1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Wipfelstürmer gegen Betonpiste

Mit Hütten in den Bäumen protestieren Umweltaktivisten gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens - unbeeindruckt vom Winter. Ein Besuch im Kelsterbacher Wald.

Hüttendorf gegen Ausbau des Frankfurter Flughafens

Hartnäckiger Protest im Forst: Die Waldbesetzung

"Erholungswald – bitte Ruhe halten!", steht auf dem Holzschild am Wegesrand. 50 Meter weiter wohnen die Waldbesetzer in ihrem kleinen Widerstandsdorf. Drei Kilometer Luftlinie sind es bis zum Frankfurter Flughafen – noch. Denn genau hier will die Flughafenbetreiberin Fraport AG eine vierte Landebahn bauen, um im harten internationalen Wettbewerb der Großflughäfen mitzuhalten. Der 2800 Meter langen und milliardenteuren Betonpiste müssten gut 200 Hektar Forst weichen.

Die Ausbaugegner haben ein Waldstück symbolisch besetzt

Flughafen Frankfurt

Soll ausgebaut werden: Der Frankfurter Flughafen

Aus Sicht der Ausbau-Gegner bringt der Flughafenausbau nur Klimazerstörung und noch mehr gesundheitsschädlichen Fluglärm. Im Mai letzten Jahres zimmerten Umweltaktivisten im Kelsterbacher Erholungswald die ersten Hütten aus grobem Bauholz. Heute steht zwischen Eichen, Buchen und Fichten ein zusammen gewürfeltes Protestlager: ein Dutzend Holzhütten, bunte Zelte, Gemeinschaftsküche, Kompostklo und ein rundes Blockhaus für Versammlungen. In manchen Baumkronen sind kleine Baumhäuser verankert.

Erik lebt in 18 Metern Höhe

Waldbesetzer im Hüttendorf.

Umweltaktivist Erik auf dem Weg in sein Baumhaus.

Im Minutentakt schwillt im besetzten Wald ein tiefes Dröhnen an. Dem Fluglärm trotzt Erik seit drei Monaten. Der 24-Jährige ist in Outdoor-Kleidung eingemummelt und trägt dicke Wanderschuhe. Erik lebt in einem Baumhaus, 18 Meter über dem Boden. Er will auch den Winter im Protestdorf verbringen. Seine Wipfel-Hütte hat einen Ofen. Erik genügt nicht, dass die Umweltorganisation BUND und andere gegen den Bau der vierten Landbahn klagen. "Ich beanspruche dieses Land als Lebensraum, für mich, für Tiere, für andere Menschen", erklärt er mit ruhiger Stimme. "Ich finde es wichtig, dass man nicht nur auf gerichtlichem Weg versucht, den Ausbau zu verhindern. Denn es gibt kein Gesetz, das den Flughafenausbau verbieten könnte."

Unterstützung von ehemaligen Gegnern der Startbahn West

Etwa 15 überwiegend junge Aktivisten wohnen dauerhaft im Hüttendorf. Im Sommer waren es mehr. Doch auch jetzt kommen viele weitere Ausbaugegner vorbei, wann immer Arbeit oder Studium es erlauben. Jeden Sonntag macht die Bürgerinitiative gegen die Landebahn einen Kuchentisch, ab und zu gibt es Konzerte und Schnupperklettern. Anne ist 21 und studiert in Mainz Afrikanistik. Sie sitzt auf einem alten Sofa im runden Blockhaus. Genauso wichtig wie der Protest ist für sie der gemeinsame Alltag der Waldbesetzer. "Wir haben in manchen Hütten Öfen eingebaut, da kann man gemütlich zusammensitzen. Abends haben wir Trommel-Sessions. Auch der Winter ist schön hier."

Bemalte Bäume im Kelsterbacher Wald

Bunte Mahnung im Forst: 200 Hektar Wald sollen für die neue Landebahn weichen.

Tatkräftig unterstützt werden Erik, Anne und die anderen jungen Umweltaktivisten von ehemaligen Gegnern der Frankfurter Startbahn West. Der Widerstand gegen die Startbahn West des Frankfurter Flughafens war in den 80er Jahren einer der Fixsterne der aufblühenden Umweltbewegung. Die Proteste war um einiges größer als die heutigen, blieben aber ohne Erfolg. 1984 wurde die Startbahn West eröffnet.

Viele ehemalige Startbahn-Gegner sind heute Rentner. Im Wald wohnen wollen sie nicht mehr. Aber sie bringen Trinkwasser, Brot und Gemüse ins Hüttendorf. Und wohl auch Tipps und Geschichten von damals. Zum Beispiel von der Räumung des ersten Hüttendorfes durch die Polizei 1981. Räumung und Abriss scheinen noch fern im heutigen Widerstandsdorf. Aber Erik macht sich keine Illusionen. Ihm ist klar, dass auch das Kelsterbacher Hüttendorf geräumt und der Wald gerodet werden wird, sobald die Gerichte den Weg für den Baubeginn frei machen.

Ausbaugegner erwarten baldigen Beginn der Rodung

Trotzdem will Erik sich bis zum Ende friedlich und hartnäckig gegen den Bau der vierten Landebahn wehren. Für ihn wirkt sein Protest vor allem in der Zukunft. "Je größer wir hier protestieren, desto unwahrscheinlicher wird es, dass die nächste, die fünfte Landebahn gebaut wird. Denn die Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft rechnen mit unserem Protest. Insofern ist Widerstand auch dann sinnvoll, wenn man das aktuelle Projekt nicht verhindern kann."

Die Rodung des Kelsterbacher Waldes dürfte bald beginnen. Das Bündnis der Bürgerinitiativen gegen den Flughafenausbau rechnet damit, dass die ersten Bäume Anfang Februar gefällt werden. Die Fraport AG wies lediglich darauf hin, dass die Abholzung beginnen werde, wenn der Verwaltungsgerichtshof über einen Eilantrag der betroffnen Kommunen gegen den Baubeginn entschieden hat. Das Urteil wird für Ende Januar erwartet.