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Politik

WikiLeaks und unser Bild des Krieges

Die Kritik aus Washington und Bagdad an der Veröffentlichung der Geheimdokumente aus dem Irak-Krieg bei WikiLeaks ist scheinheilig, meint Rainer Sollich in seinem Kommentar.

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Eigentlich bieten die Geheimdokumente kaum neue Erkenntnisse. Spätestens seit Abu Ghraib hat sich international ohnehin der Eindruck festgesetzt, dass der Krieg im Irak ein schmutziger Krieg war. Es wurde getötet, es wurde gefoltert, Söldner agierten als brutale Invasoren, Schiiten und Sunniten massakrierten sich gegenseitig. Dass einer der grausamsten Diktatoren gestürzt wurde, ist darüber fast schon in Vergessenheit geraten. Dafür verankert sich das Bild des schmutzigen Krieges jetzt noch nachhaltiger in unserem Bewusstsein. Dank der Enthüllungen bei WikiLeaks lernen wir - möglicherweise - den genauen Hergang vieler brutaler Menschenrechtsverletzungen sowie die Anzahl der Toten noch etwas präziser kennen: Mehr als 150.000 Menschen sind demnach zwischen 2004 und 2009 im Irak getötet worden, wenn man den Dokumenten aus amerikanischen Militärquellen glauben darf.

Darf man das? Ja, man darf. Die Dokumente erscheinen prinzipiell glaubwürdig. Aber es ist wichtig, sie als das zu behandeln, was sie sind: eine Quelle von mehreren Quellen – und eine einseitige und ursprünglich allein für den internen Gebrauch bestimmte Quelle. Das bedeutet: Nicht alles, was in den Dokumenten steht, muss wirklich den Charakter einer bitteren Wahrheit haben, die absichtlich vor der Weltöffentlichkeit vertuscht werden sollte. Es könnten vereinzelt auch Halbwahrheiten und Scheinfakten enthalten sein, etwa wenn die Berichterstatter aus subjektiver Perspektive falsche Schlüsse gezogen haben oder gegenüber Vorgesetzten über Versäumnisse hinwegtäuschen wollten. Kaum etwas wird bekanntlich häufiger „schön geschrieben“ oder sogar manipuliert als Rechenschaftsberichte für ranghöhere Aufsichtsinstanzen. Das dürfte auch für die US-Armee im Irak gelten.

Wer kontrolliert eigentlich WikiLeaks?

Kritische Fragen sind also durchaus erlaubt: Hat WikiLeaks bei der Bearbeitung der Dokumente wirklich alles getan, um keine weitere Menschenleben zu gefährden? Man kann dies nur hoffen und wird abwarten müssen. Und überhaupt: Wer kontrolliert eigentlich WikiLeaks? Diese Fragen muss sich die Organisation angesichts der spürbaren Zunahme ihrer politischen Macht genauso gefallen lassen wie die traditionellen Massenmedien oder Facebook und Youtube: Sie alle tragen eine hohe Verantwortung, ohne dafür gewählt worden zu sein. Es kommt aber auch darauf an, wer solche Fragen stellt – und mit welchen Motiven.

USA stehen am Pranger

Die Kritik, die jetzt von den Regierungen in Washington und Bagdad an WikiLeaks geäußert wird, ist scheinheilig. Beide sind vor allem um ihren Ruf besorgt. Der amerikanische Präsident Barack Obama ist dabei nur scheinbar in einer komfortablen Position. Denn er kann sich nicht einfach lässig zurücklehnen und alle fatalen Fehlentwicklungen auf seinen Vorgänger George W. Bush schieben. In der verkürzten Wahrnehmung vieler Menschen - nicht nur in arabischen Ländern - steht nun erneut sein ganzes Land am Pranger.

Gefahr für den irakischen Regierungschef

Mindestens genauso hart trifft die Veröffentlichung der Dokumente den amtierenden irakischen Regierungschef Nuri Al-Maliki. Er erscheint nun öffentlich als ein Politiker, der Folter unterstützt – darunter die Misshandlung von Angehörigen aus politisch-religiösen Gruppen, die er seit sieben Monaten als Kooperationspartner für eine neue Koalition gewinnen will. Kein Wunder, dass Al-Maliki bereits eine Intrige gegen ihn wittert. Er weiß: Die Veröffentlichung neuer schockierender Details könnte sein politisches Aus bedeuten.

Sofern die Dokumente sich nichts als Fälschungen oder grob fehlerhaft erweisen – wofür bisher nichts spricht – läge die Schuld dafür freilich bei ihm selbst und bei George W. Bush. Und nicht bei WikiLeaks. Genauso wie damals für Vietnam muss heute für den Irak-Krieg gelten: Schmutzige Details müssen gründlich überprüft und schmutzige Wahrheiten schonungslos ans Licht gebracht werden. Das haben vor allem die Bürger im Irak verdient.

Autor: Rainer Sollich

Redaktion: Marko Langer

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