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Amerika

Wiedersehen mit "W."

Der ehemalige US-Präsident George W. Bush meidet die Öffentlichkeit. Auf der internationalen Windkonferenz in Dallas plauderte er ausnahmsweise über Massenvernichtungswaffen, seinen Hund Barney und sein geplantes Buch.

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"Nenne mir einen Tag, an dem du keinen Alkohol getrunken hast", fragte Laura Bush eines Tages ihren Mann George. Der ging in sich - und konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal ohne hochprozentige Flüssigkeit auskommen war. Mit dieser Szene soll es anfangen, das Buch des ehemaligen Präsidenten. So jedenfalls erzählt es der Autor höchstpersönlich seinem Publikum im großen Saal des Messegeländes in Dallas.

Der Auftritt hat Seltenheitswert, denn George W. Bush will "keine Schlagzeilen mehr machen", sagt er, schließlich sei er jetzt pensioniert. So gelten für die Journalisten auch strenge Regeln, die rigoros durchgesetzt werden: Keine Film- und Tonaufnahmen, keine Fotos. Nur, ganz wie früher, Papier und Stift.

Neue häusliche Agenda

DW-Korrespondentin Christina Bergmann (Foto: DW)

Offensichtlich fühlt sich der ehemaligen Präsident ohne Kameras und Mikrofone wohler. Es gibt keine seiner berüchtigten verbalen Patzer, er spricht locker und flüssig und taut zusehends auf. Und vor allem: Der Mann kann wirklich witzig sein. Sein trockener Humor kommt im voll besetzen Saal gut an, und dass er sich auch über sich selbst lustig machen kann, spricht durchaus für ihn. "Endlich frei, Süße", habe er zu seiner Frau Laura nach der Amtsübergabe an Barack Obama gesagt, als sie danach zuhause in Texas angekommen waren. Mrs. Bush habe aber nur geantwortet: "Ja, frei, um den Müll rauszutragen und das Geschirr zu spülen."

Mit Genuss erzählt Bush auch, wie er zum ersten Mal mit seinem Hund Barney einen Spaziergang um den Block des neu erworbenen Hauses machte. Für Hund und Herr ein völlig neues Gefühl, bei dem Bush feststellen musste, dass auch er als ehemaliger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika an der obligatorischen Plastiktüte für den Hundekot nicht vorbei kommt.

Windenergie gefördert

Das eigentliche Thema des Tages, die Windenergie, kommt in Bushs Rede und dem anschließenden Gespräch mit Denise Bode, der Chefin der Amerikanischen Windenergie-Gesellschaft, auch vor. Als Gouverneur von Texas hat der spätere Präsident sich dafür eingesetzt, dass Windenergie in seinem Bundesstaat gefördert wird – heute ist Texas der mit Abstand führende Bundesstaat in den USA. Wäre Texas ein eigenes Land, stünde es weltweit an sechster Stelle was die Nutzung der Windenergie angeht. So spricht der ehemalige Präsident davon, dass er ein Fan alternativer Energien sei. Ganz glaubhaft ist das nicht, aber nur zaghaft kommt zweimal aus dem Publikum der in diesem Fall ironisch gemeinte Ruf "Drill, Baby, drill", also der Ruf nach dem Ölbohren, den die ehemalige Gouverneurin von Alaska und Mit-Republikanerin Sarah Palin zu ihrem Markenzeichen für die Forderung nach mehr Bohrgenehmigungen im eigenen Land und vor der US-Küste gemacht hat. Als Präsident hat sich Bush allerdings keine Lorbeeren für erneuerbare Energien verdient, einen national festgelegten Anteil von alternativen Energien am Energie-Mix forderte die Windenergie-Industrie schon unter seiner Präsidentschaft vergeblich.

Zentrale Entscheidungen der Präsidentschaft

Der Ex-Präsident auf der Windkraft-Konferenz (Foto: Randy Eli Grothe)

Der Ex-Präsident auf der Windkraft-Konferenz

Doch der pensionierte Präsident sieht er anders - wie so vieles. Seine Regierung, behauptet er, habe die Notwendigkeit einer umfangreichen Energie-Politik erkannt, gibt aber immerhin zu: "Viele unsere außenpolitischen Entscheidungen wurden durch Länder beeinflusst, die uns nicht mögen, von deren Öl wir aber abhängig sind." Und weil er den Amerikanern erklären will, warum er die wichtigen Entscheidungen seiner Amtszeit so getroffen hat, wie er sie getroffen hat, schreibt er an seinem Buch, das in den USA im November erscheinen soll. "Es ist die Geschichte eines Kerls, der mit dem Trinken aufgehört hat", sagt Bush. Nur dadurch sei seine Präsidentschaft überhaupt möglich geworden. Doch im Kern gehe es um die wichtigen Entscheidungen seiner Präsidentschaft: die Kriege im Irak und Afghanistan, die Bekämpfung von AIDS, Stammzellforschung, die katastrophalen Folgen des Hurrikans Katrina, der Zusammenbruch des Finanzsystems. Bei allen diesen Entscheidungen sei er sich aber immer treu geblieben. "Als ich wieder in Texas war", sagt Bush, "konnte ich in den Spiegel sehen und sagen: Ich habe meine Seele nicht verkauft."

Keine Reue

Der Mann, der sich selbst einmal den "Entscheider" nannte, sieht also offensichtlichen Erklärungsbedarf. Auch wenn er gleichzeitig sagt, dass ihm die öffentliche Meinung egal sei. Wirkliche Selbstzweifel scheint er allerdings nicht zu haben, sondern sich mehr als Gefangener der Umstände zu sehen. "Als Präsident", sagt er, "hat man keine zweite Chance. Man hört sich die Ratschläge sorgfältig an, trifft die Entscheidung und muss damit leben." Bedauern würde er allerdings, dass ihm weder die Sozialversicherungs- noch die Einwanderungsreform gelungen sind.

Seine schwerste Entscheidung, erklärt er weiter, sei die Truppenverstärkung im Irak gewesen. Sein größter Erfolg, dass er einen Angriff gegen die USA verhindert habe. Er sagt das, ohne mit der Wimper zu zucken und das Publikum lässt ihm diese sehr besondere Ansicht der Wahrheit durchgehen: Genau wie viele seiner Parteigenossen ignoriert auch Bush, dass die Terroranschläge vom 11. September 2001 ebenfalls während seiner Präsidentschaft erfolgten.

Ein netter Kerl

Der ehemalige Präsident, der sich bei schwierigen Fragen gerne mal selbst das weiße Haar rauft, während er nachdenkt, erklärt wie schon so oft zuvor, es werde noch eine Weile dauern, bis die Historiker ein gerechtes Urteil über seine Präsidentschaft fällen könnten. Sein Buch solle ihnen einen ersten Anhaltspunkt geben: "Viele Menschen haben eine andere Meinung als ich, aber ich möchte, dass sie sehen, hören und fühlen, unter welchen Bedingungen ich die Entscheidungen treffen musste." Dass die Massenvernichtungswaffen im Irak nie gefunden wurden, sei auch für ihn eine Enttäuschung gewesen. Ein Lügner, wie ihm oft vorgeworfen wurde, sei er deswegen aber nicht.

Und je länger man ihm zuhört, je länger er dort auf der Bühne entspannt im weißen Sessel sitzt und Anekdoten erzählt, umso mehr könnte man sich vorstellen, mit ihm auf seiner Ranch am Lagerfeuer zu sitzen. Es wäre sicherlich ein sehr vergnüglicher Abend mit dem Mann, der glaubt, dass jeder Mensch das Recht auf Freiheit hat, der zuhause Regenwasser sammelt und Erdwärme nutzt und sich für die Erdbebenopfer in Haiti einsetzt. Aber dann schiebt sich die Realität vor dieses Bild, die unzähligen Kriegstoten im Irak und Afghanistan, die noch immer desaströse Situation in New Orleans, die unzähligen Probleme, die das tief gespaltene Land hat und mit denen sein Nachfolger jetzt kämpfen muss. Aber das alles ficht den ehemaligen Präsidenten offenbar nicht an. Vielleicht bekommt er es ja gar auch nicht mehr mit. Die Nachrichten im Fernsehen jedenfalls, auch das gibt er unumwunden zu, schaltet er erst gar nicht mehr ein.

Autorin: Christina Bergmann
Redaktion: Frank Wörner