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Wissen & Umwelt

Wie viel Skepsis verträgt das Klima?

Ist der Mensch für den Klimawandel verantwortlich? Oder gibt es doch einen anderen Grund? Renommierte Wissenschaftler und einflussreiche Skeptiker streiten über die globale Erwärmung und ihre Ursachen.

Im Januar dieses Jahres äußerten 16 Wissenschaftler in der amerikanischen Zeitung Wall Street Journal die Meinung, es gebe keine wissenschaftlichen Argumente für einen dringenden Handlungsbedarf, um den Klimawandel zu stoppen. Selbst in Deutschland, wo die Skeptiker im Vergleich mit Ländern wie den USA weniger politischen Einfluss haben, sorgte in diesen Tagen ein Buch mit dem Titel "Die kalte Sonne" für große Aufmerksamkeit.

Die Autoren Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning behaupten, weniger als die Hälfte der bisherigen Erwärmung gehe auf das Konto des Menschen. Die Hauptverursacher des Klimawandels seien die Sonnenaktivität und die Magnetfelder der Sonne, die sich in Zyklen verändern. Da die Sonne in einen Kältezyklus trete, sei keine Katastrophe zu befürchten.

Von Menschenhand gemacht?

Während solche Äußerungen in den letzten Monaten oft die Schlagzeilen beherrschten, lieferten renommierte Forschungsinstitute weitere Indizien für eine menschengemachte Erwärmung. So stellte das Max-Planck-Institut für Meteorologie zusammen mit dem Deutschen Klimarechenzentrum neueste Modellrechnungen vor, die warnen, dass ohne eine umgehende und drastische Minderung der CO2-Emissionen die Erderwärmung nicht auf zwei Grad Celsius begrenzt werden kann. Im Februar legten auch fünf französische Institute neue Prognosen vor, die dies bestätigen.

Woher stammen die Daten?

Die Erkenntnisse der Klimaforscher basieren auf kontinuierlichen Messungen und Beobachtungen auf der Erde, im Wasser, in der Erdatmosphäre und von Satelliten im Weltraum. Diese werden in komplexe Computermodelle eingefügt, um Zukunftsszenarien zu simulieren Diese Modelle werden durch zunehmende Kenntnisse über die Klimaentwicklung in der Vergangenheit ergänzt und kalibriert. Anhand von Gesteinsschichten und Eisbohrkernen beispielsweise ermitteln Forscher welche Temperaturen zu welcher Zeit herrschten und welche Bedingungen in der Atmosphäre gleichzeitig vorlagen.

Eisberg vor Grönland (Foto:Brennan Linsley/AP/dapd)

In der Arktis könnte das Meer innerhalb des nächsten Jahrzehnts im Sommer eisfrei sein.

Daten von rund 36.000 Wetterstationen belegen, dass die Land- und Meerestemperaturen seit 1900 im globalen Durchschnitt um 0,8 Grad Celsius gestiegen sind. Das Jahrzehnt von 2000 bis 2009 gilt als das wärmste seit Beginn der flächendeckenden Temperaturmessung. 1998, 2005 und 2010 teilten bislang den Rekord für die heißeste Temperatur seit dem Anfang der Temperaturmessung. Kritiker, darunter die 16 amerikanischen Wissenschaftler, die sich im Wall Street Journal geäußert haben, und die Autoren der "Kalten Sonne" interpretieren die Tatsache, dass es in keinem Jahr bisher wärmer war als 1998, dagegen als Beweis dafür, dass sich die Erde nicht weiter erwärme.

Nicht-linearer Verlauf

Klimaforscher Peter Lemke (Foto: Karlheinz Schindler/dpa)

Klimaforscher Peter Lemke

Peter Lemke, Leiter der Klimawissenschaft am Alfred-Wegener-Institut und Mitautor des letzten Berichts des Weltklimarats, warnt vor solchen Schlussfolgerungen: "Wenn man einen Klimatrend ermitteln möchte, braucht man die Daten von mindestens 30 Jahren", so Lemke. Die Erwärmung erfolge nicht linear. Regionale Schwankungen und natürliche Phänomene wie El Nino oder die Nordatlantische Oszillation könnten zeitweise dem Eindruck einer Erwärmung entgegenwirken. Betrachte man aber die Gesamtkurve, liege ein klarer Trend vor.

CO2 oder natürliche Ursachen?

Klimawissenschaftler wie Peter Lemke sehen einen direkten Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Erdtemperatur und dem Anstieg des Anteils von Kohlendioxid in der Luft in den letzten 200 Jahren. "Allein 78 Prozent dieses Anstieges gehen auf das Verbrennen fossiler Stoffe wie Kohle, Erdöl und Gas zurück. Die restlichen 22 Prozent wurden durch eine veränderte Landnutzung hervorgerufen", erklärt er.

RWE-Braunkohlekraftwerk Niederaußem bei Köln (Foto: Oliver Berg dpa/lnw)

Wie groß ist der Einfluss von CO2-Emissionen auf das Klima?

Klimaskeptiker stellen diesen Zusammenhang dagegen in Frage. "Wir sind weit davon entfernt, zu behaupten, dass CO2 keinen Einfluss auf das heutige Klimageschehen hätte", schreiben Vahrenholt und Lüning in ihrem Buch. "Jedoch können wir zeigen, dass mindestens die Hälfte der Erwärmung der letzten vierzig Jahre dem Einfluss der Sonne sowie zyklischen ozeanischen Oszillationen der Weltmeere geschuldet ist. CO2 könnte für die andere Hälfte der Erwärmung verantwortlich sein, möglicherweise ist der Anteil aber sogar noch geringer."

Auf der anderen Seite bestreitet auch Peter Lemke vom AWI nicht, dass die Sonne eine wichtige und einflussreiche Rolle beim Klima spielt. Allerdings reiche die Sonnenaktivität nicht aus, um die aktuellen Klimaschwankungen zu erklären. "Der IPCC-Bericht zeigt ganz deutlich, dass die natürlichen Schwankungen der Sonne nur etwa fünf Prozent der Temperaturänderung ausmachen", so der Klimawissenschaftler.

Überzeugung oder Lobbyismus?

"Beim Klimawandel geht es um das große Geld", resümiert Professor William D. Nordhaus, Wirtschaftsprofessor in Yale in einem Artikel 'Why the Global Warming Skeptics are Wrong', im New York Review of Books. "Involviert sind Firmen, Industrien und Einzelpersonen, die besorgt sind, dass ihre Wirtschaftsinteressen aufgrund von Klimaschutzmaßnahmen Schaden nehmen könnten", so Nordhaus. Dies treffe vor allem auf die Erdölindustrie zu. Nordhaus vergleicht die Kritiker der Klimawissenschaft sogar mit Kampagnen der Tabakindustrie, um Verbraucher und Regierung davon zu überzeugen, es gebe keine wissenschaftlichen Beweise für die gesundheitsschädlichen Auswirkungen des Rauchens.

Auch bei den beiden deutschen Buchautoren Vahrenholt und Lüning ist eine Nähe zur Energiewirtschaft nicht von der Hand zu weisen. Fritz Vahrenholt ist Vorsitzender der Geschäftsführung von RWE-Innogy, einer Tochtergesellschaft des deutschen Energieriesen RWE. Sein Mitautor Sebastian Lüning arbeitet für das Öl- und Gasunternehmen RWE-Dea.

Alles nur Panikmache?

"Klimafolgenskeptiker" nennt Professor Otmar Edenhofer, Chefökonom am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung diejenigen, die bezweifeln, dass der Klimawandel katastrophale Konsequenzen haben könnte. Sie betonen stattdessen die positiven Seiten des Klimawandels wie die Erschließung von landwirtschaftlich nützlichen Flächen in den Permafrostgebieten Russlands oder Kanadas oder den leichteren Zugang zu den Öl- und Gasressourcen der Arktis. Die Gefahr von Wüstenbildung oder zunehmenden Dürren und Überflutungen spielen sie dagegen herunter.

Ottmar Edenhofer Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, hinter einem Globus (Foto: Nestor Bachmann dpa/lbn)

Ottmar Edenhofer

Dabei belegt eine neue Studie des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) einen "deutlichen Zusammenhang", zwischen der Häufung von extremen Regenfällen und Hitzewellen mit der "vom Menschen verursachten globalen Erwärmung". Die Potsdamer Wissenschaftler warnen deshalb davor, die Möglichkeit eines "Worst-Case-Szenarios" zu vernächlässigen.

Viele Regionen der Welt spüren die Auswirkungen des Klimawandels - darüber herrscht unter den etablierten Klimaforschern, zu denen auch die Wissenschaftler des PIK und des AWI zählen, Konsens. Sie sind überzeugt, dass ein nur kleines Zeitfenster von maximal ein paar Jahrzehnten bleibt, um die Kehrtwende zu schaffen und den Klimawandel zu stoppen. Überzeugen werden sie die Klimaskeptiker mit ihren Erkenntnissen aber dennoch nicht. Denn auch die sehen sich im Recht und sind der Meinung, gute Gründe zu haben, das genaue Gegenteil zu glauben. Allerdings sind die Klimaskeptiker bisher einen wissenschaftlichen Nachweis schuldig geblieben, um ihre Thesen auch tatsächlich zu belegen.

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