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Kultur

Willkommen im "Deutschen Hof" in Kurdistan!

Sie ist schon ziemlich viel herumgekommen in der Welt – Hotelmanagerin und Restaurantfachfrau war die Journalistin aber noch nie. Und das auch noch im Nordirak. Für Doris Bulau ein Abenteuer der besonderen Art.

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Deutsche Brauhauskultur im wilden Kurdistan

Nur anderthalb Stunden Flug, aber eine neue Welt. Raus aus dem soliden jordanischen Amman, rein ins wilde Kurdistan, ins schätzungsweise 4000 Jahre alte Erbil. Ich arbeite ab sofort in einem Restaurant, aber was heißt das eigentlich? Der "Deutsche Hof" darf sich "einzige deutsche Kneipe im Irak" nennen. Küche, Service, Catering – ab jetzt mein Reich. Ziemlich verrückt für eine Journalistin. Ob das wohl funktioniert? Eine Herausforderung, die mich reizt, mich neugierig macht.

Welcome to Kurdistan!

Vom Flughafen Erbil bin ich mehr als überrascht: Keine staubige Piste, sondern ein riesiges High-Tech-Gebäude, in filigraner Architektur, freilich fast menschenleer. Wenigstens geht's schnell an der Passkontrolle. Eine Visum hatte ich mir nicht besorgen müssen, hier wird es in Sekundenschnelle (und kostenlos!) gleich in den Pass gestempelt. Verblüffend unbürokratisch. Ich werde schon erwartet: Gunter Völker drückt mich an seinen massigen Bauch. Er ist der Chef vom "Deutschen Hof", lebt schon ein paar Jahre hier und ruft mir schon von weitem entgegen: "Welcome in Kurdistan!". Wir fahren in die Stadt. Sie erinnert mich ein wenig an die heruntergekommenen Metropolen des einstigen Warschauer Pakts. Nichts als Plattenbauten. Dazwischen aber auch schäbige Lehmhütten, mal ein gläsernes Hochhaus, viel Staub und Sand und mittendrin: die "Ainkawa Mall", ein Shopping Center. Ainkawa heißt auch der Stadtteil, in dem Gunters Restaurant mit fünf Gästezimmern (Typ: "DDR-Bauarbeiterunterkunft") steht.

Man isst deutsch

Hier im Viertel leben viele Christen, erklärt er mir. Sie sind fühlen sich hier sicherer als in anderen Regionen des Irak. Nach zehn Minuten Fahrt kommt mein Zeit-Arbeitsplatz in Sicht. Schon von weitem leuchtet das Eingangsschild: Schwarz-Rot-Gold mit Brandenburger Tor!! Im Biergarten: deutsche Gemütlichkeit. Oktoberfest-Bierbänke und -tische, Tresen und eine kleine Bühne. Deutsche Brauhauskultur mitten in Kurdistan! Kneipe und Küche ähneln einem Thüringer Landgasthof – kein Wunder: Thüringen ist Gunters Heimat. Und natürlich darf das Hirschgeweih über dem Eingang nicht fehlen.

Kulturblog Tagebuch aus Erbil

"Willkommen im Deutschen Hof!"

Im Restaurant treffe ich Delon. Er stammt aus Mossul - eine der gefährlichsten Städte der Welt mit vielen tödlichen Anschlägen und nur 90 Kilometer weg - empfängt mich mit breitem Grinsen und auf deutsch: "Willkommen im Deutschen Hof". Aber dann muss er gleich wieder ran. Zwei Bierfässer sollen angeschlossen werden. Das Abendgeschäft ruft. Zwei Sorten Pils vom Fass, eins aus dem Osten, eins aus dem Westen, ein Weizen und ein dunkles Starkbier sind im Angebot – unfassbar! Delons philippinischer Kollege Rico bestückt den Kühlschrank mit deutschem Flaschenbier. Aus der Küche kommt verführerischer Duft. Es riecht nach Bratwurst, Sauerkraut und Rotkohl. Etwa auch Bratkartoffeln?

Multikulti-Küche

Auch in der Küche ein buntes Gemisch. Am Herd bruzzelt Ramona, Köchin aus Leipzig. Ihre Crew stammt aus Bangladesch, Thailand und Kurdistan. Der "Deutsche Hof" erweist sich hier eher als Multi-Kulti-Laden. Das bunte Team strahlt mich an, manche testen ihre Deutschkenntnisse: "Guten Tag Madame, wie geht es Ihnen? Haben Sie Hunger? Ich mache gerade Semmelknödel." Ich bin angekommen auf meiner Spurensuche nach dem deutschen Reinheitsgebot im Irak.

Gunter zieht mich an den Stammtisch in einer holzgetäfelten Nische. Hier regiert deutscher Nippes: Wimpel, Porzellanfigürchen, Bierkrüge verschiedener deutscher Brauereien und kneipenübliche Sinnsprüche. Vom Laptop eingespielt ertönen deutsche Schlager. Wer's mag… Stolz erzählt Gunter vom letzten Oktoberfest. Rammelvoll war's da bei Bier, Bratwurst und natürlich bayerischer Blasmusik. Im Biergarten ließ man's richtig krachen. Ich kann's mir lebhaft vorstellen: der "Hof" vermittelt nun wirklich das Klischee deutscher Gemütlichkeit.

Stammtisch und Nadelstreifen

Allmählich füllt sich der Gastraum. Vier kurdische Geschäftsleute in Nadelstreifen bestellen schon mal vier große Weizen. Sie kamen aus Deutschland zurück, wohin sie vor dem früheren Diktator Saddam geflohen waren, sprechen fließend deutsch und finden hier ein Stück zweite Heimat. Am Nebentisch findet sich eine Truppe angeheiterter Engländer, die sich an Schwarzbier begeistern. Auch für Franzosen ist gesorgt, ein Viertel Rotwein für jeden. Die Küche hat Kesselgulasch im Angebot. Die Belegschaft kommt kaum nach, immerhin sind fast 40 Gäste zu bedienen.

An Gunters Stammtisch regt sich ein deutscher Bauunternehmer lautstark über die schleppende Genehmigungspraxis kurdischer Behörden auf, dazwischen tönt Wiener Schmäh, aha, auch die Österreicher sind hier vertreten. Ein junger PR-Manager hackt wütend in seinen Laptop, das Internet will mal wieder nicht so richtig. Trotzdem arbeitet er am liebsten hier im "Hof" - wegen der Stimmung und dem guten Kaffee, sagt er. Ich kann es gar nicht fassen. Leicht amüsiert sitze ich in dieser Insel der Glückseligen, schließlich bei Königsberger Klopsen und Fassbier. Als ich endlich ins Bett sinke, rauschen mir die Schlager noch im Ohr – im "Deutschen Hof" in Erbil wahrscheinlich eine Art Berufskrankheit.

Kulturblog Tagebuch aus Erbil

Doris Bulau

Was mich hierher nach Erbil verschlagen hat? Eigentlich wohne ich ja schon ziemlich nahe dran, in Amman nämlich. Von hier sind es nur eineinhalb Flugstunden in den Nordirak. Früher habe ich in bequemen Büros und schönen Studios gesessen und als Journalistin gearbeitet. In Köln – noch vor drei Jahren. Eine andere Ära, so kommt es mir vor. Jetzt lebe ich zusammen mit meinem Mann in der jordanischen Hauptstadt und bin, was man so schön "mitreisende Ehefrau" nennt. Auch nicht ganz einfach. Da hat mich die Herausforderung gelockt! Ein ganz anderer Job, eine andere Kultur, ein anderes Leben. Wenigstens für ein paar Wochen. Ich bin gespannt, was und wer mir hier so begegnet. Im "Deutschen Hof", in der Küche, im Restaurant – und draußen auf den Straßen.

Autorin: Doris Bulau
Redaktion: Cornelia Rabitz