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Politik & Gesellschaft

Wie teuer wird der Atomausstieg?

Aus der Atomenergie aussteigen wollen inzwischen fast alle in Deutschland. Doch wie teuer ist eine Zukunft ohne Atomstrom? Die Spekulationen über mögliche Zahlen schießen ins Kraut.

Abpfiff für den Atomstrom in Deutschland. Wie teuer wird das? (Foto:ap)

Teurer Abpfiff für den Atomstrom?

Was kostet ein Atomausstieg? Vielleicht 200 Milliarden Euro? Oder Zwei Euro pro Monat und Stromkunden? Einen Cent Pro Kilowattstunde oder vielleicht Zehn? Auf dem Markt der öffentlichen Meinung sind derzeit alle Zahlen zu haben.

Jürgen Trittin Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag (Foto:dpa)

Jürgen Trittin rechnet mit 1,50 Euro pro Monat für jeden Haushalt

Jürgen Trittin, ehemaliger Umweltminister und Fraktionsvorsitzender der Grünen, glaubt an einen "Atomausstieg, den man sich leisten kann". Für neue Netze und Anlagen werde der Verbraucher am Ende einen halben Cent pro Kilowattstunde zusätzlich aufwenden müssen. Für eine Durchschnittsfamilie summiere sich das auf 1,50 Euro pro Monat.

Ganz andere Zahlen nennt Stephan Kohler von der Deutschen Energie-Agentur, einem Institut, das von Bundesregierung und Privatwirtschaft gemeinsam finanziert wird. Allein für den Ausbau der Stromnetze werde jeder Verbraucher einen Cent pro Kilowattstunde bezahlen müssen. Dazu kommen Investitionen in neue Kraftwerke, Windräder und Speicher. Insgesamt werde der Strom um zwanzig Prozent teurer.

Überbietungswettbewerb

Für Utz Tillmann ist das ein Horrorszenario. Er ist Vorsitzender des Verbands der chemischen Industrie und spricht für die energieintensiven Industrien, wie Chemie, Metall oder Papierindustrie: "Diese Branchen stehen allesamt im internationalen Wettbewerb. Für uns ist wichtig, dass wir über wettbewerbsfähige Preise an den verschiedenen Standorten reden."

Was kommt wirklich auf Industrie und Verbraucher zu? Deutschland debattiert leidenschaftlich, und jeder findet eine Zahl, die seine These rechtfertigt. Auch Gerd Billen, der Vorsitzende der Verbraucherzentralen, hat versucht, sich im Zahlendschungel zurechtzufinden. "Es gibt einen Überbietungswettbewerb, was die Kosten eines Energieumstiegs angeht", schimpft er. "Ich glaube, dass es für diese hohen Schätzungen keine belastbare Grundlage gibt. Was wir brauchen, ist eine ehrliche Rechnung."

Mehr Wettbewerb

Porträtfoto Prof. Dr. Claudia Kemfert (Foto: DIW)

Claudia Kemfert, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)

Die wichtigste Größe dieser Rechnung: Wie viel Geld muss in neue Netze, Kraftwerke und Windparks investiert werden? Die Zahlen dafür gehen gar nicht so weit auseinander. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung rechnet beispielsweise mit Investitionen in einer Größenordnung von 180 Milliarden Euro bis 2020. Auf den Strompreis wirke diese Summe aber nicht direkt. Es handle sich um Investitionen, die Unternehmen nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten tätigen. "Die Verbraucher müssen das überhaupt nicht unterstützen, weil es genügend Unternehmen gibt, die investieren wollen. Die hätten auch in der Vergangenheit schon investiert, wenn wir mehr Wettbewerb gehabt hätten."

Ihrer Rechnung nach wird der Strompreis für die Verbraucher nur moderat steigen. Stärker als die Investitionen werden den Strompreis wohl Marktfaktoren beeinflussen, etwa wie sich der Preis für CO2-Zertifikate entwickelt oder die Wettbewerbssituation auf dem Kundenmarkt. Wenn die Kernkraftwerke der vier großen Stromkonzerne vom Netz gehen, dann führe das dazu, dass mehr kleine Anbieter in den Strommarkt kommen, glaubt sie. Und mehr Wettbewerb drücke den Preis.


Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Hartmut Lüning