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Wissen & Umwelt

Wie Waldbewohner das Klima schützen

Die Abholzung der Urwälder beschleunigt den Klimawandel. Eine Studie zeigt nun, dass Wälder am besten geschützt werden, wenn indigene Gemeinschaften das Recht bekommen, ihre Wälder zu verwalten.

Ein Achtel der weltweiten Wälder werden gemeinschaftlich bewirtschaftet, vielfach durch indigene Bevölkerungsgruppen. Das World Resources Institute (WRI) und die Rights and Resources Initiative (RRI) - eine globale Koalition von Organisationen, die sich für die Rechte dieser Gruppen einsetzt - haben nun In einer neuen Studie das Ausmaß der Abholzung in 14 tropischen Ländern untersucht.

Dabei stellten sie fest, dass es einen riesigen Unterschied zwischen Waldgebieten gibt, die gemeinschaftlich bewirtschaftet werden und solchen, die von Regierungen oder privat genutzt werden. “Wir haben uns nie vorgestellt, dass die Unterschiede so krass ausfallen würden", sagte RRI-Koordinator Andy White im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Wenn man die Rechte dieser Gruppen respektiert, schützen sie die Wälder viel effektiver als Regierungen oder der Privatsektor".

Nachhaltige Bewirtschaftung statt kurzfristigem Profit

So sei die Abholzungsrate im bolivianischen Amazongebiet in gemeinschaftlichen Wäldern sechtsmal niedriger als in staatlichen. Im brasilianischen Amazonasgebiet sei die Rate elf mal niedriger, in einigen Regionen Guatemals zwanzig mal und im mexikanischen Yucatan sogar 350 mal niedriger.

Caleb Stevens von WRI ist der Leitautor des Berichts. Im Interview mit der Deutschen Welle erläuterte er, dass traditionelle Waldbewohner eher dazu neigten, den Wald nachhaltig zu bewirtschaften als private Eigentümer. Der größte Unterschied zeige sich im Vergleich zu großen kommerziellen Unternehmen. Diese rodeten in der Regel in einem Maße, das überhaupt nicht nachhaltig sei.

Indigene Bewohner des Urwaldes in Panama (Foto: Genelle Quarles/ Burness Communications)

Traditionell bewirtschaftete Wälder sind mehr als nur Holz

"Es gibt beispielsweise Gemeinden im Maya Biosphärenreservat in Guatemala, die wirtschaftlich sehr stark von ihrer nachhaltigen Waldbewirtschauftung profitieren," sagt Stevens. "Der Großteil des Waldes bleibt unberührt. Man nutzt nur einen Teil, um verkaufbare Produkte herzustellen. Man läßt die Bäume wieder wachsen, bevor man wieder eingreift."

Traditionelle Gemeinschaften schützen ihre Wälder als Quellen für Nahrungsmittel und Medizin und als Teil ihrer Geschichte und Kultur. Selbst wenn sie einen kleinen Anteil für die landwirtschaftliche Nutzung abholzen, geschehe dies mit einfachem Werkzeug. Das sei nicht mit dem Einsatz einer Planierraupe für die Vorbereitung einer Palmölplantage zu vergleichen, sagt Andy White.

Überbleibsel der Kolonialzeit

Allerdings beanspruchen Regierungen noch über 70 Prozent der Wälder in Entwicklungsländern, selbst wenn indigene Völker dort seit Jahrtausenden heimisch sind, gibt White zu bedenken. Er sieht einen historischen Wettbewerb zwischen Regierungen und örtlichen Bevölkerungsgruppen in vielen Gebieten. Dieser gehe auf das Kolonialzeitalter zurück, als viele indigene Forstbewohner ihrer Rechte beraubt wurden. Regierungen erlaubten dann der Industrie, die Wälder zu nutzen, was oft zu Zerstörung und Abholzung führe.

Die Ursachen der Abholzung sind von Land zu Land unterschiedlich. In Peru, beispielsweise, identifizieren die Autoren den Bergbau und die Suche nach Öl und Gas als die größte Bedrohung. In Nicaragua und Honduras holzen illegale Siedler den Wald ab, um Holz zu verkaufen und um Land- und Viehwirtschaft zu betreiben. In Papua Neuguinea und Indonesien ist die Palmölindustrie das größte Problem.

Abholzung von Regenwald in Indonesien (Foto: ddp/ AP)

Die Palmöl-Industrie zerstört riesige Waldflächen in Indonesien

Gesetze müssen auch durchgesetzt werden

Der Bericht appelliert an Regierungen, die Rechte der lokalen Gemeinschaften anzuerkennen, sie zu registrieren, ihr Land zu kartieren aber auch bestehende Gesetze zu ihrem Schutz umzusetzen. Das Wichtigste sei, keine kommerziellen Lizenzen mehr für Aktivitäten zu erteilen, die den Wald zerstören, so die Autoren.

Brasilien gehört zu den Ländern, die laut der Studie Erfolge für das Klima erzielen, indem sie Gemeinschaftsrechte für bereits 30 Prozent der Wälder anerkannt haben. Dort wird auch illegale Ansiedlung und Abholzung aktiv bekämpft. Das habe bereits dazu geführt, dass die Abholzungsrate auf den indigenen Gebieten elf mal niedriger sei als in anderen Teilen des brasilianischen Amazonasgebiets, sagt Leitautor Stevens.

Der Bericht untersucht nicht nur Lateinamerika, sondern auch die tropischen Regionen Afrikas und Asiens. Andy White nennt den afrikanischen Staat Niger als erfolgreiches Beispiel. Dort unterschützt die Regierung die Landrechte der Waldbewohner seit den 1990er Jahren. Seitdem wurden in diesen Gebieten mehr als 200 Millionen Bäume gepflanzt, sagt White. Diese speicherten um die 300 Millionen Tonnen CO2.

Abholzung von Regenwald in Indonesien (Foto: imago/Xinhua)

So sieht es nach der Abholzung in Jambi/Indonesien aus

Negativbeispiel Indonesien

Indonesien ist das Land mit der höchsten Entwaldungsrate. Die Studie erklärt das damit, dass die Regierung den lokalen Gemeinschaften nur in den seltensten Fällen Waldrechte zugestanden habe. Stattdessen werden große Gebiete für die Palmölindustrie frei gegeben. Im letzten Jahr gab es zwar ein Urteil des Verfassungsgerichts, das die Eigentumsrechte der Waldbewohner zum ersten Mal anerkannte. Dies hat aber nach Meinung der Experten noch sehr wenig bewirkt.

Ein weiteres Land, das bei der Studie schlecht abschneidet, ist Peru, wo im Dezember die UN-Klimakonferenz stattfinden wird. Seit 2000 sind dort bis zu 50 Prozent der gemeinschaftlichen Wälder dem Minen-, Öl- und Gasgeschäft geopfert worden. Die RRI spricht von einer "Riesigen Enttäuschung". So habe Peru kürzlich ein Gesetz verabschiedet, das die Kompetenzen des Umweltministeriums stark einschränkt.

Es hat weniger Möglichkeiten, Umweltverträglichkeitsprüfungen und Gemeindekonsultationen durchführen zu lassen, bevor neue Industrieprojekte eingeleitet werden. So würden Waldstücke einzelnen Haushalten als Siedlungsgebiete zugeteilt. Das sei ein "reines Entwaldungsprogramm", sagt White. Gleichzeitig kämpften mehr als 4.000 Gemeinden um ihre Landrechte, die nach der nationalen Verfassung respektiert werden müssten.

Indigene Bewohner des Urwaldes in Panama (Foto: Genelle Quarles/ Burness Communications)

Gesunde Wälder - gesunde Menschen

Klimakonferenz als Motivation zur Umkehr?

Die große Aufmerksamkeit, die Peru durch die Klimakonferen zuteil wird, könnte progessive Regierungsmitglieder motivieren, diese Landrechte zu unterstützen, hoffen die Autoren der Studie. Die UN Klimagespräche könnten den indigenen und traditionellen Waldnutzern internationale Öffentlichkeit verschaffen, wenn die Anerkennung ihrer Waldrechte teil eines Klimafinazierungsmechanismus würde.

Man könne den Beitrag der waldschützenden Gemeinden beispielsweise im Grünen Klimafonds berücksichtigen. Nach Berechnungen der Berichtautoren speichern die tropischen Wälder, die zurzeit gemeinschaftlich bewirtschaftet werden, 37,7 Milliarden Tonnen CO2 - mehr als der jährliche CO2-Ausstoß von allen Passagierfahrzeugen auf der Erde. Wenn weitere Rechte anerkannt würden, könnte diese Zahl viel höher sein.

White glaubt, dass die Anerkennung von Landrechten wesentlich effektiver und kostengünstiger wäre, als viele andere Klimainitiativen im Rahmen des UN-Mechanismus REDD, dessen Ziel es ist, CO2-Emissionen durch Waldzerstörung zu reduzieren. Die meisten Investitionen seien bisher in den Aufbau eines internationalen CO2-Markts geflossen, sagt er. Dabei könnte die Anerkennung der Landrechte das Klima weit schneller und mit weniger Risiko schützen.

Letzendlich geht es aber nach Meinung der Berichtautoren nicht nur darum, das Klima effektiv zu schonen. Die nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder sorge auch für den Schutz von Land und Gewässern. Vor allem geht es Andy White aber um die Menschen in den Gebieten. "Indem wir ihre historische Rechte anerkennen, helfen wir diesen Gemeinden, ihre Kulturen und ihre Menschenrechte zu wahren".

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