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Fokus Osteuropa

"Wir brauchen auch künftig eine internationale Truppe im Kosovo"

Klaus Reinhardt, früherer Kommandeur der KFOR-Truppen im Kosovo, spricht im Interview mit DW-RADIO über mögliche Grenzänderungen auf dem Balkan, die Frage der Minderheiten und eine zukünftige internationale Präsenz.

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General Reinhardt im Kosovo-Einsatz

DW-RADIO/Griechisch: In diesen Tagen beginnen die Verhandlungen über den zukünftigen Status des Kosovo. Teilen Sie die Einschätzung, dass ein Wiederaufflammen des bewaffneten Konflikts im Kosovo möglich ist?

Klaus Reinhardt: Das kann man so nicht sagen. Er kann bevorstehen, wenn es jetzt bei den anlaufenden Verhandlungen zwischen Kosovo und Belgrad, die Herr Ahtisaari führt, zu keinem Ergebnis kommt. Dann kann der Konflikt wiederaufflammen.

Wie groß ist Ihrer Meinung nach die Gefahr, die aus dem Konflikt um das Presevo-Tal in Südserbien hervorgeht?

Das Presevo-Problem ist natürlich ein ungelöstes Problem, weil im Bereich Presevo, Medvedja und Bujanovac etwa 80.000 Albaner auf serbischen Gebiet leben – genau so, wie nördlich von Mitrovica eben Serben leben, die eine in sich geschlossene Enklave bilden. Die politischen Voraussetzungen, die im Augenblick den Verhandlungen zugrunde liegen, sagen: keine Grenzänderungen, Verhandlungen über Kosovo in den jetzigen Grenzen. Ich halte das für richtig, weil ich glaube, wenn man dort die Grenzen öffnet und sagt: Nun holen wir den Bereich Südserbien zu Kosovo dazu und teilen dafür den Teil nördlich von Mitrovica ab, das würde bedeuten, dass viele andere ethnische Fragen am Balkan wahrscheinlich ähnlich aufkommen. Man sagt: Wenn dort getrennt werden kann, warum bei uns auch nicht? Man müsste also, meine ich, in den Verhandlungen alles daran setzen, dass es bei der jetzigen Lage bleibt. Denn wenn Serbien und Kosovo langfristig nach Europa kommen, ist die Grenze kein Problem mehr.

Wie lange wird der Westen Ihrer Einschätzung nach militärisch aktiv im Kosovo bleiben müssen?

Er wird noch länger bleiben müssen, denn wie auch immer die Verhandlungen ausgehen, es muss einer der zentralen Punkte sein, die Minderheitenrechte für die Serben, für die Türken, die Bosniaken und die verschiedenen Roma- und Sinti-Familien auf die gleiche Ebene zu schieben wie die Menschenrechte für die Mehrheit, sprich für die Albaner. Und das muss abgesichert werden. Das muss abgesichert werden durch eine internationale Truppe, die deutlich kleiner sein kann als das, was wir im Augenblick haben, die irgendwann vielleicht auch einmal mit einer internationalen, europäischen Polizeitruppe abgesichert werden kann. Aber wir brauchen mit Sicherheit Elemente der internationalen Gemeinschaft, die überwachen, dass die den Minderheiten zugestandenen Rechte nicht nur auf dem Papier stehen, sondern auch eingehalten werden.

Das setzt aber erfolgreiche Verhandlungen voraus.

Natürlich. Wenn es dazu nicht kommen sollte, dann ist es für mich völlig unklar, zu erkennen, wie lange das noch geht. Es wird zumindest deutlich länger sein, als wenn man jetzt zu einem wie auch immer gearteten Verhandlungsergebnis kommt. Und ein Verhandlungsergebnis wird meines Erachtens eine konditionierte Selbstständigkeit des Kosovo sein, wobei eben die Frage der Minderheitenrechte eine der entscheidenden Konditionen sein muss. Man muss den Minderheiten eine Chance bieten, dort weiter zu leben, ohne in Enklaven eingesperrt zu sein.

Wie beurteilen Sie rückblickend den NATO-Militäreinsatz im Kosovo?

Ich bin der Meinung, dass der Einsatz des Militärs in Kosovo erforderlich war, um die Auseinandersetzungen zwischen den Serben und der albanischen Bevölkerung von Kosovo zu stoppen. Dort hat es jahrelang Auseinandersetzungen gegeben, es hat große Vertreibungen gegeben. Ich glaube, ohne den Friedenseinsatz der internationalen KFOR wären diese Auseinandersetzungen weitergegangen, und wir konnten sie stoppen. Das ist ein großer Erfolg gewesen.

Das Interview führte Georgios Pappas
DW-RADIO/Griechisch, 24.11.2005, Fokus Ost-Südost