein gemeinsames Drehbuch geschrieben hat, merkt man beim Schnitt, wie unterschiedlich ein historisches Ereignis von zwei Seiten gesehen werden kann. Es ist faszinierend, zu sehen, wie das, was in Deutschland vielleicht nicht so bekannt ist, auf Seiten der Polen gesehen wird. Das Spannende war, die beiden Perspektiven zu verbinden.

Sie waren unabhängig voneinander zum Drehen unterwegs, haben dann gemeinsam geschnitten. Wie funktioniert so etwas?
Nadine Klemens: Wir haben vorher ein Konzept besprochen und uns auch auf eine Ästhetik geeinigt, was die Interviews betrifft. Beim Schnitt mussten wir Rhythmusfragen – so nenne ich sie einmal – klären. In Deutschland sind die Zuschauer vielleicht ein wenig ungeduldiger, sie wollen schneller unterhalten werden. In Polen wird, meine ich, langsamer erzählt. Beides mussten wir berücksichtigen und haben eine Mischung gemacht. Jetzt hoffen wir, dass es beiden Seiten gefällt.

Gab es Momente, Situationen, die Sie emotional bewegt haben?
Nadine Klemens: Das Schlimmste ist natürlich, wenn man in der Wochenschau oder auf Fotos Leichen von polnischen Zivilisten sieht, wenn man diesen Tod in den Dörfern vor Augen geführt bekommt. Ich glaube, da kann keiner einfach abschalten und sagen: Ja, das ist halt so. Das berührt einen, zumal wenn man mit Menschen spricht, die dabei waren, die das hautnah erlebt haben.

Welche zentrale Aussage will der Film transportieren?
Nadine Klemens: Das Markante an diesem Film ist zweifellos, dass hier ein historisch belastendes Ereignis erstmals von beiden Seiten, aus beiden Perspektiven, erzählt wird: von Seiten der Aggressoren und von Seiten der Opfer. Ich finde es sehr wichtig, dass man 70 Jahre nach Kriegsbeginn beiden Seiten gleichen Raum bietet, um dies darstellen zu können. Und ich denke, es ist wichtig, jüngeren Leuten zu zeigen, was da passiert ist und wie man heute damit umgehen kann.

Einerseits die Gespräche mit Zeitzeugen, andererseits die historischen Aufnahmen – entsteht da immer ein ganzes Bild?
Nadine Klemens: Wir haben einen Zeitzeugen, der während des Krieges 2000 Fotos gemacht hat. Das sind zum Teil sehr persönliche Aufnahmen, zum Teil Bilder vom Kriegsgeschehen, die man sonst wohl nur aus der Wochenschau kennt. Hier verbindet sich im Laufe des Gesprächs die persönliche Geschichte mit dem historischen Material. Sie erscheint in einem größeren Zusammenhang. Dann kann man vom Großen ins Kleine gehen und umgekehrt. Das ist sehr spannend, diese Ebenen miteinander zu verbinden.

Das heißt, der Sprung von Schwarz-Weiß zur Farbe wird – bildlich gesprochen – in diesem Film mit konkretem Leben gefüllt?
Nadine Klemens: Die Fotos sind natürlich auch jetzt schwarz-weiß. Aber dadurch, dass die Menschen so lebendig erzählen, kann man beides gut kombinieren. Im Übrigen gibt es ja auch Archivbilder in Farbe. Wir haben das Material mit Eva Braun – Hitler auf dem Obersalzberg – in Farbe, was ich persönlich ganz interessant finde. Viele denken, Hitler muss in Schwarz-Weiß sein, der ist Geschichte. Ich meine, es hat nicht unbedingt etwas mit der Frage zu tun, ob die Bilder in Farbe oder Schwarz-Weiß sind, um eine Nähe zu den Ereignissen entstehen zu lassen. Es hat vielmehr mit den Erzählungen der Zeitzeugen zu tun, wie die Menschen das auch für sich persönlich einordnen.

Welche Hoffnung verbinden Sie mit diesem Film?
Nadine Klemens: Ich würde mich freuen, wenn sich insbesondere jüngere Menschen den Film anschauen und die Geschichte künftig mit einer neuen Sichtweise unter neuem Blickwinkel – auch von polnischer Seite – erleben. Dass sie dies nicht abtun mit der Bemerkung: Da erzählen die Alten doch nur wieder alte Geschichten. Das wäre ein Erfolg, wenn dies so ankommt. Durch diese Koproduktion ist auch bei mir ein neuer Blickwinkel hinzugekommen. Es wäre auch ein Erfolg, wenn insbesondere die Zuschauer in Polen durch den Film erkennen, dass beide Seiten das Thema mit großem Interesse und großem Ernst aufgearbeitet haben. Und wenn man sich auf deutscher Seite durch den Film auch noch einmal mit der Frage der Schuld auseinandersetzt.