1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

Wippermann: "Unglaubliche Sprachgewalt"

Der chinesische Autor Mo Yan erhält den Literaturnobelpreis 2012. Zu Recht, findet die Sionologin und Mo Yan-Kennerin Dorothea Wippermann von der Goethe-Universität Frankfurt im Gespräch mit der DW.

Dorothea Wippermann, Sinologie-Professorin von der Goethe-Universität Frankfurt; Copyright: privat

Dorothea Wippermann

Deutsche Welle: Frau Wippermann, das schwedische Nobel-Komitee hat den diesjährigen Literatur-Nobelpreis an Mo Yan vergeben, unter anderem weil er "Volksdichtung" und "magischen Realismus" so wunderbar verknüpft. Was bedeutet denn Mo Yan für die Weltliteratur?

Dorothea Wippermann: Diese Charakterisierung ist auf jeden Fall zutreffend. Das besondere ist, wie er chinesische Thematiken behandelt und sie mit einer sehr modernen, immer wieder vielfältigen und kreativen Erzähltechnik verbindet. Gerade dieser magische Realismus, diese Verbindung realistischer Erzählweisen über Stoffe aus der neueren Geschichte der Volksrepublik China verwoben mit fantastischen, mythischen Erscheinungen macht einen sehr großen Reiz aus.

Was bedeutet Mo Yan für Sie persönlich? Sie haben sich ja intensiv mit ihm beschäftigt.

Ich habe ihn aufgrund seiner unglaublichen Sprachgewalt immer als einen sehr hochrangigen Schriftsteller empfunden. Man liest seine Texte teilweise wie ein Feuerwerk von kreativen sprachlichen Ideen, die aber immer noch auch eine gewisse Bodenständigkeit besitzen. Er benutzt eine Vielfalt an Erzähltechniken, indem er eben nicht nur traditionell erzählt, sondern auch mit verschiedenen Zeitebenen und verschiedenen Erzählern arbeitet, die aber immer noch relativ gut nachvollziehbar sind. Man merkt auch, dass er mit bekannten Werken des magischen Realismus aus Lateinamerika, aber auch mit vielfältigen modernen Erzähltechniken internationaler Literatur vertraut ist. Rein inhaltlich wird das aber sehr stark auf China fokussiert dargebracht. Es wird aber dadurch teils auch zeitlos: Einerseits beschäftigt er sich sehr mit der chinesischen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts. Man findet aber auch allgemein menschlich-archaisches darin, was das Ganze doch von einer reinen Auseinandersetzung mit den aktuellen chinesischen Verhältnissen abhebt.

Die aktuellen Verhältnisse sind ein gutes Stichwort: China ist eine Ein-Parteien-Diktatur, Schriftsteller arbeiten in China unter den Bedingungen der Zensur, Mo Yan hat sich aber mit diesem System arrangiert, oder wie würden Sie das sehen?

Mo Yan (Foto:WBCO Buchmesse Frankfurt)

Entwickelt ein "Feuerwerk von kreativen sprachlichen Ideen": Literaturnobelpreisträger Mo Yan

Die Frage ist, was genau man darunter versteht. Mo Yan lebt in China, er ist niemand, der im Westen als Dissident gehandelt wird, aber ich empfinde seine Texte als sehr brisant. Er beschreibt die chinesischen Verhältnisse mitsamt ihrer Grausamkeiten, Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten. Es werden Missstände und viele Opfer der Verhältnisse dargestellt. Er gehört zu den Autoren, die eine Art Gegen-Geschichtsschreibung betreiben. Die offizielle Geschichtsschreibung, die die Errungenschaften des Sozialismus und die Verdienste der Kommunistischen Partei in den Vordergrund stellt, findet man bei ihm nicht. Man hat teilweise den Eindruck, dass aktuelle Verhältnisse beschrieben werden, wie sie aus der offiziellen Sicht eher vor der Machtübernahme durch die KP 1949 gegolten haben.

Welches von den umfangreichen Büchern, die von Mo Yan auch auf Deutsch veröffentlicht wurden, können Sie einem neugierigen Leser empfehlen?

Eigentlich sind die alle sehr interessant und spiegeln unterschiedliche Teile der Geschichte Chinas insbesondere der letzten 50 Jahre wider. Und sie sind alle immer wieder mit neuen, kreativen Ideen gestaltet. Ich selbst fand "Die Schnapsstadt" besonders brisant und berührend: Es handelt von einem Detektiv, der beauftragt wird, Gerüchten nachzugehen, dass in einer chinesischen Stadt Kinder gegessen würden. Anhand dieses Themas wird einerseits das moderne China der Reformzeit gezeigt, welches eine wirtschaftliche Blüte erlangt, andererseits aber auch die Exzesse einer Konsum- und Genusskultur dargestellt. Das zeigt eben auch, wie bitterböse Mo Yan als Autor Verhältnisse beschreiben kann.

Was bedeutet denn die Verleihung des Literaturnobelpreises an Mo Yan für die chinesische Literatur insgesamt und für Literaturschaffende in China?

Insgesamt ist es schon beachtlich, dass ein Schriftsteller, der jetzt in China lebt, den Nobelpreis erhält. Das wird sicher in China mit großer Befürwortung aufgenommen und auch als Ermutigung aufgefasst werden. Aber jetzt zu sagen, dadurch verändert sich die gesamte Literatur in China, das fände ich dann doch sehr schwierig.

Das Interview führte Matthias von Hein.

Dorothea Wippermann ist Professorin für Sinologie unter anderem mit dem Schwerpunkt Chinesische Literatur des 20. Jahrhunderts an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.