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Deutschland

Willy Brandt: Auf den Spuren eines Patrioten und Weltbürgers

Willy Brandt, der langjährige SPD-Vorsitzende und Bundeskanzler, starb vor 15 Jahren. Der Friedensnobelpreisträger hat die Geschichte der Bundesrepublik und den Ruf Deutschlands entscheidend geprägt.

Ein Porträt-Foto von Willy Brandt vor einem roten Hintergrund (Quelle: AP)

Willy Brandt 1977

Die Verleihung des Friedensnobelpreises an den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt 1971 markiert vielleicht den Höhepunkt seines Ansehens in der Weltöffentlichkeit - Genugtuung für einen konsequenten Gegner des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland. 1913 in Lübeck geboren, schloss er sich als 16jähriger der SPD und zwei Jahre später der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) an. Die SAP war eine linke Abspaltung der SPD. Überzeugung und Engagement zwangen Brandt nach der Machtergreifung Hitlers und seiner NSDAP im Januar 1933 zur Flucht aus Deutschland. Im April 1933 gelangte er nach Norwegen, das ihm bald zur zweiten Heimat wurde.

Im Exil

Im Exil nahm der als Herbert Frahm geborene den Namen Willy Brandt an. Er studierte in Oslo Geschichte, arbeitete journalistisch und betätigte sich politisch. Die deutsche Besetzung Norwegens 1940 zwang Brandt abermals zur Flucht. Der in Deutschland inzwischen ausgebürgerte Brandt ging nach Schweden und kehrte kurz nach Kriegsende 1945 nach Deutschland zurück. Aus dem Korrespondenten verschiedener skandinavischer Zeitungen wurde bald wieder ein engagierter Sozialdemokrat, der in Berlin sein politisches Betätigungsfeld fand. Im Oktober 1957 erreichte er ein wichtiges Etappenziel. Er wurde zum Regierenden Bürgermeister und damit zum Regierungschef von West-Berlin gewählt.

Vom Bürgermeister zum Bundeskanzler

Der innerparteiliche Weg Brandts führte ihn 1961 erstmals zur Kanzlerkandidatur der SPD. Doch im August 1961, mitten im Wahlkampf, wurde der Regierende Bürgermeister vor eine harte Herausforderung gestellt: Der Bau der Mauer, die Zementierung der Teilung Berlins, verlangte neue Wege, um die Teilung der Stadt und des Landes für die Menschen in Ost und West erträglich zu machen. Brandt suchte diese Wege und fand sie als Regierender Bürgermeister in den so genannten Passierscheinabkommen. Diese Abkommen ermöglichten es den West-Berlinern unter strengen Auflagen, den Ostteil der Stadt zu besuchen. Es galt die Realitäten zu Kenntnis zu nehmen, bevor man sie ändern könne. Diesem Leitgedanken fühlte sich Brandt verpflichtet, auch als Bundesaußenminister in der Großen Koalition von SPD und CDU/CSU 1966 bis 1969. Doch erst in der nachfolgenden Phase als Bundeskanzler konnte sich dieser Ansatz wirklich entfalten. Der 1964 zum SPD-Vorsitzenden gewählte Brandt führte seine Partei 1969 in eine Koalitionsregierung mit der FDP. Brandt wurde Bundeskanzler und machte neben der Entspannungs- auch die innere Reformpolitik zu einem Markenzeichen der Regierung. In seiner Regierungserklärung sagte er: "Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir werden darauf hinwirken, dass jeder Bürger die Möglichkeit erhält, an der Reform von Staat und Gesellschaft mitzuwirken."

Oppositionsführer Rainer Barzel gratuliert Willy Brandt nach der Vertrauensfrage. (Quelle: AP)

Oppositionsführer Rainer Barzel gratuliert Willy Brandt nach der Vertrauensfrage

"Erfurt ist ein Beginn"

Gleichwohl widmete Brandt der Außenpolitik mindestens ebensoviel Aufmerksamkeit. Entspannung im Verhältnis zu Osteuropa, Versöhnung mit den einst von Hitler-Deutschland überfallenen Ländern. Es folgten eine ganze Reihe von Verträgen und Abkommen etwa mit der Sowjetunion, Polen oder der Tschechoslowakei. Aber Brandt wagte sich noch weiter vor. Er enttabuisierte das Verhältnis zur DDR. Im März 1970 traf er in Erfurt den DDR-Ministerpräsidenten Willy Stoph. "Erfurt ist - so hoffen wir - ein Beginn. Aber niemand sollte sich trügerische Hoffnungen machen. Ich sehe es jedoch als meine Pflicht an, den Versuch zu wagen, als meine Pflicht, das Gespräch mit der Regierung der DDR zu beginnen. Niemals dürfen wir uns dem Vorwurf aussetzen, wir hätten nicht alles versucht, um die Lage Deutschlands und die Lage in Deutschland zu verbessern", sagte er bei dem Treffen.

Der Kniefall

Erfurt war erst der Anfang, der in verschiedene Abkommen mündete. Gleichwohl sah sich Brandt auch heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Von "Verzicht" und "Verrat" war die Rede. Die uneheliche Geburt Brandts wurde ihm von seinen politischen Gegnern als Makel angeheftet. Einen Höhepunkt erreichten die Attacken, als Brandt im Dezember 1970 in Warschau eine ungeahnte Geste wagte. Sein Kniefall vor dem Ehrenmal des jüdischen Ghettos wurde in Deutschland zu einem heftig umstrittenen Zeichen. Im Ausland dagegen zollte man ihm tiefen Respekt. Knapp zwei Jahre später gelang der SPD ein bemerkenswerter Wahlsieg, nachdem die Opposition knapp gescheitert war, Brandt und seine Regierungskoalition mit einem Konstruktiven Misstrauensvotum zu stürzen. Mit fast 46 Prozent der Stimmen erreichte die SPD ihr bis heute bestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl. Die Koalition mit der FDP wurde fortgesetzt, aber der Reformwillen erlahmte. Als 1974 in der engsten Umgebung Brandts ein DDR-Spion enttarnt wurde, zog er die Konsequenzen und trat zurück.

Willy Brandt kniet nieder vor dem Ehrenmal des jüdischen Ghettos in Warschau. (Quelle: AP)

Der Kniefall vor dem Ehrenmal des jüdischen Ghettos in Warschau

"Ich gehe nicht von Bord"

Die Entwicklungspolitik, der Ausgleich zwischen Nord und Süd wurde in den folgenden Jahren zu einem Schwerpunkt des SPD-Vorsitzenden. Darüber hinaus ging es ihm immer auch darum, das schwierige Verhältnis zwischen der SPD und ihrem neuen Bundeskanzler Helmut Schmidt auszugleichen. Doch 1987, die SPD war längst in die Opposition verwiesen, zog sich Brandt nach innerparteilichen Querelen vom Parteivorsitz zurück. "Ich verlasse die Brücke, aber ich gehe nicht von Bord", versprach er seinen Parteifreunden damals. "An Bord" erlebte er noch den Fall der Berliner Mauer und engagierte sich im Wahlkampf für die SPD in Ostdeutschland.

Am 8.Oktober 1992 starb Willy Brandt in Unkel, unweit von Bonn.

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