1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Globale Zusammenarbeit

Wir brauchen eine neue Nahrungsmittelethik

Das Konsumverhalten der Staaten des Nordens ist mit verantwortlich für den Hunger in der Welt. Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe, fordert einen verantwortungsvolleren Umgang mit Nahrungsmitteln.

Weltkarte aus Reiskörnern (Grafik: Peter Steinmetz)

Es gibt genug Nahrung für alle - aber nicht jeder kann sie sich leisten

Ethik, das ist die Lehre vom richtigen Handeln, davon, wie wir leben sollen. Nahrungsmittelethik meint demnach einerseits den verantwortungsvollen Umgang mit denjenigen Nahrungsmitteln, die uns zur Verfügung stehen. Auf der anderen Seite heißt Nahrungsmittelethik auch, globale Ressourcen so zu gebrauchen, dass kein Mensch auf dieser Welt Hunger leiden muss.

Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe (Foto: DW)

Bärbel Dieckmann ist Präsidentin der Welthungerhilfe

Erst kürzlich erschien ein neuer Film auf den Kinoleinwänden: "Taste the Waste" schockiert uns mit der Botschaft, dass rund die Hälfte unserer Nahrungsmittel – bis zu 20 Millionen Tonnen allein in Deutschland – im Müll landet, das meiste davon bereits auf dem Weg vom Anbau in den Verkauf. Auch in anderen Industrieländern wie den USA oder Großbritannien werden Unmengen an Nahrungsmitteln weggeworfen – wegen abgelaufener Haltbarkeitsdaten, zu kleiner Lagerhallen oder oberflächlicher Makel.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) geht davon aus, dass weltweit ein Drittel aller Lebensmittel vergammeln und nicht auf dem Teller, sondern im Abfall landet. Diese Tatsache an sich ist bereits ein Skandal. Hinzu kommt, dass wir im industrialisierten Norden nicht losgelöst vom Rest der Welt leben, sondern in einem globalen Dorf, in dem andere Menschen leiden, wenn wir mehr Ressourcen verbrauchen als uns legitimerweise zustehen würden. Denn durch die Verschwendung von Nahrungsmitteln verschwenden wir auch das Wasser, die fruchtbaren Anbauflächen und die Energie, die für die Herstellung der Nahrungsmittel verwendet werden. Zudem fungieren die Konsumenten im Norden durch ihre hohe Nachfrage als Preistreiber, so dass Nahrungsmittel für arme Menschen unerschwinglich teuer werden.

Menschenrecht auf Nahrung

Neugeborenes Baby auf einer Liege mit zwei Hebammen (Foto: dapd)

Danica Camacho aus Manila ist der siebenmilliardste Mensch - symbolisch

Zusätzlicher Druck auf die Agrarproduktion und damit auf das Angebot an Nahrungsmitteln entsteht durch die stetig wachsende Weltbevölkerung. Ende Oktober 2011 begrüßten die Vereinten Nationen symbolisch den siebenmilliardsten Menschen. Jede Sekunde kommen 2,6 Menschen weltweit hinzu. Es wird angenommen, dass trotz dieser wachsenden Anzahl von Menschen zum jetzigen Zeitpunkt weltweit genügend Nahrungsmittel produziert werden, um theoretisch die gesamte Weltbevölkerung zu ernähren. Niemand müsste hungern, weil zu wenig Ressourcen vorhanden sind.

Tatsache ist jedoch, dass weiterhin fast jeder siebte Mensch abends hungrig zu Bett geht. Das Problem liegt in der unzureichenden Kaufkraft der armen Haushalte in Entwicklungsländern und damit im Zugang zur Nahrung. Was vielen dabei nicht bekannt sein dürfte: Jeder Einzelne der 7.000.000.000 Menschen auf dieser Welt hat ein menschenrechtlich verbürgtes Recht auf Zugang zu ausreichender, gesunder und angemessener Nahrung. Dieses Recht auf Nahrung ist ein grundlegendes, unteilbares Menschenrecht, durch das arme Menschen in Entwicklungsländern von Hilfeempfängern zu Rechteinhabern werden.

Verfehltes Millenniumsziel

Im Jahr 2000 hatte sich die internationale Staatengemeinschaft das Ziel gesetzt, den Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Nach jetzigem Stand wird jedoch selbst dieses wenig ambitionierte Ziel verfehlt. Dabei müssen wir uns bewusst machen, dass die globale Ernährungssicherheit auch mit unseren Ess- und Lebensgewohnheiten, mit unserem Konsumverhalten zusammenhängt. Denn in einer globalen Gesellschaft, die von den Gesetzen des Marktes dominiert wird, hat die Kaufkraft der europäischen Konsumenten, die sich die angebotenen Nahrungsmittel meist ohne weiteres leisten können, deutlich mehr Gewicht, als die Stimmen der Hungernden und Armen.

Gehungert wird paradoxerweise ausgerechnet dort, wo die Nahrungsmittel produziert werden: 80 Prozent der weltweit Hungernden leben auf dem Land. Die meisten davon sind in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft tätig und können sich und ihre Familien dennoch nicht ausreichend ernähren.

Tank, Trog oder Teller?

Biodiesel-Zapfhahn und blauer Telle mit Fliegen (Foto: dpa)

Nahrung für Menschen oder Maschinen - Streitthema Biosprit

Erschwerend kommt hinzu, dass viele der in der Landwirtschaft erzeugten Produkte – wie z.B. Weizen, Mais oder Soja – heutzutage nicht mehr unbedingt direkt der menschlichen Ernährung dienen. Sie werden nicht mehr zur Herstellung von Nahrungsmitteln, also für den Teller, sondern stattdessen für den Trog oder den Tank verwendet.

Auf den ohnehin knappen Anbauflächen werden in zunehmendem Maße Produkte zur Herstellung von Futtermitteln für Tiere oder von Agrartreibstoffen angebaut. Zusätzlich zur Nutzung wertvollen Ackerlandes bindet die Herstellung dieser Produkte sehr viel Wasser – dies schafft zusätzliche Probleme in Regionen, in denen die Wasserversorgung ohnehin problematisch ist. Und die Industrieländer befeuern diese Entwicklung weiter: Einerseits wird in Industrie- und Schwellenländern immer mehr Fleisch gegessen, so dass die Nachfrage nach der Produktion von Tiernahrung für den Fleischkonsum steigt. Andererseits versuchen die Regierungen des Nordens weniger abhängig von fossilen Treibstoffen zu werden und führen Beimischungsquoten für Agrartreibstoffe ein.

In praktisch allen Teilen der Welt hat sich durch die Agrartreibstoffpolitik der Industrienationen der Zugriff auf die landwirtschaftlichen Ressourcen Land und Wasser deutlich erhöht. Zwar kann eine nachhaltige und armutsorientierte Biokraftstoffproduktion zur Entwicklung ländlicher Räume in Entwicklungsländern beitragen. Die politischen Anreize im Norden führen allerdings dazu, dass die Energiebedürfnisse der Industrienationen zunehmend Vorrang vor den Bedürfnissen der heimischen Bevölkerungen bekommen.

Preistreiber Spekulation

Doch nicht nur im Bereich der Agrartreibstoffe werden Nahrungsmittel "zweckentfremdet": Seit einiger Zeit haben Finanzmarktspekulanten Nahrungsmittel als Spekulationsobjekt für sich entdeckt. Das branchenfremde Wetten auf die zukünftige Preisentwicklung von Nahrungsmitteln, das längst weit über die "normale" Absicherung zwischen Produzent und Abnehmer hinausgeht, trug in der jüngsten Vergangenheit zu den drastischen Preissteigerungen für Nahrungsmittel bei. Auch der kürzlich veröffentliche Welthunger-Index 2011 benennt Nahrungsmittelspekulation als einen der zentralen Gründe für die Preissteigerungen der letzten Jahre.

Diese treffen die Entwicklungsländer besonders hart und bedrohen direkt die Existenz der Ärmsten der Armen: Während Haushalte in Deutschland durchschnittlich 10 bis 15 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, sind es in Entwicklungsländern rund 70 Prozent. Diese Haushalte können sich angesichts der aktuellen Preissteigerungen vielfach nur noch qualitativ schlechtere und quantitativ weniger Nahrungsmittel leisten. Hinzu kommt, dass die kleinbäuerlichen Produzenten der Nahrungsmittel von den Preissteigerungen meist nicht einmal angemessen profitieren, da sie ihre Produkte häufig direkt nach der Ernte, wenn die Preise am niedrigsten sind, verkaufen müssen. Auch hier können wir durch unser Kaufverhalten dazu beitragen, dass Bauern in Entwicklungsländern gerechte Preise für ihre Erzeugnisse erhalten, von denen sie sich und ihre Familien ausreichend ernähren können.

Vier Frauen mit Einkaufstaschen und im Müll wühlender dunkelhäutiger Junge (Foto: fotolia.com, dpa)

Verschwendung im Norden verstärkt den Hunger im Süden

Würden bei uns ähnliche Preisverhältnisse herrschen wie in Entwicklungsländern und wären wir gezwungen, einen vergleichbaren Prozentsatz unseres monatlichen Einkommens für den Erwerb von Nahrungsmitteln aufzuwenden, müssten wir für einen Laib Brot 30 Euro und für einen Sack Kartoffeln 50 Euro bezahlen. Angesichts eines solchen Szenarios ist es mehr als fraglich, ob es sich Supermarktketten wie auch Endverbraucher leisten könnten, weiterhin Nahrungsmittel im selben Umfang wie bisher einfach wegzuwerfen. Mit unserem Konsumverhalten gefährden wir die Lebensgrundlage der Menschen in Entwicklungsländern. Nur wenn bei der Produktion und Verwendung von Nahrungsmitteln rasch ein Umdenken in unserer Gesellschaft und Politik stattfindet, können wir vermeiden, dass weiterhin andere Menschen durch unsere Lebensweise Schaden nehmen.

Autorin: Bärbel Dieckmann
Redaktion: Matthias von Hein