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Filme

Wiederentdeckung Edgar Reitz

Lange waren die frühen Filme des Heimat-Regisseurs Edgar Reitz ein weißer Fleck in der Filmgeschichte. Jetzt sind die Frühwerke rekonstruiert und restauriert worden. In Mainz erleben sie gerade ihre Kinoweltpremiere.

Der Darsteller Thilo Prückner unter einem historischen Gleitschrirm (Kinowelt)

Thilo Prückner hebt ab, in "Der Schneider von Ulm"

Seit 1984, seit jener legendären Uraufführung der "Heimat"-Filme bei den Filmfestspielen in Venedig ist Edgar Reitz ein Regiestar. Im Ausland vor allem, aber auch in Deutschland hat man seit dem Jahrhundertepos über deutsche Geschichte den Rang dieses Regisseurs erkannt. Reitz war natürlich auch vorher bekannt in Deutschland, bei Cineasten und Kinogängern, schließlich gehörte der gebürtige Hunsrücker zu den Unterzeichnern des berühmten "Oberhausener Manifests", das 1962 eine Revolution im deutschen Kino einleitete. Doch mit seinen Filmen in den 1960 und 1970er Jahren hatte er kein Glück. An den Kinokassen waren sie zum größten Teil gescheitert und auch künstlerisch stand Reitz im Schatten der erfolgreichen Kollegen Herzog, Fassbinder und Wenders.

Szene aus Heimat, zwei Männer hintereinander, der erste mit Fotoapparat (Kinowelt)

Mit der Kamera in die Geschichte geblickt: Szene aus "Heimat"

Dass Edgar Reitz ab 1984 also mit den insgesamt elf Teilen seiner Heimat-Serie zum stillen Star unter Deutschlands Regisseuren aufsteigen sollte, damit war damals nicht zu rechnen. Als zu sperrig, skurril und zu unspektakulär galt sein Frühwerk. Lange konnte man die meisten Filme nach ihren ersten Kinoeinsätzen gar nicht mehr sehen. Die Kopien schlummerten zum Teil schlecht erhalten in Archiven, die nur für Filmwissenschaftler zugänglich waren. Jetzt haben Stiftungen gemeinsam mit dem DVD-Anbieter "Kinowelt/Arthaus" einen großen Teil dieses Frühwerks auf DVD veröffentlicht. Und in Mainz ist eine ganze Filmwoche (20.-25.9.2009) dem Frühwerk gewidmet. Eine echte Wiederentdeckung.

Die Kurzfilme (1960 - 1979)

Reitz mit dunklem Anzug auf Fahrrad

Edgar Reitz

Reitz hatte mit Werbe-, Image- und Experimentalfilmen begonnen. "Baumwolle" etwa enstand 1960 für den Bayer-Konzern in Leverkusen. Wie bei anderen kürzeren Filmen fällt heute noch auf, mit wie viel Ruhe die Regisseure damals ihre Sujets behandelten, wie wenig aufgeregt die Sprecher agierten, wie sorgfältig Ton, Musik, Sprache und Bild miteinander verschmelzen. Verblüffend dagegen natürlich auch - aus heutiger Sicht - die Naivität, mit der die in südamerikanischen Baumwollfeldern eingesetzte Chemie behandelt wird.

Mahlzeiten (1967)

Das Spielfilmdebüt des Edgar Reitz ist der vielleicht beeindruckenste Film aus der Frühphase. "Mahlzeiten" ist das desillusioniernde Porträt einer jungen Familie, das viel über das Denken über die Geschlechter der jungen "Oberhausener" aussagt: "´Mahlzeiten´ führt beispielhaft vor, wie sehr die männlichen Regisseure des Neuen Deutschen Films von starken, vitalen, lebenshungrigen Frauenfiguren fasziniert waren, während die männlichen Charaktere meist in Nabelschau oder Larmoyanz steckenblieben" wie Thomas Kramer im "Reclams Lexikon des deutschen Films" schrieb.

Großaufnahme von Mann und Frau aus dem Film Mahlzeiten, Frau schaut Mann an (Kinowelt)

Verliebt: Heidi Stroh und Georg Hauke in "Mahlzeiten"

Cardillac (1969)

Die in die Moderne transportierte Geschichte eines Goldschmieds zur Zeit der französischen Revolution. E.T.A. Hoffmanns "Fräulein von Scuderi" diente dabei als Vorlage. Auch ein Stück Autobiografie, Edgar Reitz´ vielsagender Kommentar: "Ich habe versucht den Künstler als Einzelexistenz in seiner ganzen Absurdität zu porträtieren, also daraus ein Thema zu machen. Aber das Ergebnis ist natürlich auch hier: man sieht diesem Film an, dass er von einem deutschen Filmemacher in seiner spezifischen Klemme handelt."

Darstellerin Catana Cayetano halbnackt mit Arm vor der Brust, im Vordergrund ein Schatten (Kinowelt)

Schmuckmodell: Catana Cayetano in "Cardillac"

Das goldene Ding (1971)

Nachgestellte Amazonas-Landschaft aus dem Film, im Vordergrund eine mumienhaft eingewickelte Person, liegend, im Hintergrund ein Schiff (Kinowelt)

Deutsche Amazonas-Landschaft in "Das goldene Ding"

Die klassische Argonautensage, gespielt von Kindern zwischen 12 und 14 Jahren. Einerseits der Versuch, die noch vorhandene Ursprünglichkeit der jungen Darsteller für einen frischen, unverkrampften Zugang zum antiken Stoff zu nutzen - und einen Kollektivfilm im Geiste der bewegten frühen 1970er-Jahre zu machen. Andererseits auch die wohl nicht ganz freiwillige Anpassung an ein schmales Budget, bei der Freunde und Teammitglieder mitspielten. Der Film fand damals keinen Verleih, weil man nur mit niedrigen Einnahmen rechnete. Er wurde im Spätprogramm des WDR "versendet".

Die Reise nach Wien (1973)

Hannelore Elsner und Elke Sommer vor einem Spiegel, sich betrachtend, in Abendgaderobe (Kinowelt)

Elke Sommer und Hannelore Elsner machen sich schön für Wien

Aus heutiger Sicht ist "Die Reise nach Wien" der erste noch etwas holprige Versuch sich an eine große deutsche Geschichte zu wagen, die dann elf Jahre später mit der "Heimat" folgen sollte. Zwei junge Frauen (unter anderem die hier ganz und gar bezaubernde Hannelore Elsner) brechen im Kriegsjahr 1943 von Simmern im Hunsrück auf um in Wien die große Sause zu erleben. Der Film kann sich nicht recht entscheiden zwischen stillen, poetischen Sequenzen und zu Karikatur neigenden, überspitzten Darstellungen insbesonders der Nazi-Akteure.

Stunde Null (1976)

Kai Taschner und Anette Jünger

Fernweh: Kai Taschner und Anette Jünger in "Stunde Null"

Eine Fortschreibung der Wien-Reise, allerdings hier mit einer deutlichen Verlagerung zur filmischen Poesie. Hier ist der Samen der "Heimat"-Staffel endgültig aufgegangen. Ein Heranwachsender erlebt 1945 in einem kleinen Weiler in Sachsen sowohl die Amerikaner als auch die russischen Soldaten. Reitz definierte damals sein ´filmisches Geschichtskonzept´: "Das ist das Komische. Wenn man sich erinnert, man sieht dann plötzlich, dass Leben und Sterben auf der Ebene von Kaffeetrinken läuft. Das, was wir in unseren späteren Urteilen immer lernen, dass es ein Oben und Unten in der Wichtigkeit gibt, also die großen wichtigen Ereignisse des Lebens und die, die man vergessen hat. Unsere Erinnerung hat diese Unterscheidungsfähigkeit gar nicht, erinnert sich nicht nach Wichtigkeitsgraden."

Der Schneider von Ulm (1978)

Ein damals sehr teures Stück Ausstattungskino von Edgar Reitz, das an der Kinokasse grandios floppte und von der Kritik zerissen wurde. Nach diesem Film gab es nicht mehr viele in Deutschland, die auf eine Zukunft dieses Regisseurs setzten. Erzählt wird die Geschichte des Schneidermeisters Berblinger, der 1811 einen der ersten Flugversuche in der Historie der Menschheit unternahm, mit einem Gleitschirm. Nach diesem Mißerfolg zog sich Edgar Reitz zurück in ein Blockhaus und begann an einem Drehbuch zu schreiben. Es sollte auch zu einem persönlichen Neuanfang führen. Der Rest ist deutsche Filmgeschichte.

Die frühen Filme von Edgar Reitz sind in einer Box mit dem Titel "Das Frühwerk des Edgar Reitz" beim Anbieter Kinowelt/Arthaus erschienen. Thomas Koebner hat einen ausführlichen Text dazu verfasst.

Autor: Jochen Kürten

Redaktion: Sabine Oelze

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