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Wirtschaft

Wie sorgt die Europäische Zentralbank für stabile Preise?

Ein Blick auf den Instrumentenkasten der Europäischen Zentralbank und die Grenzen und Möglichkeiten der europäischen Geldpolitik

Die Europäische Zentralbank hat es nicht leicht. Sie soll für stabile Preise in Euroland sorgen - dazu ist sie laut Artikel 105 des Maastrichter Vertrages verpflichtet. Und das ist immerhin ein völkerrechtlicher Vertrag mit Verfassungsrang, der nur durch einstimmiges Votum des Rates der Europäischen Union, durch Zustimmung des Europäischen Parlamentes und durch Ratifizierung aller beteiligten nationalen Parlamente geändert werden kann.

Schon die Deutsche Bundesbank hat es nicht leicht gehabt, für stabile Preise zu sorgen und Inflationstendenzen einzudämmen. Denn schon in Frankfurt oder München ist das Preisniveau anders als in ländlichen Gegenden wie Niedersachsen oder den Voralpen - der Währungsraum, in dem die Europäische Zentralbank unterschiedliche Preistendenzen zu beobachten hat, ist ungleich größer geworden.

Doch was ist eigentlich Inflation? Ideal wäre es, wenn der Index der Verbraucherpreise am Ende eines Jahres auf dem gleichen Niveau stünde wie am Anfang, die jährliche Inflationsrate also Null wäre. Doch Notenbanker sind Pragmatiker und keine Idealisten. Sie nehmen an, dass eine Wirtschaft auch dann noch spannungsfrei funktioniert, wenn die Preise im Schnitt um zwei Prozent im Jahr steigen. Erst wenn Gefahren am Horizont auftauchen, dass diese Marke nachhaltig nach oben verfehlt wird, muss der Patient auf den Operationstisch.

Der Instrumentenkasten einer Zentralbank ist ziemlich reichhaltig. Sie kann zum Beispiel genau beobachten, wie viel Geld den Wirtschaftssubjekten zur Verfügung steht und versuchen, diese Geldmenge zu steuern. Dahinter steht die Idee, dass dem Produktionspotenzial einer Wirtschaft und ihrer Menschen genau eine bestimmte Menge an Geld gegenüber stehen muss, um inflationsfreies Wachstum zu gewährleisten. Wächst die Geldmenge schneller als das Produktionspotenzial, bekommen die Wirtschaftssubjekte den Eindruck, sie seien reicher als zuvor. Durch diese Geldillusion wollen sie mehr Güter kaufen, was die Nachfrage und damit die Preise nach oben treibt. Wird die Wirtschaft dagegen zu knapp mit Geld versorgt, hemmt das zwar die Inflation, doch durch das knappe Geld steigt dann auch der Zins, sozusagen der Preis des Geldes. Das sorgt für weniger Investitionen, Konsum und Wachstum - der Ärger mit den Politikern ist programmiert.

Doch wie steuert man das Wachstum einer Geldmenge? Wenn sie zu schnell wächst, halten wir die Gelddruckmaschine an, und wenn sie zu langsam wächst, lassen wir sie schneller laufen, könnte die nahe liegende Antwort lauten. Doch leider ist die Wirklichkeit etwas komplizierter. Die Notenbank ist zwar die einzige Institution, die Geld herstellen und in Umlauf bringen darf, alle anderen müssen früher oder später mit einem Aufenthalt im Gefängnis rechnen. Doch 1999 zum Beispiel betrug der Bargeldumlauf in Euroland rund 330 Milliarden Euro, die tatsächliche Geldmenge dagegen belief sich auf die stolze Summe von 4.500 Milliarden Euro, war also 13,6 mal höher, ohne dass jemand dafür ins Gefängnis gekommen wäre.

Das liegt daran, dass auch die Banken am Geldschöpfungsprozess beteiligt sind. Früher hatten sie dicke Kontobücher, heute dicke Computer, in denen penibel jede Forderung und Gegenforderung, jedes Guthaben, jedes Sparkonto und jede Schuldverschreibung verzeichnet ist. Weil solche Forderungen und Guthaben jederzeit zu Geld zu machen sind, müssen sie auch dem Bargeld zugerechnet werden. Dass diese geldwerten Forderungen und Guthaben den tatsächlichen Bargeldbestand um ein Mehrfaches übersteigen, ist nicht kriminell, sondern ganz legal. Da nicht jeder sein ganzes Guthaben in Bar abhebt, reicht es, nur einen Teil davon in Form von Bargeld zu decken. Der Rest ist sogenanntes Giralgeld. Das Wachstum dieser Giral-Geldmenge direkt zu steuern ist besonders schwer. Die USA und Großbritannien haben es versucht und bald wieder aufgegeben. Auch die Bundesbank ist bei 21 Versuchen, das Wachstum der Geldmenge in einem bestimmten Zielkorridor zu halten, elf mal gescheitert.

Das liegt unter anderem daran, dass die Notenbank nicht alleine das Geldmengenwachstum bestimmt. Auch das Verhalten der Anleger, der Geschäftsbanken und der Regierungen hat einen Einfluss auf diese Größe. Deshalb stützt sich die Europäische Zentralbank neben der Analyse der Geldmengenentwicklung auch noch auf eine zweite Säule, die Beobachtung und Analyse sämtlicher Wirtschafts- und Finanzindikatoren, die einen Hinweis auf künftige Inflationsgefahren geben können. Dabei kann es leicht zu Widersprüchen, ja zu einem Dilemma kommen, etwa wenn sich Geldmengenkonzept, die erste Säule, und Indikatorkonzept, die zweite Säule, auf verschiedene Zeiträume beziehen und daher unterschiedliche Signale geben. Was zum Beispiel sollen die Banker tun, wenn die kurzfristigen Indikatoren einen nachlassenden Inflationsdruck signalisieren, gleichzeitig aber auf mittlere Sicht die Geldmenge exorbitant aus dem Ruder zu laufen droht? Daraus könnte zum Beispiel die Neigung entstehen, erst mal nichts zu tun, obwohl schon längst Maßnahmen zum Bremsen der drohenden Inflation angebracht wären.

Wichtig ist, sagen die meisten Volkswirte, den Märkten unmissverständlich klare Absichten mitzuteilen. Geldpolitik sollte offen, ehrlich, transparent und konsequent sein, damit sie glaubwürdig ist. Die Märkte sollten nicht über die Ziele im Unklaren gelassen werden. Die Ziele und Entscheidungen müssen deutlich kommuniziert werden. Zeigt die EZB zum Beispiel durch konkrete Maßnahmen, dass sie nicht bereit ist, auf Dauer eine höhere Inflationsrate als zwei Prozent hinzunehmen, entsteht an den Märkten auch keine Unsicherheit über den künftigen Kurs der Zentralbank, und die Inflationserwartungen der Marktteilnehmer werden auf einem niedrigen Niveau stabilisiert.

Die eigentlichen Waffen im Kampf gegen die Inflation aber sind die Zinsen. Eine Notenbank bringt zwar Geld in Umlauf, aber sie verschenkt es nicht. Sie versteigert jede Woche an die Geschäftsbanken gegen Hinterlegung von festverzinslichen Wertpapieren Zentralbankgeld, freilich nicht umsonst. Die Geschäftsbanken müssen Zinsen dafür zahlen. Dieser Zins wird Hauptrefinanzierungssatz genannt und ist der wichtigste Leitzins in Euroland. Hat sich ein Geldeinkäufer bei der Bank verschätzt und merkt, dass seine Bank für die Abwicklung der täglichen Geschäfte mehr Geld braucht, kann sich seine Bank gegen die Hinterlegung von weiteren Wertpapieren kurzfristig mehr Geld bei der EZB besorgen - freilich zu höheren Zinsen, der so genannten Spitzenrefinanzierungsfazilität.

Der dritte Leitzins schließlich ist die so genannten Einlagefazilität. Merkt eine Bank, dass sie sich für ihre laufenden Geschäfte zu viel Zentralbankgeld geliehen hat, kann sie dieses Geld über Nacht auf Konten der Zentralbank anlegen - zu einem mageren Zinssatz, der aber verhindert, dass die Banken plötzlich mit Geld um sich werfen und die Geldmarktsätze nach unten drücken. Die Banken wiederum stellen das Zentralbank-Geld der Wirtschaft und den Haushalten in Form von Krediten zur Verfügung. Dabei orientieren sich die Zinssätze am Leitzins der Zentralbank, plus einer Marge für die Bank, um die Angestellten, das Licht und die Miete zu bezahlen und die Aktionäre der Bank bei Laune zu halten. Auf diese Art schlägt der Leitzins der EZB direkt auf die Zinsen der gesamten Volkswirtschaft durch. Das gibt der Notenbank einen Einfluss darüber zu entscheiden, ob das Geld "billig" oder "teuer" ist - gemeint ist der Zinssatz, zu dem man es bei den Banken bekommen kann.

Erhöht die Zentralbank bei ihren Bemühungen, die Inflation zu bekämpfen, den Leitzins zu heftig, kann sie damit womöglich das Wirtschaftswachstum abwürgen. Der umgekehrte Fall, mit niedrigen Zinsen, die Wirtschaft anzukurbeln, birgt aber die Gefahr einer steigenden Inflation. Deshalb ist die Europäische Zentralbank nach dem Vertrag von Maastricht nur verpflichtet, für stabiles Geld - also eine niedrige Inflation zu sorgen. Ein stabiles Geld schafft die besten Voraussetzungen für ein gesundes Wirtschaftswachstum. Dass es dann auch soweit kommt, dafür müssen Politik und Unternehmen dann schon selbst sorgen - auch wenn so mancher Politiker gerne die EZB als Sündenbock für eine verfehlte Wirtschaftspolitik verwendet.

  • Datum 14.11.2001
  • Autorin/Autor Rolf Wenkel
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  • Permalink http://p.dw.com/p/1Lkq
  • Datum 14.11.2001
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