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Europa

Wie sich der Terror in Europa gewandelt hat

Trotz Brüssel und Paris: Die Zahl der Anschläge in Europa ist seit den 70er-Jahren gesunken. Die gefühlte Bedrohung ist dennoch angestiegen. Wie passt das zusammen?

Hanns Martin Schleyer wird entführt (Foto: Wilhelm Bertram/Dpa)

Nach der Entführung Hanns Martin Schleyers in Köln 1977 durch RAF-Terroristen

Nach Paris und Brüssel sind Terroranschläge für viele Europäer realer und näher denn je. Gefühlt, denn ein Blick auf die Geschichte des Terrorismus in Europa verrät: Der traurige Höhepunkt liegt schon länger zurück. So verzeichneten Forscher der Universität von Maryland für das Jahr 1979 mehr als 800 Anschläge in Europa.

In der Zeit zwischen 1970 bis Ende der 90er Jahre gehörten jährlich mehrere Hunderte Anschläge zum Regelfall. Auch Opferzahlen von über 150 pro Jahr waren keine Einzelheit. Zum Vergleich: Das vergangene Jahr war - aus europäischer Sicht - mit den Anschlägen auf die Satire-Zeitung Charlie Hebdo und der Terrorserie des 13. Novembers in Paris ein besonders düsteres. Insgesamt wurden 2015 rund 147 Menschen Opfer von Anschlägen in Europa. Doch diese hohe Opferanzahl ist in den letzten zehn Jahren eine Ausnahme.

Alter und neuer Terrorismus

Rückblick: Terroristische Vereinigungen wie die nationalistische IRA in Irland, die baskische ETA in Spanien, die kommunistischen Roten Brigaden in Italien oder auch die linksextreme RAF in Deutschland und weitere nichteuropäische Terrorzellen forderten die europäischen Regierungen in den 70er- und 80er-Jahren massiv heraus. "Fast jedes Land hatte in dieser Zeit seinen eigenen staatlich formierten Terrorismus", sagt Rolf Tophoven, Direktor des Instituts für Krisenprävention in Essen.

Infografik Terror und Todesopfer in West-Europa (1970 - 2014)

Als Terrorangriff zählt die Global Terrorism Database Attacken, bei denen ein nichtstaatlicher Akteur vorsätzlich Gewalt gegenüber Menschen oder Objekten anwendet oder androht, um politische, religiöse oder soziale Ziele zu erreichen

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt Tophoven sich mit internationalen terroristischen Strömungen. Die Unterschiede zu heute sind eindeutig. Der Terrorismus der 70er- und 80er-Jahre war stärker politisch motiviert. "Die Terrororganisationen waren auf bestimmte Länder fixiert. Es waren keine grenzübergreifenden terroristischen Phänomene", so Tophoven. Gruppen wie der sogenannte "Islamische Staat" oder Al-Qaida handeln heute vermeintlich aus Glaubensgründen. "Wir haben heute eher einen religiös motivierten Terrorismus. Dieser missbraucht den Namen des Islams und setzt auf die große Schockwirkung nach einem Anschlag", so Tophoven.

Neue Gruppen, neue Ziele

"Terroristen wollen viele Zuschauer, nicht viele Tote", ein Zitat des US-Terrorismusforschers Brian Jenkins aus dem Jahr 1975. Anschläge wie auf den Hauptbahnhof in Bologna, bei dem 85 Menschen starben, oder der Sprengstoffanschlag auf ein US-Flugzeug über dem schottischen Lockerbie mit 270 Toten, passen zwar nicht in dieses Bild. Dennoch standen in den frühen 70er-Jahren vor allem Politiker oder Industrielle im Visier der Terroristen - wie im Fall des entführten und dann ermordeten Hanns Martin Schleyer durch die RAF. Das habe sich grundlegend geändert. "Heute wird gebombt und geschossen. Die Philosophie des Terrors will den 'Body-Count'. Sie wollen so viele Menschen töten und verletzen wie möglich", meint Tophoven.

Bologna Anschlag Bahnhof 1980 Flash-Galerie

Bologna: Anschlag auf den Hauptbahnhof 1980

Auch Verhandlungen mit dem Staat gehören der Vergangenheit an. So wie bei der Entführung der Passagiermaschine Landshut im Jahr 1975.

Brutalere Anschläge - mehr Aufmerksamkeit

Laut der Daten der Universität Maryland gehen die reinen Anschlagszahlen in Europa seit 1979 zurück. Das bedeutet aber nicht, dass es deshalb automatisch auch weniger Tote gab. So kamen im Jahr 2004 beispielsweise bei den Bombenanschlägen auf Regionalzüge in Madrid 191 Menschen ums Leben. Die Täter waren hier islamistische Terroristen. Ein Jahr darauf folgten die von islamistischen Selbstmordattentätern verübten Anschläge auf den Nahverkehr in London mit 56 Toten und mehr als 700 teilweise Schwerverletzten.

Rolf Tophoven Autor und Terrorismusexperte (Foto: picture-alliance)

Rolf Tophoven - Direktor des Instituts für Krisenprävention

Nach zehn Jahren Pause ist der Terrorismus nun wieder zurück in Europa. In der Wahrnehmung vieler, vielleicht stärker denn je. "Es gab in den 70er- und 80er-Jahren nicht diese digitale Freiheit, wie wir sie heute haben", sagt Tophoven. "Der Terrorismus dringt heute noch tiefer in das Bewusstsein und die Psyche der Menschen ein, weil jeder durch die sozialen Netzwerke teilhaben kann." Hinzu komme, dass der Terrorismus der 70er- und 80er-Jahre seine Opfer eher gezielt ausgesucht habe. Heute könne jeder Opfer werden. "Der Satz zur falschen Zeit am falschen Ort sein hat leider wieder an Bedeutung gewonnen", so Tophoven.

Auch wenn es früher häufiger zu Anschlägen kam, hält der Terrorismusexperte die aktuell erhöhte Terrorgefahr für Europa nicht für übertrieben. "Die jüngsten Anschläge lassen befürchten, dass Europa stärker ins Visier gerät."

International gesehen blieb Europa bisher jedoch eher verschont. So stieg die Zahl von terroristischen Anschlägen - entgegen dem europäischen Trend - weltweit zwischen 2001 und 2014 deutlich an. In der Global Terrorism Database der Wissenschaftler von Maryland fielen aber nur 0,3 Prozent der Anschläge in den letzten vierzehn Jahren weltweit auf Europa.

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