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Alltagsdeutsch – Podcast

Winzerin an der Mosel

Die Mosel hat einem bekannten deutschen Weingebiet seinen Namen gegeben. Der "Mosel" gilt als Qualitätswein. Ein Dasein als Winzer oder Winzerin ist finanziell nicht sehr einträglich. Da muss man schon Ideen haben.

Sprecherin:

Wer hochwertigen Wein erzeugen will, braucht nicht nur den Segen des Wettergottes. Gute und gepflegte Weinberge sind die Voraussetzung, genauso wie ausreichende technische Anlagen im Weinkeller. So müssen die Weinbauern erst einmal investieren, damit am Ende ein guter Wein entsteht. Einen teuren Bankkredit konnte und wollte sich Sybille Kuntz nicht leisten. Deshalb kam sie auf die Idee, Genussscheine auszugeben – eine Art von Aktie, deren Ertrag in Wein bezahlt wird.

Sybille Kuntz:

"Also, das ist dann auch 'n bisschen so 'ne kreative Möglichkeit wie man auch 'n Weingut heutzutage hochkriegen kann. Weil da krankt es ja bei vielen Leuten schlichtweg am Kapital, dass die Kinder einfach den Betrieb nicht weitermachen wollen, weil es zu wenig abwirft, und weil man die Eltern sieht das ganze Leben lang sehr mühselig im Steilhang arbeiten. Und unterm Strich kommt nicht sehr viel dabei rum und gerade, wenn man diese Flaschenpreise hier sieht, also. Ich kann mir halt nicht erklären, wie man davon leben kann oder wie man überhaupt seine Arbeit damit finanzieren kann."

Sprecher:

Viele Weinbaubetriebe an der Mosel bringen ihren Besitzern nur wenig Geld ein. Sie werfen wenig ab, wie die Winzerin es umgangssprachlich ausdrückt. Um das zu betonen, benutzt Sybille Kuntz noch eine weitere Redewendung. Trotz der mühseligen Arbeit in den Mosel-typischen Steilhängen, komme unterm Strich nicht viel dabei herum. Das heißt, wenn man wie bei einer Rechnung Ausgaben und Einnahmen zusammenzählt, ist das Ergebnis unter dem Strich der Endsumme enttäuschend.

Sprecherin:

Eigentlich ist die Methode uralt und dennoch ist sie etwas Besonderes. Was in früheren Zeiten der Tauschhandel mit Naturalien war, ist bei Sybille Kuntz eine Art von flüssiger Rendite. Zehn Prozent bekommen die privaten Darlehensgeber in Wein ausgezahlt. Für beide Seiten ein gutes Geschäft. Sybille Kuntz hat damit den Schritt der Vermarktung gespart und zusätzlich noch eine enge Verbindung von Weingenießern und Weingut geschaffen. Die Moselwinzerin bekam über die Genussscheine neue Kunden, auch wenn es zunächst um das Kapital ging bei ihrer Idee.

Sybille Kuntz:

"Die ist schon so aus der Not geboren, dass ich das Weingut auf Teufel komm raus aufbauen wollte, hochkriegen wollte und die Möglichkeiten, wie ich es gestalten wollte, eben mit 'ner ganz anderen Marketingidee auch, dass man den Wein auch anders verpackt. Weil, es nützt nichts, 'n sehr guten Wein herzustellen, sondern er muss auch vernünftig verpackt sein, dass man ihn überhaupt verkaufen kann."

Sprecher:

Das Weingut ihrer Eltern wollte Sybille Kuntz auf Teufel komm raus aufbauen. Die Formel drückt aus, dass man sich rückhaltlos und mit allen Kräften für etwas einsetzt. Die Beschwörung des Teufels ist in vielen Volkssagen das letzte, manchmal verzweifelte Mittel eines Menschen, sein Ziel zu erreichen. Dieser Ursprung ist zwar kaum bekannt und die Nennung des Teufels den wenigsten bewusst, die Redewendung aber ist in der Umgangssprache sehr gebräuchlich.

Sprecherin:

Es war nicht selbstverständlich, dass die Idee der Genuss-Scheine ein so positives Echo fand. Aber die Winzerin hatte Glück mit ihren privaten Geldgebern.

Sybille Kuntz:

"Ja, zum einen waren es erstmal weininteressierte Leute, die sich beteiligt haben und die einfach auch von dem Konzept überzeugt waren. Dass die gesagt haben, also, da das ist stimmig von Anfang bis Ende, und wir möchten das unterstützen. Wir trinken sowieso gerne Wein, also können wir da auch Geld investieren, und das so auf die Art und Weise 'n bisschen unterstützen, einfach. Also es sind auch viele Unternehmer gewesen, die wahrscheinlich auch mal in der ähnlichen Situation waren, in dieser Aufbauphase, dass man am Anfang erst mal nur reinbuttern muss, bis man mal 'n bisschen Geld da rauskriegt, bis man davon leben kann."

Sprecher:

Die Motive der Geldgeber sind unterschiedlich. Manche von ihnen haben Sybille Kuntz unterstützt, weil sie wussten, dass man am Anfang erstmal nur reinbuttern muss, um später ein gutes Ergebnis zu erzielen. Das Bild entwickelte sich aus der Erfahrung, dass Butter in früheren Zeiten als eine Nahrung galt, die den Menschen Kraft und Stärkung bringen sollte. Reinbuttern bezieht sich meist auf Finanzielles, für den körperlichen Einsatz hat die Umgangssprache andere Ausdrücke parat wie zum Beispiel das grob klingende rein klotzen.

Sprecherin:

Sybille Kuntz ist Perfektionistin. Sie will guten, ja hervorragenden Wein machen, und sie weiß, dass Gutes sich nur verkauft, wenn man es richtig anbietet. Deshalb hat sie eine Menge Geld in die Ausstattung gesteckt, von der ansprechenden Flaschenform bis zur modern gestalteten Visitenkarte. Dass sie einmal Vollblutwinzerin werden könnte, hätte sie früher nicht gedacht. Durch die ständige Arbeit von Kind an im elterlichen Betrieb war ihr das Winzerdasein erst einmal vergrault. Doch während ihres Studiums der Wirtschaftswissenschaften kam der innere und äußere Wandel.

Sybille Kuntz:
"Ich hatte während des Studiums eine kleine Weinhandlung aufgemacht und gedacht, damit kann ich dann das BAföG ersetzen. Dem war natürlich nicht so – hab' später erst rausgefunden –, aber es war trotzdem sehr sinnvoll, dass ich das versucht habe. Dann habe ich Wein eingekauft, in Italien, in Frankreich und hab' dann auch gemerkt, wie andere Winzer zu ihrem Produkt stehen, den Wein anbauen, ausbauen, also 'ne ganz andere Lebensweise mit dem Wein sehen."

Sprecher:

Sybille Kuntz wollte mit der Eröffnung eines eigenen Weingeschäftes das BAföG ersetzen. BAföG ist die Abkürzung für das Wortmonstrum Bundesausbildungsförderungsgesetz. Jeder Student, der nicht finanziell von seinen Eltern unterstützt werden kann, hat nach diesem Gesetz Anspruch auf ein staatliches Darlehen, das man später, wenn man berufstätig ist, zurückzahlen muss. In der Alltagssprache sagt man daher: "Man bekommt BAföG" – und jeder, oder fast jeder, versteht es.

Sprecherin:

Die Erfahrung, wie andere Menschen mit Wein als Genussmittel und als Kulturgut umgehen, hat Sybille Kuntz beeindruckt. Ihr Entschluss, sich vollständig dem Weinbau zu widmen, wurde dadurch zwar unterstützt, doch geschah das nicht von heute auf morgen.

Sybille Kuntz:
"Das hat sich so peu à peu ergeben, also, ich habe von meinem Vater – er musste aus Krankheitsgründen zurücktreten – hab' ich peu à peu 'n paar Weinberge übernommen. Die ersten 1984 und das war eigentlich erst so ein Nebenerwerb. Nebenbei hab' ich versucht, die Weinberge zu bewirtschaften, weil die Absatzmöglichkeiten hatte ich ja in dem kleinen Weinladen in Wuppertal. Dann wurd' es halt immer mehr und der Wein verkaufte sich eigentlich immer besser. Und ja, dann irgendwann hatte ich da fast das ganze Hektar von meinen Eltern übernommen. Und dann war 89/90 war so 'ne Grenze, wo ich mich entscheiden musste: Entweder ich handle mit Wein oder ich baue Wein an und ihn auch aus. Ja und dann hab' ich das Geschäft verkauft, hab' mich voll auf das Weingut konzentriert und es seither kontinuierlich ausgebaut."

Sprecher:

Im Deutschen gibt es zwar viele französische Einflüsse, doch kaum ein Ausdruck hat sich so lautgetreu erhalten wie das peu à peu. Es ist weit verbreitet, und kaum jemandem fällt auf, dass er hier die französischen Worte für das deutsche Schritt für Schritt oder nach und nach benutzt. Sybille Kuntz spricht davon, dass sie Wein an- und ausbaut. Der Weinanbau bezieht sich auf alles, was im Weinberg stattfindet, von der Pflanzung bis zur Ernte. Mit dem Fachwort Ausbau bezeichnet man alles, was nach der Ernte mit den Trauben oder dem Saft geschieht, von der Pressung bis zur Holzfasslagerung. Weinausbau findet also im Weinkeller statt.

Sprecherin:
Sybille Kuntz' Anspruch bedeutet auch, dass sie ihre Reben möglichst schonend bearbeitet und unnötige Chemie im Weinberg weitgehend vermeidet. Unter die Kategorie Bio-Winzer mochte sie aber nicht gefasst werden.

Sybille Kuntz:
"Also, ich wollte kein reiner Bioweinbaubetrieb sein, weil also jede Art von Reglementierung stört mich. Und wenn ich da nur nach festen Normen und Maßregeln da die Weinberge bewirtschaften sollte, das würd' mir auch gegen den Strich gehen. Und ich hätte da auch Angst, dass sehr viel Individualität flöten ginge. Also ich versuche, das mindestens so biologisch zu machen, wahrscheinlich wie 'n Bio-Winzer. Nur, wollte ich nicht in so 'ner Vereinigung untergebracht sein."

Sprecher:

Einen reinen Bioweinbaubetrieb möchte Sybille Kuntz nicht führen. Allzu feste Normen und Maßregeln würden ihr gegen den Strich gehen, das heißt, ihr deutlich widerstreben. Der Strich geht auf die Lage der Haare bei einer Katze zurück. Streichelt man sie gegen den Strich, dann empfindet die Katze das meist als unangenehm. Außerdem hat die Winzerin Angst, dass ihr durch die Reglementierung zu viel Individualität flöten ginge. Wenn jemandem etwas flöten geht, ist es verloren und so wenig zurückzuholen wie die entwichenen Töne einer Flöte.

Sprecherin:

Sybille Kuntz kann sich über einen stetig wachsenden Kundenkreis freuen. Auf vielen Weinkarten in der gehobenen Gastronomie findet sich heute ihr Name. Doch ist ihr noch in deutlicher Erinnerung, wie alles begonnen hat.

Sybille Kuntz:
"Also, es war am Anfang sehr, sehr schwierig für mich, weil das war schon sehr neu, erstmal von dem ganzen Konzept her, von dem Outfit. Dann dass 'ne Frau das macht, das war wahrscheinlich auch ungewöhnlich, und musste man sich an diesen Gedanken auch mal gewöhnen, dass es Frauen gibt, die auch guten Wein machen können. Und manchmal sogar, wenn er noch besser schmeckt, dann ist es noch schwerer zu akzeptieren. Aber vielleicht hilft es auch 'n bisschen, dass man auch was Neues macht, und das spornt vielleicht noch mehr an, als wenn man in so 'ner ganzen breiten Masse untergeht. Und ich wollte auch von Anfang an Riesling produzieren, vom Feinsten, Steillagen-Riesling, und mich auf die Spezialität des Gebietes konzentrieren. Also nur den Riesling, keine anderen Rebsorten, auch keinen Rotwein, was jetzt auch Mode ist hier. Also ich denke, wenn sich jeder auf die Spezialität des Gebietes konzentriert – und die Spezialität der Mosel ist nun mal der Riesling –, dann würde es vielen Anbaugebieten einfach besser gehen, wenn nicht jeder alles produzieren will, dann kriegt man kein klares Konzept raus."

Sprecher:
Das englische Outfit ist in Deutschland zum gängigen Ausdruck für das Aussehen einer Sache oder eines Menschen geworden. Wenn man sich ein anderes Outfit zulegt, kann das bedeuten, dass man zum Friseur geht oder sich in neue Kleider hüllt. Als Sybille Kuntz davon sprach, dass sie ein neues Outfit besitzt, meinte sie damit das Erscheinungsbild ihrer Etiketten, Flaschen und Visitenkarten. Denn die waren im modernen, klar strukturierten Stil gehalten und von einem Designer speziell für sie gestaltet worden.

Sprecherin:
Mit ihrem Hang zur Perfektion stößt Sybille Kuntz nicht überall auf Gegenliebe. Manchmal begegnet man ihr auch mit Argwohn, weil Frauen im deutschen Weinbau immer noch die Ausnahme sind. Die Winzerin lässt sich davon nicht beirren und formuliert ihr Erfolgsrezept klar und überzeugend.

Sybille Kuntz:

"Also, ich denke mal, seinem eigenen Konzept und seiner eigenen Zielsetzung treu zu bleiben. Also nicht dort was zu sehen, der macht es aber anders, das könnte ja vielleicht auch klappen. Und der macht wieder was anderes, das klappt auch, sondern man muss schon seine klare Linie haben. Das ist sehr wichtig für mich, merke ich immer wieder. Und sich auch gar nicht um den Nachbarn kümmern, um die Mitbewerber, sondern den eigenen Stiefel durchziehen, und versuchen, das so zu machen, wie man es selber als richtig empfindet. Und auch keine Kompromisse machen, was die Qualität angeht. Eher die Messlatte immer höher hängen, als sagen, also dieses Jahr brauche ich aber mehr Geld für was weiß ich, für Finanzamt oder für 'n neuen Traktor oder so was."

Sprecher:
Sybille Kuntz hat die Erfahrung gemacht, dass es am besten ist, seinen eigenen Stiefel durchzuziehen und hat damit sprachlich ins Bild gefasst, dass sie sich in ihrer Auffassung von anderen nicht beeinflussen lässt. Als persönliche Überzeugung und Empfehlung sagt sie, dass Winzer am besten die Messlatte immer etwas höher hängen sollten – das heißt, wie die Sportler beim Stabhochsprung, immer zu versuchen, das Ergebnis zu verbessern.

Musik:

Adam Krieger: "Der Rheinische Wein tanzt gar zu fein"

"Seh't doch wie der Rheinwein tanzt,

in dem schönen Glase,

wie er hin und wieder ranzt,

und kreucht in die Nase,

dass man vom Geruche bald,

dumm und dämsch muss werden …"

Fragen zum Text

Macht ein Unternehmen keinen großen Gewinn, dann …

1. kommt nicht viel dabei herum.

2. wirft es kaum etwas ab.

3. ist es ein lukratives Geschäft.

Geht jemandem etwas gegen den Strich, dann sagt er/sie: …

1. "Ich möchte das machen."

2. "Ich will das nicht."

3. "Ich freue mich darauf."

Bei der Weinherstellung wird nicht …

1. abgebaut.

2. angebaut.

3. ausgebaut.

Arbeitsauftrag

Der Volksliedtext von Adam Krieger stammt aus dem 17. Jahrhundert. Diese Zeit hatte eine ganz eigene, heute schwer verständliche Sprache. Sie finden den Liedtext in einem eigenen PDF-Dokument. Versuchen Sie, die einzelnen Strophen sinngemäß in eine moderne Sprache zu bringen.

Autor: Günther Birkenstock

Redaktion: Beatrice Warken

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