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Afrika

Wieviel Sansibar verträgt Tansania?

Vor fünfzig Jahren entstand Tansania aus den Vorgängerstaaten Tanganjika und Sansibar. Die Bilanz ist durchwachsen. Ein Streitpunkt: Die Rolle Sansibars in der Union. Eine neue Verfassung könnte die Lösung sein.

Jakaya Kikwete und Ali Mohamed Shein Foto: MWANZO MILLINGA/AFP/Getty Images

Zwei Präsidenten, ein Land: Jakaya Kikwete und Ali Mohamed Shein

Die Vereinigte Republik Tansania feiert in diesem Jahr ihr fünfzigjähriges Bestehen: Am 26.04.1964 schlossen sich die eigenständigen ostafrikanischen Länder Tanganjika und Sansibar zusammen. Die Union zwischen dem Festland und den vorgelagerten Sansibar-Inseln hat gehalten. Doch auch nach einem halben Jahrhundert herrschen darüber gemischte Gefühle: "Man wird sich daran erinnern als den Moment, an dem Sansibar seine Unabhängigkeit verlor", findet etwa Salim Rashid, sansibarischer Politiker der ersten Stunde. Und das, obwohl sich der Inselstaat eine gewisse Autonomie bewahrt hat - immerhin hat Tansania neben dem nationalen Parlament und Präsidenten mit Sitz in Dodoma auch ein Parlament auf Sansibar und einen sansibarischen Präsidenten.

Als Tanganjika und Sansibar 1964 die Union besiegelten, die ihren Namen aus den jeweils ersten Silben beider Staaten erhielt, wuchs nicht einfach zusammen, was zusammengehörte. Anders als das Festland war Sansibar deutlich vom Einfluss der arabischen Halbinsel geprägt. Jahrhundertelang stand es unter der Herrschaft arabischer Sultane - bis es Ende des 19. Jahrhunderts zum britischen Protektorat wurde.

Hafen von Sansibar Foto: pixel

Viel mehr als das Festland ist Sansibar vom Islam und vom arabischen Einfluss geprägt

Kurz nach der Unabhängigkeit im Dezember 1963 stürzten Milizen die arabische Elite und riefen eine Volksrepublik aus, die schon bald die Unterstützung kommunistischer Länder wie Russland oder Kuba erhielt. Dass sich Sansibar wenige Monate später mit dem Nachbarland vereinigte, hat laut Stefan Reith von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Tansania viele Gründe. Einerseits hätten die USA Druck ausgeübt, weil sie zu Hochzeiten des Kalten Krieges ein afrikanisches Kuba fürchteten. "Es gab aber auch Interessen auf beiden Seiten. Der Inselstaat Sansibar war zu klein, um starke staatliche Strukturen zu entwickeln." Und Tanganyikas Präsident Julius Nyerere habe auch im Interesse der nationalen Sicherheit gehandelt, da sich das Land direkt vor der eigenen Küste befand.

So weiter wie bisher?

Trotz aller äußeren Zwänge hat das Bündnis die Jahrzehnte überdauert - und das mit einigem Erfolg, wie Reith findet. Er verweist darauf, dass das Land nur einmal unmittelbar in einen Krieg verwickelt wurde: Es beteiligte sich am Sturz des ugandischen Herrschers Idi Amin, nachdem dieser Tansania angegriffen hatte. Innerstaatliche Konflikte habe es keine gegeben. "Damit unterscheidet sich Tansania sehr stark von seinen afrikanischen Nachbarstaaten." Allein die Tatsache, dass die Union über fünfzig Jahre gehalten habe, sei bemerkenswert, findet denn auch der ehemalige tansanische Politiker Pius Msekwa. Tansania gebe damit ein gutes Beispiel für andere Staaten ab.

Karte Tansania und Sansibar Deutsch

Sansibar setzt sich aus den Inseln Pemba und Unguja und der abgelegenen kleinen Latham-Insel zusammen

Also alles in bester Ordnung? Für die festlandtansanische Geschäftsfrau Rahel Samuel Amas steht fest: "Die Union ist eine gute Sache und soll weiter bestehen." Doch sie wünscht sich grundlegende Änderungen. Ihr bevorzugtes Modell: "Drei Regierungen - das ist sehr wichtig. Eine für Sansibar, eine für die Union und eine für das Festland." Mit dieser Meinung steht die 48-Jährige nicht alleine da. Auf dem Festland könnten viele nicht nachvollziehen, warum nur Sansibar eine eigene Regierung habe, sagt Stefan Reith. Die Sansibaris hingegen sähen sich benachteiligt, weil wichtige Fragen nur auf dem Festland debattiert würden - in einem Parlament, dem sie vorwerfen, vorwiegend diesen Landesteil im Blick zu haben.

Neue Verfassung

Ein halbes Jahrhundert nach der Staatsgründung sind all diese Fragen erneut auf dem Tisch. Zurzeit arbeitet eine nationale Versammlung an einer neuen Verfassung, die mehr Gleichberechtigung für die Teilstaaten bringen könnte. Die Verfassungsreform gilt als Prestigeprojekt von Tansanias Präsident Jakaya Kikwete, dessen zweite und letzte Amtszeit 2015 endet. Änderungsbedarf gibt es reichlich: Die heute gültige Verfassung stammt von 1977, als das Land noch ein sozialistischer Einparteienstaat war. Seitdem hat es nur minimale Nachbesserungen gegeben.

Pateimitglieder der CCM feiern den Wahlsieg von Jakaya Kikwete Foto: imago/Xinhua

Seit 1977 regelmäßiger Wahlsieger: Die CCM

Seit 2012 veranstaltete eine Kommission Bürgeranhörungen in allen Landesteilen, um die Wünsche der Bevölkerung im neuen Grundgesetz abbilden zu können. Das Ergebnis ist der Entwurf, der zurzeit der verfassungsgebenden Versammlung zur Überarbeitung vorliegt. Er sieht zwei Teilregierungen mit weitreichenden Kompetenzen vor. Darüber gäbe es eine deutlich kleinere Unionsregierung, die nur noch wenige Kernbereiche zu verantworten hätte - etwa die nationale Sicherheit und außenpolitische Angelegenheiten. Aus zahlreichen Diskussionsveranstaltungen der Konrad-Adenauer-Stiftung weiß Stefan Reith, dass das Modell im ganzen Land eine breite Unterstützung findet.

Widerstand regt sich ausgerechnet im Regierungslager von Präsident Jakaya Kikwete: Die Partei der Revolution (CCM) - die einstige Einheitspartei, die seit ihrem Entstehen 1977 die Mehrheit in beiden tansanischen Parlamenten hat - drohe den Reformprozess zu sabotieren, sagt Reith. Hochrangige Vertreter der Partei würden versuchen, das bisherige System mit zwei Regierungen doch noch in den neuen Entwurf zu retten und könnten andernfalls die Reform platzen lassen. In der CCM gibt es offenbar die Ansicht, dass sich die Funktionäre nur so ihre Vorherrschaft im Land weiter sichern können. Für den Festlandpolitiker Pius Msekwa - einen der Gründungsväter der CCM - wäre ein Scheitern der Reform nicht weiter tragisch: "Die jetzige Verfassung hat uns über dreißig Jahre geleitet." Sie habe Tansania ermöglicht, friedlich voranzukommen, sich wirtschaftlich und gesellschaftlich weiterzuentwickeln, sagt Msekwa der Deutschen Welle. "Wenn sie weiterbesteht, wird daran nichts kaputtgehen."

Ob Tansania sein Jubiläum noch in diesem Jahr mit einer neuen Verfassung krönen kann, bleibt offen. Sollten die beteiligten Gruppen zu einem Konsens kommen, steht ohnehin eine lange Übergangsphase bis 2018 an. Doch in der Zivilgesellschaft ist man sich sicher: Das breite Interesse in der Bevölkerung ist in jedem Fall ein Gewinn.

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