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Kultur

Wieder Explosion in chinesischer Chemiefirma

In China ist zum zweiten Mal binnen zwei Wochen eine Chemiefabrik explodiert. Chinas Nachbar Russland bereitet sich auf eine Umweltkatastrophe vor und plant die Verhängung des Ausnahmezustands in der Grenzregion.

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Neben einem Krankenhaus in Harbin wird ein "Brunnen" zur Trinkwasser-Versorgung gegraben

Bei dem neuen Unglück in der südwestchinesischen Region Chongqing kam am Donnerstag ein Mensch ums Leben. Das berichtet die Nachrichtenagentur AP am Freitag (25.11.2005) unter Berufung auf Mitteilungen in staatlichen chinesischen Medien. Mehrere Schulen wurden geschlossen, tausende Menschen evakuiert. Es werde nicht ausgeschlossen, dass wie bei der Explosion am 13. November im Nordosten des Landes Benzol ausgetreten sei.

Für das Unglück vor zwei Wochen und die anschließende Verseuchung des chinesischen Flusses Songhua ist die Ölfirma CNPC verantwortliche; sie entschuldigte sich am Freitag bei den fast vier Millionen betroffenen Menschen in der Stadt Harbin. Es tue ihm sehr leid und seine Firma bedauere den Unfall zutiefst, sagte CNPC-Vizechef Zeng Yukang.

Nach der Explosion am 13. November waren etwa 100 Tonnen des krebserregenden Benzols in den Fluss gelaufen. Am Donnerstag hatte ein 80 Kilometer langer Benzol-Teppich die im äußersten Nordosten liegende Stadt Harbin erreicht. Schätzungen zufolge wird es bis Samstag dauern, bis der Giftteppich die Stadt passiert hat. Damit die Menschen dort nicht mit dem krebserregenden Stoff in Berührung kommen, haben die Behörden das fließende Wasser abgestellt.

Russland alarmiert

Umweltkatastrophe in China

Die Wasservorräte reichen nicht für die Millionenstadt Harbin

Ministerpräsident Wen Jiabao forderte die örtlichen Behörden auf, die Versorgung der Menschen mit Trinkwasser sicherzustellen. Die Regierung sagte zudem Russland zu, das Nachbarland ständig über die Giftfracht zu informieren. Die russische Region Chabarowsk liegt am Amur, in den der Songhua mündet. Wie die chinesischen Städte und Gemeinden entnehmen auch die russischen ihr Trinkwasser aus dem Strom. Bisher ist der Fluss Amur zwar noch nicht kontaminiert, das russische Staatsfernsehen berichtete aber von Hamsterkäufen in Chabarowsk. Es gibt bereits erste Engpässe bei Trinkwasser in Flaschen. Am Samstag soll der Ausnahmezustand über die Region verhängt werden. Ökologen befürchten, dass der Giftteppich dann die russische Grenze erreicht. Der Amur fließt zum Pazifik.

Die Wasserversorgung Harbins könne frühestens wieder am Sonntag und auch dann nur in Teilen aufgenommen werden, meldete die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua. Der Bürgermeister von Harbin, Shi Zhongxin, sagte, man müsse davon ausgehen, dass auch das nachfolgende Wasser zunächst nicht für den Gebrauch nutzbar sei.

Giftwarnung

Der stellvertretende Leiter der staatlichen Umweltschutzbehörde, Zhang Lijun, warnte die Menschen vor den gefährlichen Inhalten des Flusses. Als klare Flüssigkeit ist Benzol im Wasser nicht erkennbar. Zudem ist es leicht flüchtig und kann auch durch Einatmen lebensgefährliche Stoffwechselstörungen auslösen. Die lokalen Behörden ermahnten die Menschen, umgehend auf Vergiftungssymptome zu reagieren und die bereitgestellten Kapazitäten in den Krankenhäusern der Stadt zu nutzen.

Umweltkatastrophe in China

Blick auf einen verseuchten Fluss: Songhua

Die Bewohner der Stadt übten sich in Gelassenheit und gingen ihrer Arbeit nach. Geschäfte und Restaurants waren geöffnet. "Es macht uns Angst, weil man das Gift offenbar weder sehen noch riechen kann. Also wissen wir nicht, wann es vorbei ist", sagte Hong Shan, der am Ufer des Songhua Gymnastik machte. "Die Stadtverwaltung muss uns informieren." Landwirte in der fruchtbaren Umgebung der Stadt verwiesen auf die Quellen, aus denen sie sich zur Bewirtschaftung der Felder und bei der Versorgung der Tiere bedienten: "Wir haben auch ausreichende Vorräte angelegt, um das zu überstehen, aber wir wissen nicht, ob das Gift in das Grundwasser eindringen kann", sagte Gao Erling aus der benachbarten Kleinstadt Sifangtai.

Kehrseite des Booms

In Zeitungen wurde den Behörden vorgeworfen, die tatsächlichen Folgen des Chemieunfalls verschwiegen zu haben. Verwaltungsstellen hatten zunächst nur vor der Verschmutzung von Luft und Boden in der Umgebung der Chemiefabrik gewarnt, die rund 370 Kilometer von Harbin entfernt in der Provinz Jilin liegt.

Eine starke Umweltverschmutzung gehört zu den Kehrseiten des chinesischen Wirtschaftsbooms. Die chemische Industrie beliefert alle Wachstumsbranchen des Landes und steht mit ihren teils veralteten Anlagen unter besonderem Produktionsdruck. Eine Umweltschutzgruppe aus Harbin hat erst vor kurzem in einem unabhängigen Bericht vor der Verschmutzung entlang des Sungari gewarnt. Zahlreiche Firmen leiteten ihr mit Chemikalien verseuchtes Abwasser direkt in den Fluss und die vorhandenen Kläranlagen reichten nicht aus. (mas)

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