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Politik

Wilde Märkte und Edelboutiquen

Immer mehr Investitionen westeuropäischer Konzerne gehen Richtung Osten, hohe Umsätze sind garantiert. Aber mit jedem neuen Supermarkt wird den russischen Kleinhändlern ein Stück Lebensgrundlage geraubt.

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Sie gehören zu Moskau wie der Rote Platz und die Basilius-Kathedrale. Die Moskauer erledigen dort zwei Drittel ihrer Tageseinkäufe, denn das Angebot ist nahezu unerschöpflich. Wilde Märkte unter freiem Himmel, wo aus Holzkisten, Plastiktüten oder kleinen Buden die Waren angeboten werden. Diese Märkte sind ein Stück Leben der Stadt, es wird eilig eingekauft und gehandelt, ein wenig geschwatzt und sich umgeschaut.

Das andere, nobele Moskau

Die Angebotsfülle endet aber nicht an den Grenzen dieser Märkte, die fester Bestandteil des Straßenbildes sind. Denn in den großen Einkaufsstraßen und Konsumtempeln der Stadt, prangen die Schriftzüge westeuropäischer Edelmarken. Bluse oder Hemd aus feinem Tuch hängen in lichtdurchfluteten und klimatisierten Boutiquen. Auch hier ist es nicht leer, nur ist es eine andere Welt des Einkaufs. Der Duft von exquisitem Parfüm schwebt sanft in der Luft, kein Gestank von Autoabgasen, keine Kälte. Leise Musik umsäuselt die Kunden, nicht das laute Anpreisen der Waren.

Es ist ein anderes Moskau, das sich hinter spiegelnden Glasscheiben zeigt. Dieses Moskau ist das Sprungbrett für Westfirmen in den Osten. Denn in der russischen Metropole sind hohe Umsätze nahezu garantiert, 24 Stunden können die Läden ihre Waren anbieten. Und das mit Erfolg, der Einzel- und Großhandel vermeldet steigende Absätze. Nach der Krise von 1998 hat sich der Rubel zum US Dollar stabilisiert und mit steigendem Einkommen der Bevölkerung rollt der Rubel schneller über die Ladentische. So ist das Geld vor allem in der Mittelschicht vorhanden, die in den Millionen-Städten Russlands die Lücke zwischen Arm und Reich zu schließen beginnt.

Lebenskultur und Lebensgrundlage

Was helfen aber Modeboutiquen den 20 Prozent der Russen, die mit weniger als 2,15 US Dollar am Tag auskommen müssen, die arm sind? Für sie sind selbst die Lebensmittel im Supermarkt unerschwinglich. Sie sind auf die Märkte angewiesen, wo hauptsächlich russische Waren angeboten werden. Im Supermarkt füllen stattdessen westliche Marken mit westlichen Preisen die Regale.

Der Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow hat nun gerade den wilden Verkaufsständen den Kampf angesagt. Nach seiner Meinung schaden sie dem Image der Stadt und durch die schlechten hygienischen Verhältnisse gefährden sie zudem die Gesundheit der Moskauer. So verschwindet Markt um Markt aus den Nebenstraßen Moskaus und mit jedem muss nicht nur ein Stück Lebenskultur der Stadt dem westlichen Schick weichen. Es verschwindet auch die Lebensgrundlage vieler Moskauer, die sie nicht hinter den pompösen Fassaden und Reklametafeln der Edelboutiquen wiederfinden können.