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Bildung

"Wir öffnen die Universität für die Bürger"

Peter Sloterdijk, einer der bekanntesten Philosophen der Gegenwart, ist Rektor der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Im DW-Interview spricht er über das besondere Konzept der HfG und das Studium des "Diplom-Bürgers".

Peter Sloterdijk bei einer Lesung im ZKM Karlsruhe am 17. Juli 2009 (Foto: Rainer Lück, Quelle: wikipedia.org)

Peter Sloterdijk

DW-WORLD.DE: Herr Sloterdijk, die Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe ist eigentlich eine noch recht junge Hochschule. Sie wurde 1992 gegründet, und Sie leiten diese Hochschule jetzt seit zehn Jahren. Heutzutage, wo der Umgang mit Medien selbstverständlich ist und auch das digitale Zeitalter uns längst erreicht hat, wie grenzen Sie sich zu anderen Hochschulen ab, die sich mit Mediendesign beschäftigen?

Prof. Dr. Peter Sloterdijk: Man darf eines nicht vergessen: Als die Hochschule gegründet wurde, waren wir nicht nur im deutschen, sondern im europäischen Maßstab Avantgarde. Wir haben die Tradition– eine der wenigen Traditionen in der deutschen Kunst- und Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts, für die man sich auch im Nachhinein in keiner Hinsicht zu schämen braucht –, nämlich die Tradition des Bauhauses wieder aufgenommen.

In der späteren Periode hat das Bauhaus von Weimar und Dessau sich "Hochschule für Gestaltung" genannt, und als Otl Aicher [einer der Wegbereiter des Corporate Design] nach dem Zweiten Weltkrieg die Kunst des Designs und überhaupt die Idee einer designerischen Reform der Welterscheinung, wieder aufgenommen hat, hat er selbstverständlich auch diese Formel von der "Hochschule für Gestaltung" wieder benutzt.

Hochschule für Gestaltung Karlsruhe: Jahresausstellung SOMMERLOCH 09 (14.-19.07.2009): Wandvorhang der Ausstellung des Fachbereichs Kommunikationsdesign (Foto: Damian Maria Domes, HfG Karlsruhe)

Avantgarde: Wandvorhang, entworfen von Studierenden des Fachbereichs Kommunikationsdesign

In der Welt neuer Medien ist es dann unserem damaligen Gründungsrektor Heinrich Klotz gelungen, diese Institution, die Kunsthochschule für Gestaltung in Verbindung mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie, unserer Schwesterinstitution, ins Leben zu rufen. Damals war diese Schule absolute Avantgarde – und sie ist es auf bestimmte Weise bis auf den heutigen Tag geblieben.

Sie sprachen gerade das Bauhaus an. Das Bauhaus als Institution hat ja auch Produkte hervorgebracht, von denen man heutzutage sagt: Das war Bauhausstil, das war typisch Bauhaus. Schwebt Ihnen so etwas auch vor, dass man in zehn, 20, 30 Jahren von der Hochschule für Gestaltung sagt: Das war typisch Karlsruhe.

Ja, die typische HfG von heute zeichnet sich dadurch aus, dass sie ein neues Bildungskonzept eingeführt und verwirklicht hat. Die Studenten unseres Hauses werden so herangebildet, dass sie manchmal schon während ihrer ersten Semester in ernsthaften Realitätsbezügen operieren, denn wir gehen davon aus, dass man gerade diese jugendliche Kreativität am besten stimuliert, indem man ihr nicht akademische Aufgaben stellt, sondern sie so früh wie möglich in ein Realitätsatelier einlädt. Das ist hier immer wieder geschehen.

Hochschule für Gestaltung Karlsruhe: Jahresausstellung SOMMERLOCH 2010 (13.-18. Juli 2010), Ausstellung des Fachbereichs Produktdesign (Foto: Evi Künstle, HfG Karlsruhe)

Typisch Karlsruhe?

Wir haben junge Leute gehabt, die im zweiten Semester Türklinken neu entworfen haben, und siehe da: Die verkaufen sich heute rund um die Welt. Also das sind Dinge, die darauf hinweisen, dass unser eigentliches Ausbildungskonzept, nämlich das Konzept des Projektstudiums, sehr gut funktioniert. Wir machen kein akademisches Schattenboxen, sondern nehmen die Studierenden vom ersten Tag an in reelle Projekte hinein. Das war die Idee, die Heinrich Klotz im Anschluss an die damaligen utopischen Projekte des Bauhauses bei uns übernommen hat, und das bewährt sich bis auf den heutigen Tag.

Wenn man in die Zukunft blickt: Was ist denn Ihr Wunsch, was aus dieser Hochschule wird?

Menschen in bestimmten Berufen brauchen Analysefähigkeit, und sie brauchen problemlösende Intelligenz. Und das wird nicht über Wissen, sondern über Können übertragen, und in diesem Sinne ist unsere Schule tatsächlich nach wie vor ein pädagogisches Reformprojekt, weil wir eine Hochschule des Könnens im weitesten Sinn des Wortes sein wollen. Und wir wollen auch das Wort "Design" fast synonym mit allgemeinem Könnertum verstanden wissen.

Ich habe in die Zukunft gefragt, weil ich auf das Studium generale hinauswollte, das Sie zusammen mit dem Kollegen Bazon Brock initiiert haben unter dem Titel "Der professionelle Bürger". Eine Veranstaltungsreihe, zu der jeder hingehen kann und sich professionalisieren kann, also dieses Können auch erwerben kann …

Das ist eine Angelegenheit, die man von der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe in ihrem eigentlichen Auftrag getrennt sehen muss. Wir sind, wenn man so will, das Mutterschiff, das eine Art kognitive Bürgerinitiative beherbergt. Der "professionalisierte Bürger" ist ein Beiboot, das seit drei Semestern einigermaßen erfolgreich neben dem Mutterschiff herläuft.

Hochschule für Gestaltung Karlsruhe: Prof. Dr. Bazon Brock der Veranstaltung 'Der professionalisierte Bürger' (Foto: HfG/ Alina Schmuch)

Bazon Brock

Wir haben mit [dem Kulturwissenschaftler] Bazon Brock gemeinsam an dieser Schule eine Idee entwickelt, die hochschulpolitisch gesprochen eine Weiterentwicklung des Konzepts des Studium generale impliziert, und zwar auch hochschulkritisch, weil wir keine Fakultäten mehr annehmen, denn Fakultäten entwickeln sich immer wieder auch aus dem Idiotismus des akademischen Betriebes heraus.

Wir dagegen haben "Problemfakultäten", sozusagen "Hauptfächer des Lebens", gebildet. Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch Patient ist, wir gehen davon aus, dass jeder Mensch Konsument ist, dass jeder Mensch politisch berührt ist als Bürger, dass jeder Mensch Glaubensfragen stellt und dass jeder Mensch im weitesten Sinn des Wortes Leser ist oder Rezipient. Und diese fünf, wenn man so will, anthropologischen Grundaussagen der Menschheit – als Leser / Rezipient, als Konsument, als Staatsbürger, als Patient und als Gläubiger – diese fünf Primärqualitäten, die wir dem Menschen einfach auf den Kopf zusagen, die werden in Fächern abgebildet, und in diesen Fächern werden Qualifikationen zu Tendenzen hinzugeliefert.

Die Tendenz ist da, dass wir konsumieren. Konsumieren kann aber auch etwas besser gelernt werden, der Mensch kann seine Konsumgewohnheiten verändern, er kann als aufgeklärter Gläubiger den Religionsanbietern etwas selbstbewusster gegenübertreten, er kann als Staatsbürger sich ein Stückweit gegenüber den Berufspolitikern seinerseits professionalisieren, gewissermaßen wie ein professionalisierter Wähler.

Die Teilnehmer können in zweijährigen Lehrgängen belegen, was sie möchten, und wir stellen am Ende dieser Zeit Diplome aus bzw. führen auch milde Prüfungen durch, und am Ende kann jemand mit einem Papier nach Hause gehen, auf dem ihm bestätigt wird, dass ihm die Qualifikation eines Diplom-Konsumenten, eines Diplom-Patienten, eines Diplom-Rezipienten, eines Diplom-Staatsbürgers und – was besonders hübsch ist – eines Diplom-Gläubigen nachgewiesen wird.

Sie haben in der Auftaktveranstaltung zu diesem Seminar von der "neuen Hochschule" geredet. Deshalb komme ich jetzt noch mal zurück auf diese Vision der Hochschule in einigen Jahrzehnten, die Hochschule als "Bürgerhochschule". Ich hatte den Eindruck, dass dieses Mutterschiff mit dem Beiboot irgendwann verschmelzen sollte...

Hochschule für Gestaltung Karlsruhe: Impression von der Jahresausstellung SOMMERLOCH 2010, 13.-18. Juli 2010 (Foto: Evi Künstle, HfG Karlsruhe)

Studierende der Hochschule

Das kann schon aus rechtlichen oder verfassungsrechtlichen Gründen nicht geschehen, denn der Profibürger, wie wir ihn hier anbieten als Studiengang, ist im weitesten Sinn des Wortes eine künstlerisch-politische Initiative. Es ist ein Projekt. Es ist keine Schule, die den Status einer offiziellen Institution unter dem Dach des baden-württembergischen Hochschulrechts besitzt.

Aber im Gedankenspiel dachte ich, dass Sie dahin gehen wollen, dass die Akademien sich auch wieder öffnen für die Bürger …

Das ist richtig. Wir haben einen Impuls aufgenommen, der seit Jahrzehnten in den deutschen Hochschulen zu spüren ist. Das hat übrigens auch mit der Veränderung der Altersstruktur in der Bevölkerung zu tun, dass viele Senioren im Augenblick wieder in die Universitäten hineindrängen, weil sie aus ihrem dritten Lebensalter in gewisser Weise wieder ein erstes Lebensalter machen wollen. Sie wollen den Kreis runden und so, wie man das Leben mit Lernen begonnen hat, es auch mit Lernen beschließen, was eine schöne Idee ist.

Man darf nicht vergessen, dass all diese Angebote, die so etwas wie die Öffnung der Universität auf die Gesamtbevölkerung wieder implizieren, anknüpfen an bestimmten utopisch-aufklärerischen Tendenzen, die im 19. und 20. Jahrhundert an der einen oder anderen Stelle schon einmal am Leben gewesen sind. Der Mensch ist mit dem Verlassen der Schulen als Jugendlicher nicht zu Ende gebildet, das spüren die Menschen auch, und sie wollen weiter lernen. Und ich glaube, das steht uns als einer reformorientierten Kunsthochschule gut zu Gesicht, diesen Impuls mit unseren Mitteln aufzugreifen und zu verwirklichen.

Das Gespräch führte Gaby Reucher
Redaktion: Claudia Unseld

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