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Politik

"Wir Amerikaner fühlen uns im Ausland jetzt unbehaglich"

Nach dem 11. September 2001 waren die Sympathien für die USA in Deutschland und ganz Europa grenzenlos. Das hat sich mittlerweile grundlegend geändert - Amerikaner fühlen sich im Ausland heute nicht mehr wohl.

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Es war einmal ... Solidaritätsbekundung mit den USA in Paris 2002

"Wenn ich an den 11. September 2001 zurückdenke, schnappe ich jedes Mal nach Luft", sagt Kelly, eine Amerikanerin, die seit 17 Jahren in Deutschland lebt. "Es ist wie der Ground Zero: ein großes Loch in meinem Bauch, noch immer."

Sie erinnert sich lebhaft an diesen Tag. Sie war auf dem Weg zu einem Termin in Bonn und sang den Song "Beautiful Day" ihrer Lieblingsband U2 mit, der gerade im Radio lief. Es war tatsächlich ein schöner Tag, die Septembersonne schien zum Fenster hinein und wärmte ihre Wangen.

Das Klingeln des Handys riss sie aus ihrem musikalischen Tagtraum. "Ein Freund rief mich an und sagte, dass gerade ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen sei, und gleich darauf noch ein weiteres", sagt Kelly, eine gebürtige New Yorkerin. Sie hielt an, sie war zu erschüttert, um weiterfahren zu können. "Mit dem zweiten Flugzeug wusste ich, dass es kein Zufall sein konnte", sagt sie.

Vollkommen allein

Ground Zero ein Jahr danach

Ground Zero 2002: Spiegel amerikanischer Gefühle

Die in Washington D.C. geborene My-Linh Kunst lebte zur selben Zeit in Brüssel, war aber am 11. September in Frankfurt. "Mein Mann arbeitete bei einer Messe und ich übersetzte", erzählt My-Linh. "Ich nahm eine späte Mittagspause und stellte CNN an. Als das zweite Flugzeug einschlug, sagte der Reporter, es sei eindeutig ein Terroranschlag."

Wie Millionen andere saß My-Linh tagelang gebannt vor dem Fernseher. Für viele Amerikaner im Ausland war das Fernsehen die einzige Informations- und auch Trostquelle. "Ich versuchte, meine Familie in Washington zu erreichen, aber ich kam nicht durch", sagt My-Linh. "Ich war vollkommen allein."

Fiona Newman leitete am 11. September 2001 eine amerikanische Geschäftsgruppe in London. Als die Nachricht kam, wechselten die meisten vom Büro in einen Pub, in dem es einen Fernseher gab. "Alle im Pub weinten", sagt Fiona. "Es war absolut unvorstellbar, dass so etwas passieren könnte, vor allem nicht in Amerika. Die Amerikaner haben sich zu sicher gefühlt."

Geteilte Reaktionen

In diesen ersten Tagen war die Solidarität mit den USA auch in Deutschland grenzenlos, sie erleichterte den Schmerz. "Tage- und wochenlang wurden nach dem 11. September rund um das "Amerika Haus" in Köln Blumen und Kerzen niedergelegt", sagt Bernd Herbert, Kulturdirektor der Organisation.

Aber die Sympathie hielt nicht an. "Die Amerikaner haben es vermasselt", sagt Kelly. Der außenpolitische Kurs, den die USA als Antwort auf die Attacken vom 11. September einschlug - die Invasion in Afghanistan, der Krieg im Irak, die tolerierte Folter in Abu Ghraib und die Behandlung der Gefangenen in Guantanamo - zerstörte das Mitgefühl für ihr Heimatland, glaubt Kelly.

Amerika Haus Köln am 11. September 2001

Gedenken in Köln 2001: "Die Amerikaner haben es vermasselt"

Eine Studie des amerikanischen "Pew Research Center" in diesem Jahr (2006) bestätigt diese Annahme. Nach der Befragung von 17.000 Menschen in 15 verschiedenen Staaten kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass "sich das Image Amerikas in der Welt erneut verschlechtert und die Unterstützung für den Krieg gegen den Terrorismus abgenommen hat, sogar in den USA nahe stehenden Staaten wie Japan. Positive Meinungen über die Vereinigten Staaten haben in den meisten der befragten Ländern abgenommen", so die Studie. "Der Krieg im Irak ist ein Faktor, der das Image der USA kontinuierlich verschlechtert, nicht nur in muslimischen Ländern, sondern auch in Asien und Europa", heißt es weiter.

Laut Heike Bungert, Professorin für nordamerikanische Geschichte an der Universität Bremen, tritt Anti-Amerikanismus in Wellen auf. Im Moment sei die Welle auf Grund der amerikanischen Außenpolitik besonders hoch. Sie beobachte es bei ihren Studenten: "Sie haben den Verdacht, dass die USA überall intervenieren wollen."

Verantwortung des Westens

Viele führende Politik-Analytiker glauben, dass der Krieg im Irak mehr Nach- als Vorteile gebracht hat. Der Philosoph Francis Fukuyama, der zuvor der neo-konservativen Bewegung nahe stand, distanzierte sich von dieser kurz vor Beginn des Krieges. "Der Irak ist zu einem Nährboden für Terrorismus geworden", sagte Fukuyama dem "Spiegel" im Frühjahr 2006. "Er hat viele Menschen dazu angeregt, Widerstand zu leisten und dem Djihad beizutreten."

Flaggen Deutschland und USA

Flaggen USA und Deutschland: "Brutale Verwestlichung des Planeten"

Andere weisen darauf hin, dass Macht und Privilegiertheit der USA Anti-Amerikanismus förderten. "Wir sind eine Supermacht, und damit gehen einige Ressentiments einher", sagt US-Unterstaatssektretärin Karen Hughes.

Ähnlich argumentiert der Philosoph André Glucksmann, Franzose deutsch-jüdischer Abstammung. Dem "Spiegel" sagte er, dass "Menschen den Mythos von der ‘Supermacht Amerika’ benutzen, um dem Land für alles die Schuld zuzuschreiben. Die Welt ist aber schon seit langem multi-polar geworden; Amerika ist nicht dazu in der Lage, seine Konditionen überall zu diktieren."

Bungert, Fukuyama und Glucksman glauben, dass es die Modernisierung ist, die den Treibstoff für Frustration, Ressentiments und letztendlich den Terrorismus liefert. "Die Modernisierung oder präziser: die brutale Verwestlichung des Planeten hat drei Viertel der Welt zum rotieren gebracht", sagt Glucksman.

"Fuck Bush"

Der Drang zu tadeln hält sich auch in Deutschland hartnäckig. Carmen Pang, Amerikanerin und Einwohnerin Kölns, schlenderte im Juni mit ihrem Mann durch die Stadt. Anlässlich der gerade stattfindenden Fußball WM trug ihr Mann einen Cowboyhut, um seine Sympathien für das US-Team zu bekunden. Als das Paar an einem Café vorbeikam, rief ihnen jemand "Fuck Bush" hinterher.

Obwohl Carmen daran lange zu kauen hatte, ist sie sicher, dass die meisten Deutschen zwischen der Politik Amerikas und seinen Einwohnern unterscheiden können. Sie fühlt sich in Deutschland willkommen, trotz allem.

Bush-Besuch in Deutschland - Demonstration in Kassel

Anti-Bush-Demo: "Differenzieren zwischen Amerikas Politik und seinen Einwohnern"

Man mag annehmen, dass im Ausland lebende Amerikaner eine distanzierte Haltung zu ihrem Heimatland haben - immerhin impliziert der Ausdruck "ex-patriot" eine gewisse Illoyalität. Auf der anderen Seite sehen sich einige Auswanderer als inoffizielle Botschafter ihres Landes. "Es ist so einfach, Amerika zu kritisieren und sich von allem zu distanzieren, wenn man in Übersee lebt", sagt My-Linh. "Auch wenn ich die gegenwärtige amerikanische Außenpolitik nicht verteidige, bin ich im Grunde genommen ziemlich patriotisch und stolz darauf, Amerikanerin zu sein. Ich lehne eine übermäßig harte Kritik an Amerika schlichtweg ab."

Mary sagt, dass es schwierig sei, wenn man auf taube Ohren stoße. "Wir sind Auswanderer, und ob wir nun hinter der amerikanischen Politik stehen oder nicht - als Amerikaner fühlen wir uns im Ausland jetzt unbehaglich."

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