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Kultur

Wie sich Aserbaidschan am liebsten selbst sieht

Ein prosperierendes Land zwischen Europa und Asien, zwischen Tradition und Moderne. So setzte sich das Land beim Grand Prix in Szene. Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa war vor Ort und schaute hinter die Kulissen.

Die Deutsche Welle hatte die junge Frau vor ihrer Abreise interviewt und verabredet, sie auch nach ihrer Rückkehr aus Aserbaidschan über ihre Eindrücke zu befragen. Die 27-Jährige ist in Baku geboren und im Kaukasus aufgewachsen. 1996 kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland. Zur Zeit lebt und arbeitet sie in Berlin. Im Januar dieses Jahres wurde ihr vielbeachteter Debütroman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" veröffentlicht.

Deutsche Welle: Frau Grjasnowa, Sie waren zehn Tage in Ihrer Geburtsstadt Baku. Anlass war der Eurovision Song Contest. Welche Eindrücke haben Sie von Ihrer Reise mitgebracht?

Olga Grjasnowa: Sie sind sehr zwiegespalten. Die Organisation des Grand Prix hat bestens geklappt, alles ist ruhig geblieben. Die Sicherheitskräfte waren schon auf das Schlimmste gefasst. So hatten zum Beispiel in der Nacht zum 26. Mai, als das Grand Prix-Finale stattfand, vor dem Innenministerium Soldaten den Gleichschritt mit geladenen Waffen geübt.

Was haben Sie von der Präsenz der Polizei und der Sicherheitskräfte mitbekommen?

Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa (Foto: Arno Burgi)

Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa

Nicht viel. Das Vorgehen der Sicherheitskräfte war sehr dezent. Polizei und Sicherheitskräfte waren sehr freundlich, so freundlich wie selten.

Und was hat man von Protesten, die es gegeben hat, mitbekommen?

Nichts. Der Regierung lag es daran, dass alles möglichst unauffällig geschieht. Das ist gelungen.

Auch von vorher angekündigten Protesten von Organisationen wie "Sing for Democracy" hat man nichts gehört. Warum nicht?

Es gibt nun einmal keine reale Opposition in Aserbaidschan. Und das, was als Opposition präsentiert ist, ist zum Teil von der Regierung bestellt.

Der Repressionsapparat ist das eine, was ist Ihnen noch aufgefallen?

Der stumpfe, stupide Nationalismus, den man immer bei solchen Veranstaltungen sieht: überall ein Flaggenmeer. Ich habe mich teilweise gefühlt wie in den 1990er Jahren, als der Krieg gegen Armenien ausgebrochen ist. Natürlich war das alles inszeniert, doch die Menschen sind liebend gerne darauf eingegangen, "Aserbaidschan, Aserbaidschan" zu brüllen.

[Armenien und Aserbaidschan befinden sich bis heute im Kriegszustand. Zankapfel ist das Gebiet Bergkarabach. Die dortige armenische Bevölkerungsmehrheit hat sich für unabhängig erklärt, wobei das Gebiet völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört. Seit 1988 sind eine Million Menschen geflohen, rund 30.000 Menschen starben. Anm. d. Red.]

Warum ist das so? Warum sind die Menschen darauf eingegangen?

Ich glaube, das passiert jedes Mal bei solchen Veranstaltungen. Bei Fußballmeisterschaften ist das nicht anders. Es irritiert mich immer, wenn Menschen zur Flagge greifen. Aber hier war es etwas anders. Aserbaidschan ist noch im Krieg mit Armenien, es gibt so viele ungelöste Konflikte.

Ist es denn nicht auch etwas anderes, wenn das in einem demokratischen Land geschieht oder in einem totalitären?

Ich würde nicht sagen, dass das Regime so totalitär ist. Es ist umgeben von Ländern wie Dagestan, Iran und anderen. Dagegen erscheint Aserbaidschan im Vergleich wie ein relativ liberales Land. Mit Ausnahme von Georgien muss man sich schon umschauen, was dort sonst dargeboten wird.

Ein wenig wie der Einäugige unter Blinden…?

Ja, so ungefähr.

Sie sind nach Baku gefahren, weil Sie sehen wollten, wie sich die herrschende Clique um Präsident Alijew den Eurovision Song Contest inszeniert als prosperierendes, aufstrebendes und rohstoffreiches Land. Wie kam die Inszenierung bei der Bevölkerung an?

Die strahlende Siegerin von Baku: Loreen (Foto: dpa)

Die strahlende Siegerin von Baku: Loreen

Sehr unterschiedlich. Es gab sehr viele, die zufrieden waren, dass sie dabei waren, und dass das Fest in die Stadt geholt wurde. Der andere Teil sah es eher zynisch, hat es als zweiwöchiges Spektakel für die Ausländer gesehen. Bemerkenswert war auch der Umstand, dass da eine Opposition hervorgeholt wurde, um sie der Weltgemeinschaft vorzuführen, von der man aber zuvor noch nie etwas gehört hatte. Es hieß, es seien herbeigeschaffte Marionetten, damit man die Europäer zufrieden stellt.

Also eine inszenierte Opposition?

Ja, die wurde sofort hofiert und bekam Aufmerksamkeit.

Was die Inszenierung bei dem Grand Prix angeht, war besonders der singende Schwiegersohn von Präsident Alijew, der Sänger Enim, bemerkenswert, der während der Show von der Saaldecke hinabschwebte. Ist das nicht ein bisschen zuviel des Guten gewesen?

Oh nein, es gibt sogar im Internet einen Videoclip, den er gedreht hat – zusammen mit seiner Frau, der Präsidententochter. Dabei ist er ein Polizist, der eine Frau während der Verkehrskontrolle kennenlernt. Er verliebt sich und spürt sie auf, um sie für sich zu gewinnen - in Polizeiuniform und Dienstwagen. Manche sagen dazu erst gar nichts, weil sie das so lächerlich finden. Andere finden es gut.

Welche Eindrücke haben Sie von Ihren Ausflügen aufs Land gewonnen?

Präsident Ilcham Alijew (Foto: Chris Melzer)

Präsident Ilcham Alijew

Mir ist aufgefallen, dass der religiöse Einfluss auf dem Vormarsch ist. Vor allem die Rechte der Frauen gehen zurück, ihre Bewegungsfreiheit wird restriktiver. Es gibt mehr Frauen mit Kopftuch, mehr Geschäfte für den islamischen Bedarf, Supermärkte, die keinen Alkohol verkaufen. Wenn man als Frau alleine unterwegs ist, wird man begafft und angemacht. Das ist eine rückwärtige Entwicklung, die es so in der Sowjetunion nicht gab. Damals wurde der Islam unterdrückt. Jetzt ist der Islam wie eine Mode.

Woher kommt das?

Die Regierung ist laizistisch, sie will auch keine islamischen Kräfte, weil es die eigene Machtbasis untergräbt. Vieles kommt von außen: aus Pakistan, Iran, Dagestan.

Wie geht es den Menschen auf dem Land?

Auf dem Land gibt es kaum Infrastruktur. Der Wohlstand konzentriert sich auf Baku und ein paar Urlaubsresorts. Zum Teil ist die Lage desolat. Auf dem Land gibt es kaum Jobs, kein Geld und viel Hoffnungslosigkeit. Langsam werden Straßen gebaut, es gibt mehr kulturelle Events. Aber das passiert sehr langsam.