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Wirtschaft

Wiesn 2012: Die Welt lässt Geld in München

Über dreieinhalb Millionen Besucher in der ersten Woche: Das sind mehr als je zuvor. Oktoberfest-Touristen aus Asien und Osteuropa sind angereist, und wie immer sind viele Italiener gekommen.

Verkaufsstand von Lebkuchenherzen(Foto: DW/Johanna Schmeller)

BmE Tourismus Oktoberfest 2012

"The beer! Das Bier natürlich, und die Frauen!" Maurizio lacht breit. Wenn er gefragt wird, was ihm am Münchner Oktoberfest am besten gefällt, stemmt er mit der rechten Hand einen imaginären Maßkrug, mit der linken beschreibt er in ausladenden Gesten ein üppiges Dirndl-Dekolleté. Mit drei Freunden teilt sich der Mailänder einen Wohnmobil-Stellplatz auf einem der ältesten Campingplätze Münchens. Daneben stehen orange-grau-gemusterte Billigzelte in meterlangen Reihen. Auf die Dachplanen prasseln Regentropfen.

Erst gegen Mittag wird sich hier ein leises Gemurmel zum bunten Stimmengewirr verdichten, englische, russische, spanische Satzbrocken, dazwischen immer wieder Italienisch. Das Oktoberfest ist schon über eine Woche alt - und die meisten der jungen Camper sind verkatert, heiser und zufrieden. Die Dusche kann warten, der Kaffee nicht. Der eine hört bayerischen Ska, der andere tschechischen Pop. Jeder friert im Regen. Das verbindet.

Kellnerin mit Bierkrügen (Foto: DW/Johanna Schmeller)

Schon über 3,5 Millionen ausgeschenkte Maß Bier: Besonders abends steigt der Bierkonsum

Feiern, bis der Arzt kommt

"Etwa 3000 bis 4000 Euro Schaden müssen wir nach dem Oktoberfest jedes Jahr ersetzen", sagt Campingplatz-Pächter Gerd Folger: "Toilettenschüsseln, Waschbecken, vieles wird nachts zertrümmert."

Doch vor dem Aufräumen steht das Geschäft. Vor der Schranke des Campingplatzes haben Reiseveranstalter lange Tische aufgebaut. Die jungen Touristen werden direkt nach dem Frühstück eingesammelt, in Busse geladen und zu Erlebnistouren zur Theresienwiese gekarrt - und noch weiter, wenn um halb zwölf Uhr nachts die letzte Maß runtergeschüttet und das letzte Bierzelt geschlossen, der Durst aber noch nicht gestillt ist. 445 "Bierleichen" musste das Rote Kreuz in der ersten Woche versorgen, 74 mehr als im letzten Jahr.

BmE Tourismus Stau am Aufgang Theresienwiese (Foto: DW/Johanna Schmeller)

Stau am Aufgang zur Theresienwiese

"Wir haben über 500 Prozent mehr Verkehrsaufkommen als sonst, locker!" stöhnt eine Mitarbeiterin der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) am Infoschalter. MVG-Einweiser in Warnwesten dirigieren die Passagiere an den wichtigsten Stationen in die Waggons und dann über jene schmalen Rolltreppen nach oben, die Unterwelt und Feierwiese verbinden. Das breite Bayerisch und den ruppigen Humor unter Tage versteht nicht jeder der "Zugroa'sten" (das ist bayerisch für "Zugereiste", also Touristen) auf Anhieb - den gespielt strengen Blick des Warnpersonals dagegen schon eher. München zeigt sich organisiert, überfüllt und gastfreundlich.

Rekordjahr 2012

Das Jahr 2012 lässt Rekordumsätze erwarten: Bereits zur Oktoberfest-Halbzeit am zurückliegenden Wochenende sind mehr Gäste denn je in die bayerische Landeshauptstadt gekommen, 100.000 mehr als im Vorjahr. Bis zum Ende des 16-tägigen Volksfestes sollen es über sechs Millionen werden. Trotz oder gerade wegen des anhaltend schlechten Wetters wurden in der ersten Woche über dreieinhalb Millionen Maß Bier getrunken. Und schon vor vier Jahren zeigte eine repräsentative Umfrage, dass Festbesucher im Durchschnitt über 60 Euro ausgeben.

Besonders traditionelle Schaustellergeschäfte wie Nagelbuden, Schießstände und Wurfbuden haben in diesem Jahr Zulauf.

Traditionsgeschäfte wie Nagelbuden verzeichnen Zuwächse (Foto: DW/Johanna Schmeller)

Treffer, versenkt: Traditionsgeschäfte wie Nagelbuden verzeichnen Zuwächse

Auch der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband ist zufrieden: An Wochenenden seien nahezu alle verfügbaren Zimmer ausgebucht, nur unter der Woche "kann man vielleicht noch etwas finden", sagt Hauptgeschäftsführer Ralf Schell. Der Trend zum Camping oder zur privaten Unterkunft nehme allerdings zu.

Nur ein Drittel ausländische Touristen

Rund 70 Prozent der Touristen kommen aus dem bayerischen Umland, nur ein gutes Drittel aus dem Ausland. Am mittleren Wiesn-Wochenende reisen besonders viele Italiener an - bis zu 75.000 hat die Stadt in diesem Jahr erwartet. Ihr Programm? "Yesterday Oktoberfest, today the HB-Pub", kichert eine junge Frau aus Florenz - und meint damit das Münchner Hofbräuhaus, das ein H und ein B im Firmenlogo trägt.

Kettenkarussell auf dem Oktoberfest (Foto: DW/Johanna Schmeller)

Auch harmlose Fahrgeschäfte wie das Kettenkarussell erledigt man besser vor dem Besuch im Bierzelt

Dirndlkult und Trachtenschmuck

Oktoberfest und Hofbräuhaus sind längst weltberühmt, daran besteht in diesen Tagen erst recht kein Zweifel - aber auch der Trachtentrend habe sich international durchgesetzt, erzählt die Inhaberin eines über 260 Jahre alten Trachtenschmuck-Ladens am Münchner Rathaus. In den letzten Jahren findet sie immer mehr Kunden in den USA, in Asien oder Russland. Am meisten freut man sich hier allerdings auch auf die Gäste aus dem Nachbarland: "Die Italiener flirten immer mit den Damen, wenn's geht. Das ist immer lustig!" Und das gilt selbst dann, wenn manche vorerst noch das Trinken über's charmante Schäkern stellen - wie Mailänder Maurizio.

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