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Kultur

"Wie war das eigentlich vor 89?"

Kunst erzählt Geschichte: Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls blickt die Akademie der Künste auf das Jahrzehnt vor 1989. Die Foto- und Filmausstellung "Übergangsgesellschaft" zeigt Porträts und Szenen von 1980 bis 1990.

Fotograf: Matthias Leupold, Im Kino II, 1983 VG Bild-Kunst, Bonn 2009

"Im Kino II" von Matthias Leupold 1983

Heikes Arme hängen schlaff herab, ihre Lederjacke ist zu groß und mit Nieten verziert. Heike ist Punk in der späten DDR. Ihre blondierten Haare ragen in alle Himmelsrichtungen. Etwas unsicher schaut sie in die Kamera von Christiane Eisler. Das war 1982. Damals fotografierte Eisler Punks für ihre Diplomarbeit an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Punk war in der DDR ein Tabu, und auch Eislers Fotoprojekt war nicht gern gesehen. So manche Ausstellung wurde verboten. "Für mich war das eine total spannende Zeit", erzählt Eisler. Sie habe ein bisschen an der Macht gekitzelt - und die DDR an ihr gekratzt.

Akademie der Künste setzt bewusst anderen Akzent

Fotografin: Christiane Eisler, Punk in der DDR, Heike, 1982, Courtesy Transit Fotografie und Archiv, Leipzig

"Heike" von Christiane Eisler 1982

"Übergangsgesellschaft. Porträts und Szenen von 1980-1990" zeigt Filme und Fotos, die in den Achtziger Jahren in der DDR entstanden sind. Mit der Ausstellung habe die Akademie der Künste ganz bewusst einen anderen Blick auf 1989 gewählt als die unzähligen Schauen zum 20. Jahrestag des Mauerfalls, sagt Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste. "Wie war das eigentlich vor 89? War das alles grau in grau oder gab es nicht auch so was wie anarchisches Denken, das sich dann in Bildern ausdrückte, in Fotos?"

In vier Räumen spürt die Ausstellung den atmosphärischen und politischen Veränderungen nach, die schließlich in die Ereignisse von 1989 mündeten. Fast 500 Bilder von 17 Fotografen hängen an den Wänden. Das großformatige Foto der Punkerin Heike hängt neben Porträts von Mitarbeiterinnen einer volkseigenen Wäscherei, Bildern von Straßenszenen in Berlin einen Tag vor der Wiedervereinigung und den inszenierten Fotos eines rufenden Mannes in einem Kinosaal. Ob dokumentarisch oder künstlerisch: die Bilder sind unpathetisch, individuell, subjektiv. Sie widersprechen der ideologisch geprägten Bildersprache der DDR.

Fotografie war schwer zu zensieren

Kurator der Ausstellung ist Matthias Flügge. Er hat die Fotos namhafter Künstler zusammengetragen. Verglichen mit Texten oder Filmen seien Fotografien in der DDR weniger leicht zu zensieren gewesen, erzählt er. In den Achtziger Jahren blühte deshalb eine lebendige und unangepasste Fotografie-Szene. Die meisten Aufnahmen seien im halböffentlichen Raum entstanden und gezeigt worden, also an Universitäten, in Ateliers und Privatgalerien.

Fotograf: Erasmus Schröter, Ein Lama soll in den Ballsaal geführt werden, Leipzig 1981, Infrarotfotografie Erasmus Schröter

"Ein Lama soll in einen Ballsaal geführt werden" von Erasmus Schröter 1981

Gerade die Porträts machen auch immer eine soziale Aussage, sagt Flügge. Eine Porträtaufnahme sei immer eine Übereinkunft zwischen Fotograf und Porträtiertem. Ob Punkerin oder Waschfrau, in den Blicken der Abgelichteten spiegelt sich so Gesellschaftsgeschichte. Meist schauen sie melancholisch. "Es ging mir hier wirklich um die Zwischentöne und um Parallelerzählungen zu der großen historischen Erzählung", fasst Flügge zusammen.

Film-Potpourri der Vorwende-Zeit

Neben den Fotos zeigt die Ausstellung Plakate, Postkarten und Filme. Die Videoaufnahmen laufen alle parallel in einem Raum. Wer in der Raummitte steht, sieht viel, hört alles und versteht nichts. Nähert sich der Besucher dann aber einem Bildschirm, nimmt ihn der Film mit in eine Alltagsszene aus der Übergangsgesellschaft: In das Bewerbungsgespräch des jugendlichen Karsten bei der Volkspolizei 1985, auf die Hochzeit von Erika und Gerd 1984 oder zur Räumung von besetzten Häusern in Berlin durch die Polizei 1990. In ihrem Zusammenspiel gelingt es auch den Filmen, die Geschichte der Wende zu erzählen. Nicht mit Daten und Fakten, sondern durch die Herstellung Atmosphäre von aus Schlaglichtern.

Fotograf: Matthias Leupold, Ohne Titel, Berlin 1985 VG Bild-Kunst, Bonn 2009

Ein Mosaikstein der Vorwende-Geschichte: "Ohne Titel" von Matthias Leupold 1985

Den Namen ihrer Ausstellung hat sich die Akademie der Künste von dem Dramatiker Volker Braun geborgt. "Die Übergangsgesellschaft" hieß eine bittere Komödie über die anbrechende Erosion der DDR, die Braun 1982 veröffentlichte. Mit der "Übergangsgesellschaft" bezeichnete Braun damals allerdings keineswegs die bröckelnde DDR-Gesellschaft. Vielmehr bezog er sich paradoxerweise auf den marxistischen Begriff für Sozialismus als planmäßige Übergangsform zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Volker Braun dürfte 1982 wohl kaum geahnt haben, welcher Übergang heute mit seinem Komödien-Titel bezeichnet werden würde.

"Auf der Bühne wurde die Wende-Idee vorformuliert"

Die Kunstszene der DDR hatte einen entscheidenden Anteil an den Ereignissen, die mit dem Begriff Wende zusammengefasst werden, sagt Johannes Odenthal, Programmbeauftragter der Akademie der Künste. Es sei gerade Aufgabe der Akademie der Künste als einer nach 1990 tatsächlich gleichberechtigt vereinigten Institution, dies zu beleuchten. "Auf Lesungen, auf Bühnen wurde diese Idee von Wende, diese Idee von einer anderen Gesellschaft vorformuliert. Das ist ein Eckpfeiler von gesellschaftlicher Entwicklung, ohne den dieser friedliche Mauerfall 89 undenkbar gewesen wäre."

Gerade die junge Generation, die das Jahr 1989 nicht bewusst miterlebt hat und sich fragt, wieso damals eigentlich die Mauer fiel, dürfte in der Akademie der Künste Antworten und Anregungen finden. Denn in der Ausstellung erzeugen die Bilder und Filme eine Idee von der Atmosphäre, die der Wende vorausging. Hier erzählt Kunst Geschichte.

Autor: Benjamin Braden

Redaktion: Manfred Götzke

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