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Medizin

Wie wirken Stockschläge?

Zwei Deutsche wurden in Singapur wegen Vandalismus zu neun Monaten Haft und drei Stockschlägen verurteilt. Wie weh tun solche Schläge? Und was richten sie an, körperlich und seelisch? Hier ein paar Antworten dazu.

Singapur ist für seine rigiden Gesetze bekannt. Schon einfache Ordnungswidrigkeiten wie Essen oder Trinken in öffentlichen Bahnen werden mit horrenden Strafen bis zu 3300 Euro bestraft.

Andere Vergehen ahndet der autoritäre Staat noch härter. Auf Vandalismus stehen in Singapur bis zur drei Jahre Haft, dazu drohen drei bis acht Stockschläge. Aufgrund dieser Bestimmung wurden die beiden Graffiti-Sprayer aus Leipzig verurteilt. Drogenschmuggler oder -händler trifft es noch härter. Sie können sogar hingerichtet werden. Die rigiden Strafen in Singapur werden immer wieder international kritisiert.

Doch woher kommen diese drastischen Regeln? Die Stockschläge sind ein Relikt aus der britischen Kolonialzeit. Während Großbritannien Züchtigungsstrafen 1948 abschaffte hielten viele ehemalige Kolonien - darunter Singapur - an ihnen fest.

Beim sogenannten "Caning" (engl. cane für Rohrstock) wird der Verurteilte in leicht vorgebeugter Position angeschnallt und von einem speziell ausgebildeten Beamten bis zu 24 Mal hintereinander geschlagen. Die Stockschläge werden auf dem nackten Hintern ausgeführt.

Es gibt auch Regularien für den zu verwendenden Rohrstock: Er ist 1,20 Meter lang, 13 Millimeter dick und sehr elastisch. So können hohe Aufschlaggeschwindigkeiten von bis zu 160 Kilometern pro Stunde erreicht werden. Das Ziel ist es, größtmöglichen Schmerz, bei kleinstem, dauerhaftem Schaden zu verursachen. Beim Auftreffen des Stocks auf die Haut platzt diese jedoch spätestens nach drei Schlägen auf. Es bleiben tiefe Narben.

Vor der Strafausführung wird der Stock angefeuchtet. Schlimmere Verletzungen, etwa durch Holzsplitter sollen dadurch verhindert werden.

Unterschätzt werden die Auswirkungen auf die Psyche. Schon das Warten auf die Bestrafung kann belastend sein. "Der genaue Zeitpunkt ist den Opfern oft nicht bekannt. Sie schlafen schlecht, haben Panikattacken oder Schweißausbrüche. Sie entwickeln Schamgefühle, die mit einer tiefen Demütigung einhergehen", erläutert der Psychologe Jan Kizilhan.

In Singapur werden die Stockhiebe meist im ersten Drittel der Haft ausgeführt. Das heißt, die beiden verurteilten Deutschen können in den kommenden zwei Wochen mit Stockschlägen rechnen. "Die Bestrafung selbst erleben die Leute oft sogar mit Erleichterung", meint Kizilhan, "bis dahin steigt die Stresskurve steil an, dann fällt sie rapide ab. Der psychische Stress wird durch körperlichen Schmerz abgelöst."

Psychischer Druck schlimmer als Schmerzen

Die körperlichen Folgen von einigen Stockschlägen sind überschaubar. Die sensiblen Nieren der Opfer werden mit speziellen Bandagen geschützt. Durch die Schläge platzt die Haut auf. In den kommenden Tagen bereitet das Sitzen und Schlafen auf dem Rücken Probleme. Eventuell bleiben sichtbare Narben zurück. Im schlimmsten Fall kann es zu einer Infektion kommen.

Psychologisch am schwierigsten sei die Phase danach, betont der Trauma-Experte: "Die demütigende Erinnerung brennt sich ein. Dazu gesellt sich das Gefühl der Ohnmacht: Man wurde öffentlich vorgeführt." Die Opfer verlören das Urvertrauen in den Menschen.

2012 wurden in Singapur 2500 Personen zu Stockschlägen verurteilt. Unter Ihnen 1000 illegale Einwanderer.

Singapur ist nicht der einzige Staat mit Körperstrafen. Auch in den Nachbarstaaten Malaysia, Indonesien und Brunei wird geprügelt. Neben Stockschlägen sind auch das Auspeitschen oder Hiebe auf die Fußsohlen weit verbreitet.

In der arabischen Welt sind noch drastischere Strafen vom Gesetzgeber vorgesehen. In Saudi-Arabien wurde der Blogger Raif Badawi zu unvorstellbaren 1000 Peitschenhieben und zehn Jahren Haft verurteilt.

Auch im Jemen, in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Katar wird geprügelt oder gepeitscht, ebenso im Iran, in Pakistan und Afghanistan.

In Afrika gibt es ähnliche Körperstrafen in Somalia, im Sudan, in Nigeria und Tansania.

Obwohl die allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 ganz explizit "grausame, ungewöhnliche und erniedrigende Strafen" verbietet und als Folter bezeichnet, bleibt für die Unterzeichner ein Schlupfloch. Die Bestrafung ist nämlich dann keine Folter, wenn sich die Schmerzen oder Leiden aus gesetzlich zulässigen Sanktionen ergeben. Folter ist also nur dann Folter, wenn sie verboten ist.

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