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Wissen & Umwelt

Wieder ein Jahrhunderthochwasser

Auf dem Balkan laufen die Aufräumarbeiten auf Hochtouren nach den schlimmsten Überschwemmungen seit Anfang der Wetteraufzeichnung. Gehören solche Flutkatastrophen bald zu unserem Alltag?

Sechs Tage lang regnete es beinahe durchgehend. Bosnien, Kroatien und Serbien erlebten bis zu 100 Liter Niederschlag pro Quadratmeter - um die zehnfache Menge gegenüber dem Normalwert, sagt das Weltzentrum für Niederschlagsklimatologie (WZN) im Deutschen Wetterdienst (DWD), das weltweit Daten sammelt und auswertet. Die Meteorologen sehen Ähnlichkeiten zur Situation in Deutschland vor elf Monaten, mit Überschwemmungen an Donau und Elbe.

Andreas Becker Deutscher Wetterdienst in Offenbach (Foto: DWDW).

Andreas Becker vergleicht die Regenstatisiken der ganzen Welt

Diese Jahrhunderthochwasser führt WZN-Leiter Andreas Becker in beiden Fällen nicht nur auf die ungewöhnlichen Regenmengen in den sechs Tagen zurück.

"In beiden Fällen war die Vorgeschichte ähnlich, was die Bodenfeuchte angeht", erklärte Becker im Gespräch mit der DW. "Durch einen sehr feuchten Vormonat sind die Böden ohnehin schon sehr stark befeuchtet gewesen, sodass die weiteren Niederschläge nicht mehr versickern konnten, sondern sofort oberflächenmäßig ablaufen mussten - beziehungsweise sofort die Pegelstände der Flüsse haben ansteigen lassen."

Auch die Entstehung beider Wetterlagen sei sehr ähnlich verlaufen: "Wir haben in einer Höhenströmung die Bildung eines sogenannten Kaltlufttropfens gehabt. Das ist ein Tiefdruckgebiet, dass in der Höhenströmung besteht, und das relativ lange an einer Stelle verweilt. Diese Niederschläge an Tiefdruckgebieten sind normalerweise gar nichts Schlimmes. Aber wenn auch ein Kaltlufttropfenvorhanden ist, dann laufen diese Tiefdruckgebiete eben nicht schnell von einem Gebiet zum anderen, sondern verweilen über einem Gebiet und generieren dort lang andauernde Niederschläge", sagt Becker.

Welche Rolle spielt der Klimawandel?

Die große Frage, die jetzt an die Meteorologen geht, ist, ob die Jahrhundertwasser Auswirkungen des Klimawandels sind, die sich in Zukunft häufiger wiederholen werden. Becker verweist auf die Unmöglichkeit hin, Einzelereignisse direkt mit dem Klimawandel zu verknüpfen. Die jüngste Häufung von mehrtägigen Starkregenepisoden in Europa, vor allem in Deutschland 2013, in England im Winter 2013/2014 und nun auf dem Balkan im Mai 2014, passe aber zu den Vorhersagen vieler Klimamodelle:

"Es gibt Untersuchungen, wo man die Häufigkeit bestimmter Wetterlagen untersucht hat, und wie weit sie sich statistisch verändert. Es gibt eine Wetterlage 'Tiefdruckgebiet Mitteleuropa', die sich im Prinzip ganz ähnlich wie diese bildet. Und da gibt es in der Tat die Sorge, dass sie in ihrer Häufigkeit von etwa acht bis zehn Mal im Jahr in den 50er Jahren in den nächsten 100 Jahren sich beinahe verdoppelt. Das wäre eine Lage, wie wir sie letztes Jahr in Deutschland hatten, und dieses Jahr im Balkan antreffen", so Becker.

Elbehochwasser in Lorenzkirch (Foto: Privat).

Auch das Hochwasser an der Elbe gilt als "Jahrhunderthochwasser"

Im neuesten Bericht des Weltklimarats (IPCC), warnen die Experten vor einer möglichen Zunahme solcher Extremwetterereignisse in Europa, vor allem Starkregen, selbst in Regionen, die langfristig trockener werden sollen. Es sei auf jeden Fall sinnvoll, sich auf diese Möglichkeit vorzubereiten, sagt Meteorologe Becker.

Weniger Wasser, aber größere Katastrophe auf dem Balkan

Obwohl die Niederschlagsmengen, die im Juni 2013 zu den Hochwassern an Donau und Elbe in Deutschland führten, deutlich höher waren als die auf dem Balkan, sind Ausmaß und Schäden des Hochwassers insbesondere in Bosnien-Herzegowina und Serbien deutlich gravierender. Das führen die DWD-Experten nicht nur auf die Tatsache zurück, dass die am stärksten betroffenen Gebiete im Balkankrieg vor 22 Jahren stark umkämpft und vermint worden wurden. Becker verweist auch auf den vorsorgenden Hochwasserschutz in Deutschland, der für den Balkan noch nicht so gut ausgebaut sei: "Erstens haben wir hier ein sehr ausgeprägtes Warnwesen, zweitens wasserbauliche Maßnahmen an den Gewässern, die eine höhere Widerstandskraft schaffen."

Man kann einen Schaden nie ganz verhindern, sagt DWD-Experte Becker. Modelle zeigten aber, dass man die Schäden durch wasserbauliche Maßnahmen um bis zu 30 Prozent mindern könne: "Wenn Sie Schäden in mehrstelliger Millionenhöhe haben, oder wie in Deutschland sogar in Milliardenhöhe, dann lohnt sich das in allen Fällen." Auf dem Balkan hätten unzureichende Vorsorge und Hochwasserschutz auch Menschenleben gekostet.

Während die Wetterbeobachter und Klimaforscher an verbesserten Prognosen und Klimamodellen arbeiten, müssen Behörden und Gemeinden entscheiden, wie viel sie in Hochwasserschutz investieren wollen. Allein die Tatsache, dass sich die Wetterstatistik verändere, mache eine Überprüfung der Vorsorgemaßnahmen sinnvoll, sagt Becker. Selbst wenn man die Kosten für eine Vorsorge gegen das allerschlimmste Szenario scheue, empfehle es sich, die Möglichkeit zusätzlicher Schutzmaßnahmen in Zukunft vorzuhalten. Als Beispiel nennt er den Umgang mit dem Bau von Flussdeichen. Um diese - falls notwendig - zu einem späteren Zeitpunkt erhöhen zu können, müssten bei Baumaßnahmen in der Nähe genügend Abstand gehalten werden. "Das ist eine vernünftige Entscheidung".

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