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Bildung

Willst du mit mir gehen?

Hingekritzelte Botschaften auf Zettelchen, Löschblattecken oder Heftseiten - zu Hunderten werden sie jeden Tag in Schulklassen heimlich unter dem Tisch weitergereicht. In Frankfurt haben sie es nun ins Museum geschafft.

Exponat aus der Schülerbriefchen-Ausstellung 'Willst Du mit mir gehen?' im Frankfurter Kommunikationsmuseum (Foto: Georg Pöhlein / Universität Erlangen-Nürnberg)

Schülerbriefchen Ausstellung im Frankfurter Kommunikationsmuseum

"I love Udo", "Nico, ich find Dich süß" oder der Klassiker "Willst Du mit mir gehen?" - Liebesbotschaften wie diese sind die häufigsten Inhalte der Schülerbriefchen, die der Nürnberger Mathematiklehrer Günter F. Hessenauer über vier Jahrzehnte gesammelt hat. Angefangen hat alles mit seiner Neugier als junger Lehrer beim Aufräumen der Klasse. "Ich wollte die liegengebliebenen Papierabfälle entsorgen und hab dabei gesehen, dass da einige originelle Dinge auf den Zetteln stehen." Damals, im Jahr 1968, dachte sich der Mathelehrer, damit könne man sicher "was Nettes gestalten".

Existentielle Form der Kommunikation

Zweieinhalbtausend beschriebene Zettel hat Hessenauer im Laufe der Jahrzehnte zusammengetragen. Vor einigen Jahren hat er sie der Schulgeschichtlichen Sammlung der Universität Erlangen-Nürnberg übergeben. Für deren Leiter Mathias Rösch ein großer Schatz. Denn diese Form der spontanen, unmittelbaren Kommunikation unter Jugendlichen sei bisher kaum erforscht. "Was ist das für eine Sprache? Warum schreiben sich Schüler diese Briefchen trotz Verbots? Das wissen wir alles noch nicht, aber wir wissen, dass diese Art des Austauschs existentiell für die Schüler ist." Seine Forschung steckt noch in den Kinderschuhen. Bisher wurden die zweieinhalbtausend Schülerbriefchen archiviert, sortiert und kategorisiert. Nach Themengebieten wie Liebe/Beziehungen, Politik, Idole, Schule/Unterricht und Tagträumerei.

Erinnerungen an die eigene Schulzeit

Ebenso thematisch ist auch die Ausstellung im Frankfurter Museum für Kommunikation aufgebaut. Der Ausstellungsraum soll an eine Schulklasse erinnern, mit einer riesigen Tafel im Mittelpunkt und Tischen, auf denen die Schülerbriefchen nach Themengebieten präsentiert werden. Ausstellungsstücke, die jeder aus seiner eigenen Schulzeit kennen dürfte. Und daher wecken die Kritzeleien auch bei vielen Besuchern der Ausstellung Erinnerungen. "Bei uns in der Klasse haben meistens die Mädchen geschrieben", erinnert sich ein Mann Mitte Fünfzig, "die Jungs waren zu faul dafür." Eine Frau, die mittlerweile selbst Lehrerin ist, erinnert sich: "Ich habe mir immer mit meiner besten Freundin geschrieben. Dabei ging es meistens um die Verabredung am Nachmittag, was wir gemeinsam machen wollen."

Achtlos liegen gelassene Zeugen der Zeit

Einhundert Schülerbriefchen hat Kurator Mathias Rösch für die Ausstellung in Frankfurt ausgewählt. Die Ausstellung ist eine Kooperation zwischen dem Schulmuseum Nürnberg und dem Frankfurter Kommunikationsmuseum, und sie ist eine Premiere in Deutschland. Das Potential der achtlos liegen gelassenen Zettel sei noch lange nicht ausgeschöpft, sagt der Leiter des Nürnberger Schulmuseums Rösch. "Das ist ja eine Art Subtext zum Unterricht, eigentlich nicht für die Augen des Lehrers bestimmt. Diese Botschaften verraten viel über die Beziehungen innerhalb der Klasse." Und sie sind Zeugen des jeweiligen Zeitgeists. Eine Botschaft wie "Leihst Du mir mal die Cassette von Cat Stevens aus?" gehört klar in die 70er Jahre. Andere Notizen wiederum erscheinen zeitlos, wie zum Beispiel: "Holger, Du Arsch, wer hat Dir erlaubt den Zettel zu lesen?"

Schülerbriefchen 2.0

Ob die guten alten Schülerbriefchen, die Generationen von 11- bis 17-Jährigen heimlich unter Schulbänken weiterreichten, auch in Zeiten von Smartphones, Facebook und Co überleben, ist die große Frage. Schulmuseumsleiter Rösch glaubt, das hänge davon ab wie sich die Schulen entscheiden. "Wenn Handys im Unterricht erlaubt werden sollten, dann laufen sie den Briefbotschaften den Rang ab." Andererseits haben beschriebene Zettel einen klaren Vorteil gegenüber den Handys. Wird man erwischt, ist nur der Zettel weg. Das ist sicher leichter zu verschmerzen als der vorläufige Verlust des Telefons.

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