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Kultur

Willkommen in der Gegenwart

Die legendären Elektronik-Pioniere der Band Kraftwerk haben nach 17 Jahren ein neues Album auf den Markt gebracht. Revolution oder kraftlose Selbstreferenz?

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Made in Germany: So sehen deutsche Pop-Revolutionäre aus

Das Radrennen Tour de France feierte im Juli 2003 sein 100-jähriges Bestehen. Für die Band Kraftwerk eine ideale Gelegenheit dieses Ereignis aufzugreifen und ihre neue Produktion "Tour de France" zu veröffentlichen. Nach "Electric Café" aus dem Jahr 1986 ist dies ihr erstes Album. In der Zwischenzeit hat sich die Popmusik in Form und Stil gewandelt. Techno und Elektro haben die Tanzflächen erobert und feiern in den unterschiedlichsten Winkeln der Welt ihre Erfolge.

Krawatten und Mittelscheitel

Früher war es einfach, sich die Zukunft auszumalen: Wissenschaftler, Designer, Schriftsteller und Regisseure bemühten sich ein Bild zu komponieren, in dem sie alle Utopien zusammenfügten. Dieses Bild wurde nach und nach Wirklichkeit und vieles, das heute zu unseren Alltagserfahrungen gehört, beinhaltet die Träume und Versprechungen dieser Visionäre.

Und was machte die Musikszene damals? Während der Bombast-Rock mit Breitband-Akkorden und wüsten Frisuren glänzte, stellten vier Düsseldorfer Studenten mit Krawatten und Mittelscheitel 1974 ihre erste Single "Autobahn" vor. Der Pioniergeist, der sich in ihrer spröden Musik widerspiegelte, ist für diese Epoche kaum akzeptabel.

Elektronik wird tanzbar

CD Cover Mensch-Maschine von Kraftwerk

"Mensch-Maschine" von Kraftwerk, 1978

Inhaltlich drehen sich Kraftwerk seitdem immer wieder um das Verhältnis von Mensch und Technik, wie etwa bei "Radio-Aktivität" aus dem Jahr 1975. In "Die Mensch-Maschine" von 1978, in Zeiten des Kalten Krieges veröffentlicht, werden von digitalen Stimmen gesungene russische Sprachfetzen eingespielt. "Computerwelt" von 1981 thematisiert schließlich die Eckpfeiler einer digitalisierten Gesellschaft – zu Zeiten, als die meisten Menschen nicht einmal wissen, wie ein Computer aussieht. Kritikerlieblinge werden sie damit in Deutschland nicht: Ihre Ästhetik gerät mitunter sogar unter Faschismus-Verdacht – Großbritannien und die USA feiern die Musiker als revolutionäre Visionäre.

Ihr internationaler Renommee ist bis heute für eine deutsche Gruppe einzigartig. US-amerikanische DJs entdecken den Klang des Quartetts, und die von ihnen vorgelegten Remixe werden heute als Ausgangspunkte des Techno bewertet - ein Stil, der in den 1990er-Jahren Ausdruck einer neuen Generation von elektronischer Musik wird. Elektronik wird tanzbar – dank Kraftwerk.

Perfektes Popalbum?

Kraftwerk Tour de France, Cover des neuen Albums

Kraftwerk "Tour de France", Cover des neuen Albums

Der Veröffentlichung eines neuen Albums von Kraftwerk ist seit 1986 mit extrem hohen Erwartungen verbunden. In fast jährlichem Rhythmus gab es neue Gerüchte über ein Comeback. Die Band hat nie aufgehört, in ihrem eigenen Studio "Kling-Klang" zu arbeiten. Aus der 17-jährigen Zeit im Studio schloss die "Berliner Morgenpost", dass man wohl "am perfekten Popalbum" gefeilt habe, das "nach drei Jahrzehnten Techno- und Elektropop das Genre resümiere und Zäsuren setze". Viel höher kann der Maßstab für ein Album wohl kaum gelegt werden.

Kraftwerk präsentieren jetzt mit "Tour de France" eine musikalische Selbstreferenz, in der die schon vor 20 Jahren aktuellen Themen wiederkehren. Das ist zwar unverwechselbar Kraftwerk und beileibe nicht schlecht, aber alles andere als ein revolutionärer Wurf. Böse Kritiker könnten sagen, dass Kraftwerk ein müdes und kraftloses Album gemacht haben - fast so, als ob Lance Armstrong traurig und geschlagen die Ziellinie überfahren hätte. Fragt sich nur, wer der musikalische Jan Ullrich sein könnte.

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