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Kultur

Wie viel Farbe braucht die Kunst?

Vom Gegenteil des White Cube ist die Rede. Von müden Farbtönen an den Wänden und belangloser Kunst ebenso. Die documenta 12. Was bleibt von der weltweit bedeutendsten Show für zeitgenössische Kunst in Erinnerung?

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Peter Friedl: 'The Zoo Story'

Eine Antwort könnte sein: die Farbe. Kein Gestaltungsmittel drängt sich so sehr in den Vordergrund und bestimmt die Wahrnehmung der präsentierten Kunstwerke bis ins Detail. Dies zeigen besonders gut die Arbeiten von Inigo Manglano-Ovalle in der documenta-Halle. Kaum hat man Peter Friedls Giraffe "Brownie" hinter sich gelassen, tritt man durch eine schmale Tür in orangefarbenes Licht, um gleich im nächsten Raum ins Dunkle zu tappen. Nur mühsam sind die Umrisse des Phantom-Truck am Anfang zu erkennen. Erst nach einiger Zeit erscheint die Skulptur in seiner ganzen Form.

Ein großer metallischer Lastwagen, gestaltet nach einer Computerzeichnung des früheren US-amerikanischen Verteidigungsministers Colin Powell, die dieser zum Beweis angeblicher ABC-Waffen-Trucks im Irak angefertigt hatte. Der Betrachter erfährt so mit eigenen Augen, wie die Einbildungen und Phantasmagorien einzelner Politiker sich zur konkreten Form verdichten und deren politische Entscheidungen mitbestimmen. Auch das Diktatorische und Gezwungene, das man einer solchen ästhetischen Inszenierung vorwerfen kann, passt in dieses Wahrnehmungskonzept. Hier spürt man, welche Wirkungsmacht eine gut kuratierte documenta entfalten könnte.

"Ineinsbildung von Licht und Dunkel"

Deutschland Kunst Documenta 12 Hydraulic Policy

Ibon Aranberri: 'Hydraulic Policy'

Das Spiel mit der Leuchtkraft der Farben ist alles andere als neu und doch ist seine Faszination ungebrochen. Man denke an die Lichträume James Turrells oder an die Arbeiten des dänischen Künstlers Ólafur Elíasson, der vor ein paar Jahren mit seinem "Weather Project" die Turbinenhalle der Londoner Tate Modern in gelbes Licht tauchte. Beide Beispiele feiern eine Erhabenheit der Kunst, die seit der Romantik wesentlich durch die philosophischen Schriften von Edmund Burke und Emanuel Kant geprägt worden ist. Dazu gesellen sich Hegels Vorlesungen über die Ästhetik, in denen er die Farbe in der Malerei als "Ineinsbildung von Licht und Dunkel" beschrieben hat. Über die bloße physikalische Natur hinaus verweist die Farbe auf innere geistige und absolute Werte, die in der Kunst zum Ausdruck kommen.

documenta-Macher Roger M. Buergel kennt als studierter Philosoph diese Traditionen sehr genau und nutzt sie für seine musealen Strategien. Selbst dessen Leitfrage, ob die Moderne unsere Antike ist, lässt sich mit dem Zeitgeist des 19. Jahrhunderts interpretieren. Für Denker wie Goethe, Hegel oder Wilhelm von Humboldt repräsentierte die Antike einen verlorenen Höhepunkt der abendländischen Kulturentwicklung. Im Bewusstsein dieser Philosophie stellt die documenta 12 eher den Verlust der Moderne als ihre möglichen Kunstwerke aus.

Rembrandt und Graffiti

Relax, its only a ghost

Cosima von Bonin: 'Relax, its only a ghost'

Viele der präsentierten Arbeiten von Juan Davila, John McCracken oder Gerwald Rockenschaub sind dem Spiel der Farben und Formen verpflichtet, doch fehlt ihnen oft das künstlerisch überzeugende Format. Dasselbe gilt für die farbig gestalteten Ausstellungsräume vom Aue-Pavillon über das Museum Fridericianum bis zur Neuen Galerie. Zunächst ist es noch unterhaltsam, wenn man über den grünen Boden in der documenta-Halle läuft, der mit seinen weißen Linien an ein Fußball- oder Tennisfeld erinnert. Die himmelblaue Wand und die bunten Verkaufswagen aus der Installation von Cosima von Bonin "Relax - It's only a Ghost" verstärken diesen Eindruck einer Freiluft-Atmosphäre. Doch ein sportlicher Wettstreit der verschiedenen Kunstwerke, der den Besucher begeistert, will sich nicht einstellen. Was bleibt, ist der mögliche assoziative Vergleich mit Harun Farockis Installation "Deep Play" im Fridericianum, die vom medialen und spielerischen Kalkül der Fußballweltmeisterschaft 2006 handelt.

Der kreative Schlagabtausch von Formen und Farben auf der documenta 12 scheitert an der gewollten Konfrontation vermeintlich ähnlicher Kunstwerke. Rembrandts Gemälde im Schloss Wilhelmshöhe lassen sich von den darunter hängenden Graffiti-Bildern "The Lost Boys" des amerikanischen Künstlers Kerry James Marshall kaum beeindrucken. Gerne besäße man einen Ariadne-Faden, der den Besucher durch das bunte künstlerische Labyrinth der Kasseler Show führt. Vielleicht ist es die Einsicht, das die "Migration der Formen" letztlich auf aktuelle soziale Probleme verweist, die auch die zeitgenössische Kunst nur schwerlich lösen kann.

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