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Tennis

Wimbledon: Eine kurze Geschichte des Rasens

Grün! Wimbledon-Besucher beschreiben dies als prägendste Erinnerung. Dass alles so grün ist, liegt an Neil Stubley und den Groundsmen. Nur sie - und die Spieler, Schiedsrichter und Ballkinder - dürfen den Rasen betreten.

Sein Wecker klingelt um 5.30 Uhr. Ein erster Blick gilt dem Wetterbericht. Gegen 6.45 Uhr trifft er auf der Anlage ein. Neil Stubley ist zu diesem Zeitpunkt nicht einmal der Erste, der sich im "All England Lawn Tennis & Croquet Club" (AELTC) Sorgen um die Beschaffenheit der Rasenplätze macht. Wobei ... Sorgen? Das wäre wohl das falsche Wort, um die Grundverfassung des meist mit Krawatte zum Interview erscheinenden Briten Stubley zu beschreiben. Der "Head Groundsman" ist niemand, der zu Hektik neigt oder dazu, sich allzu große Sorgen um die 19 Turnier-Courts zu machen.

"Attention to detail." Der sorgfältige Blick für jedes Detail ist das, wonach viele Firmen heutzutage streben. Stubley und seine 16 Mitarbeiter können da als leuchtendes Beispiel dienen. Leuchtend grün vielleicht. Auf keiner Tennisanlage der Welt prägen der Charakter der Plätze und die Präzision der Vorbereitung das Spiel derart wie in Wimbledon.

Wimbledon Neil Stubley (Getty Images/AFP/A. Cowie)

Neil Stubley, Head Groundsman des All England Lawn Tennis & Croquet Club

"Die Spieler werden mich schon finden, wenn mit den Plätzen irgendetwas nicht in Ordnung ist", schilderte Stubley gegenüber dem turniereigenen TV-Kanal sein Wirken. Ein solches Gespräch ist ihm allerdings nicht in Erinnerung. Direkt nach dem College ist er in den Klub gekommen, hat sich quasi vom Praktikanten noch während des Studiums zum Chef der Rasenhüter hochgedient. Irgendwann war er dann der beste Kandidat für die Nachfolge des in London legendären Chefgärtners Eddie Seaward. 27 Turniere hat Stubley mittlerweile erlebt. Pro Turnier 654 Spiele verteilt auf 19 Courts. Und wer einmal einen abendlichen oder nächtlichen Blick auf die Anlage geworfen hat, der bekommt eine Vorstellung, wieviel Sorgfalt die Groundsmen den Plätzen schenken. Alles ist abgedeckt. Einige Rasenwarte übernachten im Klub, damit sie schnell auf unerwartete Wetterlagen reagieren können.

Eine Frage des Stickstoffs

"Wir haben eigentlich jedes Jahr brandneue Plätze", sagt Stubley, mit dem man sich unter anderem über den Stickstoffgehalt im Gras unterhalten kann. Wenn man will. Es schadet dann nichts, wenn man Begriffe wie "Poa annua" parat hat. Hat man natürlich nur bei entsprechender Vorbereitung: Es ist das einjährige Rispengras, eine unschöne Sache auf den Gras- oder Golfplätzen dieser Welt. Man kann sich mit Stubley ersatzweise aber auch über die weiß-grün-violette Bepflanzung überall im Klub unterhalten. Auch die fällt in sein Ressort.

Wimbledon Feature Uebersicht der Anlage Blick Richtung Anlage Nachtaufnahme Tennis Wimbledon 20 (imago/Hasenkopf)

Alles schön abgedeckt: die Plätze in London bei Nacht

"Was auch immer die damit gemacht haben: Der Rasen von heute hat nichts mehr mit dem Rasen von vor 20 Jahren zu tun", sagt Barbara Rittner, zur Zeit als Fed-Cup-Chefin und Bundestrainerin in Wimbledon. Sie selbst hat 1991 als Juniorin das Turnier gewonnen, in einer Zeit, in der sich noch die Frage stellte: Wer rutscht mehr, der Spieler oder der Ball? Das ist heute längst nicht mehr so. "Der Ball bleibt immer noch sehr flach, das stimmt. Je trockener es ist, umso langsamer wird das Spiel", sagt Rittner. Bei ihren jungen Spielerinnen hat sie viel damit zu tun, ihnen zu vermitteln, dass es hier nicht nur um Serve-and-Volley geht, also um den schnellen Angriff am Netz. "Ihr müsst jetzt nicht meinen, dass ihr nach jedem Ball nach vorne stürzen oder nur noch Slice spielen sollt. Macht einfach euer eigenes Spiel", rät Rittner ihren Schützlingen.

Wimbledon Roger Federer Training (Getty Images/AFP/A. Dennis)

Roger Federer beim Training: Die Schuhe haben Noppen und müssen nach den Klub-Regularien überwiegend weiß sein

"Lolium perenne" heißt übrigens die Rasensorte - für die Fachleute, die sich das mit dem Stickstoffgehalt gut gemerkt haben. Das Gras hat eine Höhe von acht Millimetern und wird während des Turniers täglich um exakt zwei Millimeter gekürzt. "Das Spiel auf Gras ist sehr natürlich. Man hat eigentlich immer ein Lächeln auf dem Gesicht", sagt Roger Federer, der hier siebenmal gewonnen und ein besonderes Verhältnis zur Tradition dieses Klubs entwickelt hat.

Am Ende eher Sand-Grundlinien

Zu dieser Tradition gehört auch, dass die Grundlinien am Ende der drei Wochen (nimmt man die Woche der Qualifikation dazu) eher eine sandige Staublandschaft darstellen. "Generell ist es so, dass hier ein schlechter Ball auch schnell zu einem guten Ball werden kann, weil er verspringt", sagt Barbara Rittner. Damit im nächsten Jahr wieder alles schön grün ist, werden die obersten Schichten der Plätze nach dem Turnier maschinell abgetragen - was übrigens eine alles andere als romantische Angelegenheit ist. Sondern: ziemlich laut.

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