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Filme

Wiedersehen mit Herrn Wichmann

Politische Basisarbeit - gibt es die überhaupt? Und wenn ja, wie sieht sie aus? Seltene Einblicke in die Alltagsarbeit eines Politikers gewährt uns der Filmregisseur Andreas Dresen. Und das nun schon zum zweiten Mal.

Es begann alles vor zehn Jahren. Ein deutscher Fernsehsender bat damals bekannte Filmemacher, eine einstündige Dokumentation zu der Reihe "…denk ich an Deutschland" beizusteuern. Andreas Dresen, allseits geschätzter sozial engagierter Spielfilmregisseur ("Die Polizistin", "Halbe Treppe"), hatte zunächst einmal eine wenig spektakulär anmutende Idee. Ihn interessierte die Arbeit von Politikern an der Basis. Wie funktioniert Wahlkampf in der Provinz? Und was macht eigentlich ein Politiker abseits der großen Bühnen, einer, der nicht zur Spitze seiner Zunft zählt? Das waren die Fragen, die Dresen interessierten.

Auf der Suche nach einem Verlierer...

Der Regisseur wählte sich dann ganz bewusst einen Politiker aus einer Partei, die ihm nicht nahestand, um die nötige Distanz zu bewahren. So kam er auf Henryk Wichmann. Der bewarb sich gerade im zarten Alter von 24 Jahren für ein Bundestagsmandat, war Mitglied der CDU und hatte keine Chance zu gewinnen. Im Bundesland Brandenburg und speziell im dünn besiedelten Landkreis Uckermarck dominierten die Sozialdemokraten mit großem Abstand. Gerade deswegen aber entschied sich Dresen für Wichmann, wie er im Gespräch mit der Deutschen Welle verrät: "Ich war immer mehr an Verlierergeschichten interessiert. Die CDU bekam ja damals kein Bein auf den Boden."

Filmszene: CDU-Politiker Henryk Wichmann im Gespräch mit einem Bürger (Foto: dpa)

Im Gespräch mit den Bürgern - Henryk Wichmann bei der Arbeit

Dresen und Wichmann kamen zusammen und wurden ein Team. Der Rest ist (deutsche Film-)Geschichte. Die Fernsehproduktion lief überraschenderweise bei den großen Berliner Filmfestspielen, wurde umjubelt und schaffte den Sprung ins Kino. Das unprätentiöse Porträt eines Provinzpolitikers überzeugte die Zuschauer. Der junge Nachwuchspolitiker hatte mit seinem Witz, seiner sympathischen Ausstrahlung und seiner Offenheit nicht nur den Regisseur überzeugt. Auch das Publikum liebte diesen originellen, uneitlen Typen.

"Mehr Wichmänner als man denkt!"

"Ich glaube, dass man so einen Film eigentlich überall in Deutschland drehen könnte. Es gibt wesentlich mehr Wichmänner als man denkt“, sagt Dresen, räumt aber auch ein: "Das Besondere an Henryk Wichmann war, dass er der Kamera sehr unverstellt gegenübertrat. Das findet man sehr selten, Menschen, die sich nicht verstellen, die sich offen verhalten und sich auch nicht schämen, wenn mal Dinge passieren, die lustig sind, die vielleicht auch peinlich sind und die dann nicht versuchen, künstlich eine Art von glamouröser Fassade aufzubauen."

Regisseur Andreas Dresen (Foto: DW-TV)

Andreas Dresen

Zehn Jahre später ist Wichmann, der damals erwartungsgemäß seinem SPD-Konkurrenten unterlag, Abgeordneter, verheiratet, Vater von drei Kindern. Und Berufspolitiker, wenn auch nicht als Bundestagsabgeordneter. Wichmann sitzt im brandenburgischen Landtag und macht Politik für seinen Kreis Uckermarck. Und wieder hat sich Dresen mit dem Politiker verabredet, eine Art Fortsetzung gedreht.

Dem politischen Alltag auf der Spur

Den Regisseur interessierte nun vor allem eins: "Beim ersten Film habe ich den Wahlkampf begleitet. Wahlkampf ist immer eine sehr zugespitzte Situation, wo die Parteien und Wahlkämpfer versuchen, sich von den Konkurrenten abzugrenzen. Da wird häufig ganz profan um die Stimmen gekämpft." Dadurch sei die Argumentation häufig sehr verkürzt. Wahlkampf komme einem dann - von außen betrachtet - doch oft ziemlich albern vor, erzählt Dresen. "Beim zweiten Film war es natürlich etwas ganz anderes. Jetzt haben wir uns dem Alltag der Politik zugewendet. Ich habe mich gefragt: Was macht eigentlich ein gewählter Parlamentarier, wie erfüllt der seinen Job? Wie sieht der Alltag von Demokratie in der Provinz aus?"

Filmszene: CDU-Politiker Henryk Wichmann im Gespräch mit Bürgern (Foto: dpa)

Diskutieren über Details - nicht selten muß Wichmann vermitteln

Henryk Wichmann, der Andreas Dresen derzeit auf der Kinotour zur Premiere des neuen Films "Herr Wichmann aus der dritten Reihe" durch Deutschland begleitet, pflichtet dem bei: "Jenseits der Tagesschau und der Spitzenpolitiker, die ihre 30-Sekunden-Statements kurz vor Beginn der Kabinettssitzung in Berlin vor dem Kanzleramt und den Fernsehkameras abgeben, sieht es anders aus. Die Basisarbeit der Abgeordneten vor Ort ist etwas anderes!" Wichmann gibt sich überzeugt, dass diese Arbeit der Parlamentarier viel zu wenig im Mittelpunk der Berichterstattung der Medien steht. "Dadurch entsteht ein Zerrbild von Politik bei den Leuten. Die denken, es geht uns allen so wie Angela Merkel." Mit dem Ergebnis, dem fertigen Film, ist der Abgeordnete Wichmann zufrieden: "Wir sind viel dichter dran an den Menschen. Das sieht man in dem Film sehr gut."

Ein unverstellter Blick auf politische Basisarbeit

Und in der Tat: "Herr Wichmann aus der dritten Reihe" zeigt ein wohl ungeschminktes Bild deutscher Politik in der Provinz. Wichmann kümmert sich um kleine Streitigkeiten bei der Umsetzung neuer Bauvorhaben, verzweifelt an den manchmal abstrusen Umweltvorschriften, ärgert sich über den Bürokratiemoloch und die Schildbügermentalität der Beamten. Andreas Dresen hat mit seinem zweiten filmischen Blick auf "Politik von unten" etwas ganz Seltenes geschafft: Er eröffnet mit seinem ungeheuer unterhaltsamen Dokumentarfilm Perspektiven auf die Basisarbeit von Politikern aus der zweiten (und dritten) Reihe. In dieser Intensität hat man das wohl noch nie gesehen, weder in den tagtäglichen Fernsehnachrichten noch in politischen Magazinen jeglicher Couleur.

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