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Amerika

Wieso Trump einen guten Vizepräsidenten braucht

Für gewöhnlich spielt es kaum eine Rolle, mit welchem Kandidaten die Präsidentschaftsanwärter in die letzte Runde des US-Wahlkampfs ziehen. Nur ist der Kandidat der Republikaner diesmal alles andere als gewöhnlich.

Der Texaner John Nance Garner, US-Vizepräsident unter Franklin D. Roosevelt, nahm kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Bedeutung seines Jobs ging. Die Vizepräsidentschaft sei - frei übersetzt - "keinen feuchten Dreck wert", erklärte er einmal. Das Amt anzunehmen, sei "der dümmste Fehler, den ich je gemacht habe".

Bis Jimmy Carter vor 40 Jahren Walter Mondale zu seinem Kandidaten machte, spielten Vizepräsidenten nur eine sehr begrenzte Rolle im politischen Tagesgeschäft der USA. Qua Verfassung hatten sie hauptsächlich zwei Funktionen. Die erste drückt sich in dem klischeehaften Status des Vizepräsidenten aus, "nur einen Herzschlag von der Präsidentschaft entfernt" zu sein. Falls der US-Präsident stirbt, zurücktritt oder seines Amtes enthoben wird, muss der Vizepräsident einspringen. Zweitens steht der offiziell zweitwichtigste Mann der USA dem Senat vor.

Die wenigen Pflichten und die geringe Wertschätzung des Postens verbannten Vizepräsidenten häufig auf die politische Hinterbank. Oder um es mit den Worten des einstmaligen Vizepräsidenten Harry S. Truman auszudrücken: Vizepräsidenten sind "ungefähr so nützlich wie die fünfte Zitze einer Kuh".

Neue Aufgaben

Jimmy Carter änderte etwas an dieser Wahrnehmung. Nicht nur gab er Mondale eine Führungsrolle in seiner Präsidentschaftskampagne. Carter wertete seinen Vertreter auch offiziell auf, indem er ihm ein eigenes Büro im Westflügel des Weißen Hauses arrangierte und ihn zu einem wichtigen Berater des Präsidenten machte.

Sherrod Brown (Foto: Getty Images)

Strategisch die beste Wahl für Clinton: Sherrod Brown

Seitdem flögen Vizepräsidenten nicht nur zu Staatsbegräbnissen und warteten auf den Tod des Präsidenten, sondern fungierten als entscheidende Vertrauensperson des Präsidenten, erklärt Matt Dickinson, Experte der US-Präsidentschaft am Middlebury College in Vermont. Abhängig von ihrem individuellen Hintergrund und ihrer Expertise könnten künftige Vizepräsidenten so potentielle Defizite des Präsidentschaftskandidaten abschwächen.

Ebendas nutzte George W. Bush, der vor seiner Zeit als US-Präsident keine Erfahrung in Fragen der nationalen Sicherheit hatte, als er sich auf die Expertise seines Vizes Dick Cheney verließ. Barack Obama, ein US-Präsident ohne viel Kongresserfahrung, machte wiederum den Langzeit-Senator Joe Biden zu seinem Vizepräsidenten. "Der Vizepräsident hat sich wirklich in Richtung Exekutive entwickelt", findet Joel Goldstein, ein Forscher der Vizepräsidentschaft an der Saint Louis Universität.

Minimale Möglichkeiten im Wahlkampf

Zwar ist der Vizepräsident im Laufe der vergangenen vier Jahrzehnte zu einer wesentlich wichtigeren politischen Figur geworden, seinen Einfluss im Wahlkampf hat das jedoch kaum gesteigert. "Vizepräsidenten spielen im Großen und Ganzen keine große Rolle", meint Dickinson.

Der Kandidat könne nur minimal den Ausgang der Wahl beeinflussen. Dafür, so die Prämisse, muss der potentielle Vizepräsident aus einem sogenannten Swing State sein, einem Bundestaat also, der in der Präsidentschaftswahl noch unentschieden ist. In einem engen Rennen könnte der Heimvorteil des Kandidaten entscheidend sein. "Das ist das beste Szenario, wenn es darum geht, den Vizepräsidenten strategisch auszusuchen", sagt Dickinson.

Umgekehrt kann die Wahl des falschen Kandidaten ein Nachteil sein. Dickinson nennt als Beispiel Sarah Palin, die John McCain bei seiner Kandidatur gegen Barack Obama zu seiner Vizepräsidentschaftskandidatin gemacht hatte. "Es gibt Hinweise darauf, dass Sarah Palin 2008 die Unterstützung für McCain leicht gemindert hat."

Strategische Entscheidungen

Überträgt man diese Überlegungen auf den gegenwärtigen US-Wahlkampf, wäre es für Hillary Clinton nicht ratsam, ihre Lieblingskandidatin Elizabeth Warren zu wählen. Zum Einen würde die liberale Senatorin wohl die Unterstützer von Bernie Sanders verärgern. Zum anderen ist ihr Heimatstaat Massachusetts ohnehin demokratisch und daher uninteressant für den Ausgang der Wahl. Ein strategisch besserer Kandidat wäre daher Senator Tim Kaine aus Virginia oder Senator Sherrod Brown aus Ohio, beides Swing States. Brown, auch ein Liberaler, hätte den zusätzlichen Vorteil, dass er Clintons schwachen Stand bei progressiven Wählern ausgleichen könnte.

Während die richtige Wahl eines Vizepräsidentschaftskandidaten für eine erfahrene Politikerin wie Clinton zwar wichtig, aber kaum ausschlaggebend ist, hat Trumps Entscheidung eine höhere Tragweite. "In der jüngeren Geschichte fällt mir kein anderer Kandidat ein, der es so nötig hat, seine offensichtlichen Schwächen durch die Wahl eines Vizepräsidenten auszugleichen", sagt Dickinson. Trumps Defizit bestünde vor allem im Nichtvorhandensein irgendeiner Regierungserfahrung auf dem nationalen Level. Dickinson fügt hinzu: "Man kann seine Entscheidung nicht hoch genug bewerten - nicht nur, was die Wahl, sondern auch seine Regierung angeht."

Wer will überhaupt?

Dabei gibt es nur ein Problem: Die Personen, die Trump bräuchte - republikanische Schwergewichte aus Swing States mit Erfahrung in Washington - stehen nicht gerade Schlange, um sein Vizepräsidentschaftskandidat zu werden. John Kasich, ehemaliger Kongressabgeordneter und derzeit Gouverneur von Ohio, wäre wohl Trumps beste Wahl. Nur hatte Kasich, der selbst als Kandidat der Republikaner angetreten war, Trump scharf kritisiert und jegliche Unterstützung für den Populisten abgelehnt. Ebenso wie viele andere Parteifunktionäre will er nicht einmal an dem Nominierungsparteitag der Republikaner teilnehmen.

Damit bleiben Trump noch die Senatoren Bob Corker und Jeff Sessions. Sie hätten zwar Erfahrung in Washington, kommen allerdings beide aus sicheren Republikaner-Staaten im Süden - nicht gerade die Region, in der Trump Verstärkung bräuchte. Auch der ehemalige Sprecher des Repräsentantenhauses Newt Gingrich kommt aus einem der Südstaaten. Dennoch könnte der zweimal geschiedene und zum römisch-katholischen Glauben konvertierte ehemalige Geschichtsprofessor am besten zu Trump passen - zumindest was sein Temperament und seine Twitter-Gewohnheiten angeht.

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