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Fußball

Wie viel Wissenschaft braucht der Fußball?

Seit dieser Saison werden im deutschen Profifußball zusätzliche Daten erhoben, etwa die Laufleistung und die Geschwindigkeit jedes einzelnen Spielers. Bei Vereinen, Spielern und Medien löste das große Aufregung aus.

Eine Linie zur Entfernungsmessung (virtuelle Grafik) im Fernsehen (Foto: IMPIRE)

Alles ist messbar - auch der Abstand zur Torlinie

Für Fußball-Analysten sind es hochinteressante Werte. Medien wittern Stoff für große Schlagzeilen. Und am Stammtisch kann nun vermeintlich jeder Fußballfan ein paar Zahlen nennen und mitreden. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat an die Firma IMPIRE AG den Auftrag vergeben, offizielle Spieldaten der Ersten und Zweiten Bundesliga zu erheben. Erstmals werden dabei auch alle Bewegungen auf dem Spielfeld gemessen. Und dieses neue Spieler-Tracking sorgt für Aufruhr in der deutschen Fußballwelt. Denn jetzt geht es um die physischen Werte von einzelnen Spielern. Kameras zeichnen jede Bewegung der Spieler auf und liefern Datenmaterial, das sofort live ausgewertet wird, erklärt Professor Jürgen Buschmann von der Deutschen Sporthochschule Köln. "Wie viele Meter legt der Spieler im Spiel zurück, wie oft sprintet er und mit welcher Geschwindigkeit sprintet er?" Und genau darin liege die Gefahr, sagt der Fußballexperte, der auch mit der Deutschen Nationalmannschaft zusammenarbeitet: Die Rohdaten müssen veredelt werden.

Protestwelle der Bundesliga-Manager

Sobald ein einzelner Spieler auf seine Laufleistung reduziert wird, wie es in der Boulevardpresse bereits geschehen ist, wird es brisant – auch für den Marktwert. Bei einer Tagung der Bundesliga-Manager beschwerten sich die Vereinsvertreter vor allem darüber, dass die Daten nicht nur den Vereinen, sondern auch den Medien und damit der breiten Öffentlichkeit uneingeschränkt zugängig gemacht werden. Aus simplen Zahleninformationen könnten zugunsten reißerischer Schlagzeilen Trugschlüsse gezogen werden.

Laufwege von Mario Götze, Spieler Borussia Dortmund am 1. Bundesliga-Spieltag der Saison 2011/2012 gegen den Hamburger SV (Foto: Impire)

Beeindruckende Linien: Die Laufwege des Dortmunders Mario Götze am 1. Spieltag gegen den Hamburger SV

Andreas Rettig, Manager des FC Augsburg, warnt davor, Spieler an den Pranger zu stellen und mahnt die richtige Umgehensweise mit den Daten an: "Ich will ein kleines Beispiel nennen, nämlich das Thema Laufleistung. Wenn die Laufleistung am Ende das allein Seligmachende wäre, müssten alle Bundesliga-Manager Marathonläufer verpflichten." Die Vergleichbarkeit muss stimmen. So können viele Auswechslungen, Standardsituationen und Verletzungen den Spielfluss hemmen, die taktische Vorgabe eines Trainers den Spieler auch in seinem Laufverhalten maßgeblich beeinflussen. Nach der heftigen Debatte setzten sich DFL, Vereine und die IMPIRE AG zusammen und entschieden, die Daten weiterhin der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen – allerdings war auch die Vermarktung der Daten bereits Teil des Vertrags.

Deutschland international Vorreiter

Prof. Dr. Jürgen Buschmann, Leiter des Scouting-Projekts der deutschen Sporthochschule Köln (Foto: Buschmann)

Buschmann: "Die Rohdaten müssen veredelt werden"

In Sportarten wie Hockey, Eishockey, Volleyball oder Basketball sind Statistik-Erhebungen seit Jahren völlig normal, nur der Fußball tut sich schwer. Mit der Entscheidung der DFL, offizielle Statistikdaten live, einheitlich und für alle 36 Vereine der Ersten und Zweiten Fußball-Bundesliga zu erheben, ist Deutschland international Vorreiter, sagt Buschmann. "Allerdings ist uns England in dem Bereich der Professionalisierung der Spielanalyse noch einen Tick voraus. Die haben schon seit Jahren sehr viele professionelle Scouts und Spielanalysten in ihren eigenen Vereinen, die ihre eigenen Daten erheben."

Allerdings gab es zunächst Anlaufschwierigkeiten. Das Live-Tracking stellte zunächst eine große Herausforderung dar: 35 Stadien mussten in kürzester Zeit mit Kameras ausgerüstet und entsprechend technisch vorbereitet und zudem neue Mitarbeiter geschult werden. Erst am ersten Spieltag wurde das System unter Realbedingungen getestet, erläutert IMPIRE-Vorstand Harald Keilbach: "Wir konnten vor der Saison keinen Stresstest durchführen mit den neuen Operatoren. Insofern schließen wir nicht aus, dass am ersten und am zweiten Spieltag hier Probleme aufgetaucht sind, die aber ab dem dritten Spieltag deutlich gesenkt wurden." IMPIRE bereitet bereits seit Jahren Daten wie Zweikampfwerte, Schüsse, Ballbesitz und andere Statistiken auf. Die Technische Universität München bescheinigte dem Tracking-System eine 99-prozentige Genauigkeit der Werte. Und so hofft Keilbach, "dass die Tracking-Daten sich genauso in sachlicher Weise etablieren wie bereits unsere Scouting-Daten".

Autorin: Olivia Fritz
Redaktion: Arnulf Boettcher

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