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Interview

Wie sicher sind Großveranstaltungen?

Weihnachstmärkte, Fußballstadien, Konzerte: Die Angst, dass Attentäter erneut bei Veranstaltungen zuschlagen, ist groß. Wie können wir uns schützen? Fragen an den Sicherheitsexperten Christian Buschhoff.

Weihnachtsmarkt in Hamburg (picture alliance/dpa/B.Marks)

Der Weihnachtsmarkt in Hamburg

DW: Herr Buschhoff, nach dem Anschlag in Berlin gab es auch Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen. Nach Nizza, hieß es, hätte man solche Bereiche besser schützen müssen. Sind unsere Großveranstaltungen in Deutschland zu wenig geschützt?

Christian Buschhoff: Nein, unsere Veranstaltungen sind nicht per se unsicher. Aber eine Veranstaltung ist ein offenes, dynamisches System, das man im Vorfeld nicht klar deklinieren kann. Sie können einem Besucher bei einem Konzert nicht sagen, wann er auf die Toilette gehen soll. Das heißt, er ist in seiner Entscheidung erst einmal völlig frei, wo er sich hinbewegt.

Dazu kommt der Künstler auf einer Bühne und dann ist dort auch noch die öffentliche, urbane Struktur um das Gelände herum. Jedes Gelände hat Zufahrtswege und eine Interaktion mit der direkten Infrastruktur. Diese Faktoren erschweren eine umfassende Sicherheitsbewertung, weil sich in allen Bereichen jederzeit unvorhergesehene Störungen ergeben können. Bei Veranstaltungen werden Sie nie diese eine Stecknadel im Heuhaufen finden, die das System zum Erliegen bringt. Deshalb müssen diese Faktoren in Sicherheitskonzepten immer wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Dann wird geschaut: Von welcher Richtung aus kann gestört werden?

Sicherheitsexperte Christian Buschhoff (C. Buschhoff)

Christian Buschhoff ist Sicherheitsexperte für Großveranstaltungen

Nach Nizza und Berlin ist oft von Steinbarrieren oder anderen Pollern die Rede, um Zufahrtswege zu sperren. Ist das eine sinnvolle Maßnahme?

Ja, das kann man machen, das würde ich auch für sinnvoll erachten. Man muss sich aber überlegen, was und wen man abschrecken und vor wem man sich schützen möchte.

Stellen sie sich einen Selbstmordattentäter vor, der bereit ist, sein eigenes Leben zu opfern und sich mit einer Bombe zu einem Veranstaltungsort bewegt. Selbst wenn man jetzt sagt: Ja, dann bauen wir noch drei, vier, fünf, sechs Barrieren zusätzlich dazu. Durch diese offene Dynamik, die wir bei Veranstaltungen haben, werden solche Leute immer wieder Möglichkeiten finden, dieses System zu stören.

Das heißt, wenn jemand wirklich die Absicht hat, zu stören, dann wird er auch irgendeinen Weg finden. Aber was kann dann überhaupt getan werden?

Es geht darum, im Vorfeld eine Strategie zu entwickeln, mit der mögliche Geschehnisse verhindert werden können. Wenn man das alles bearbeitet, kann man am Ende einen Strich ziehen und sagen: So, was könnte jetzt ein Risiko sein? Was ist eine wirkliche Gefahr für die Veranstaltung? Und dann ist man auch finanziell in der Lage, etwa zu sagen: Jetzt brauchen wir Betonpoller.

Das heißt, ein standardisiertes Sicherheitskonzept für alle Veranstaltungen würde keinen Sinn machen?

Nein, das kriegt man nicht hin, das wäre furchtbar. Was wir brauchen, ist ein Grundverständnis innerhalb der Bevölkerung, dass Veranstaltungen als kritische Infrastruktur bewertet werden.

In Köln sollen zur Silvesternacht zehn Mal mehr Beamte eingesetzt werden als vergangenes Jahr, es soll mehr Kameras geben, eine böllerfreie Zone und mobile Einsatzfahrzeuge mit Kameras. Sind das sinnvolle Maßnahmen?

Wir haben aktuell wieder einen Fokus auf eine Stadt. Also, ja, das wird sicherlich funktionieren, aber es ist kein Garant dafür, dass die Gesellschaft, die politischen Entscheidungsträger sich wirklich mal Gedanken dazu gemacht haben: Wie können wir Feste, die wir im öffentlichen, urbanen Raum feiern wollen, grundsätzlich sicherer machen? Und die Frage wird politisch nur zögerlich beantwortet.

Christian Buschhoff ist Sicherheitsexperte für Großveranstaltungen und Teil der Arbeitsgruppe Veranstaltungssicherheit an der TH Köln.

Das Gespräch führte Rahel Klein.

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