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Sport

Willwacher: "Prothese kann ein Vorteil sein"

Weitspringer Markus Rehm schlägt bei der Leichtathletik-DM mit Prothese die Nicht-Behinderte Konkurrenz. Biomechaniker Steffen Willwacher spricht im DW-Interview über fehlende Studien zu der Thematik.

DW: Herr Willwacher, der sensationelle Sieg von Markus Rehm bei der Deutschen Meisterschaft in Ulm hat eine heftige Debatte ausgelöst. Viele stellen sich die Frage: Ist Markus Rehm trotz seiner Prothese so weit gesprungen oder wegen seiner Prothese?

Steffen Willwacher: Diese Frage kann man mit dem aktuellen Stand der Wissenschaft nicht richtig beantworten, denn es gibt bisher noch keine wissenschaftlichen Studien zu dem Thema "Prothesen-Weitsprung". Wir warten jetzt die Untersuchungen ab, die während des Wettbewerbs in Ulm gemacht wurden. Diese sind allerdings eher grob. Man müsste sich den Bewegungsablauf deutlich differenzierter anschauen und ihn mit nicht amputierten Springern vergleichen.

Kritiker behaupten: Rehms' Prothese habe ihm einen erheblichen Vorteil verschafft. Wann ist denn eine Prothese vorteilhaft?

Deutsche Leichtathletik-Meisterschaften Markus Rehm 26.07.2014. Foto: Sven Hoppe/dpa

Sprang in Ulm weiter als die Konkurrenz: Markus Rehm.

Rein theoretisch ist die Prothese dann vorteilhaft, wenn sie den Absprung effizienter macht. Also wenn es gelingt, die kinetische Energie, die der Springer im Anlauf aufbaut, effizient im Absprung mitzunehmen. Man weiß von Untersuchungen bei gesunden Springern, dass es im Absprung immer zu einem Energie-Verlust kommt. Dann verpufft die Energie zum Beispiel in Sehnen, Bändern und Muskeln. Und wenn dieser Energie-Verlust beim Springen mit einem prothetischen Bein geringer ist, dann wäre das ein Vorteil.

Biomechaniker haben während des Wettkampfs in Ulm Daten erhoben, um zu analysieren, ob Rehms' Leistungen mit denen der anderen Springer vergleichbar sind. Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit die Leistungen vergleichbar sind?

Ich finde es wichtig, dass zwei Sportler die gleichen Bewegungen machen. Dann kann man sie in einem gleichen Wettkampf werten. Dazu muss man sich genau anschauen, wie sieht die Bewegung aus, welche Energiebilanzen gibt es an den einzelnen Gelenken wie das Sprung-, Knie- oder Hüftgelenk. Erst dann kann man sehen, ist es die gleiche Bewegung oder nicht. Die Untersuchungen, die jetzt in Ulm gemacht worden sind, sind dafür aber zu grob.

Es gibt ja auch noch ganz viele andere Sportler mit Prothesen, die nicht annähernd so weit springen können, wie Markus Rehm. Ist Rehm der bessere Springer? Oder hat er die bessere Prothese?

Biomechaniker Steffen Willwacher von der SportHochschule Köln.

Biomechaniker Steffen Willwacher von der Sporthochschule Köln.

Ich glaube nicht, dass er eine bessere Prothese hat. Denn die Carbon-Federn, die er benutzt sind für jeden frei zugänglich. Auch das Anbringen der Prothesen an das Bein erfolgt in der Regel von erfahrenen Orthopädie-Technikern. Ich glaube, Rehm ist insbesondere dadurch besser, dass er ein wirklich talentierter Sportler ist und auch unter professionellen Bedingungen trainiert. Und das zeigt sich dann letztlich auch in der Leistung, die er zeigt.

Hätten Sie es befürwortet, wenn Rehm an der Europameisterschaft der Nicht-Behinderten teilgenommen hätte?

Wenn in einer differenzierten biomechanischen Analyse herauskommen wäre, dass seine Bewegung vergleichbar ist mit Nicht-Amputierten Sportlern hätte ich es unterstützt. Allerdings sehe ich auch einen hohen Bedarf an Untersuchungen, die noch gemacht werden müssen, damit man diese Debatte beenden kann.

Steffen Willwacher (Jahrgang 1984) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Promotionsstudent am Institut für Biomechanik und Orthopädie. Seine Diplomarbeit (2008) schrieb er unter dem Titel: "Untersuchung zur Kinematik und Kinetik des Sprints eines beidbeinig transtibial Amputierten“. Sein Dissertationsthema lautet: "Neuromuscular biomechanics and environment: Interaction in running". An der DSHS Köln ist Willwacher Experte für Biomechanik und Prothesen, insbesondere in der Leichthletik.

Das Interview führte Jan-Hendrik Raffler.