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Kultur

Wie Religion die Städte verändert

Massen von Betenden in Kairo, Mega-Gottesdienste in Lagos, Riesenfeste in Mumbai: Eine Berliner Tagung untersucht die Expansion von Städten und die zeitgleiche Zunahme religiöser Aktivitäten.

Nezar AlSayyad ist Professor der University of California in Berkeley. Als er einen Freund in seiner Heimatstadt Kairo besuchen will, traut er seinen Augen nicht. Hunderte von betenden Menschen auf der Straße versperren seinen Weg. Er geht zurück, versucht einen Umweg – das gleiche Bild. Ihm, einem nicht-praktizierenden Muslim, bleibt nichts anderes übrig, als ebenfalls seine Schuhe auszuziehen und sich geduldig zu den Betenden zu setzen, bis das Spektakel vorüber ist. Ein Grund mehr für den Architekten, Stadtplaner und -historiker, sich wissenschaftlich mit einem Thema auseinanderzusetzen, das ihn schon länger beschäftigt: die zunehmende Präsenz religiöser Gruppen im urbanen Raum.

Säkulares Leben auf dem Rückzug?

"The Fundamentalist City?" - wohlgemerkt mit Fragezeichen – heißt sein jüngstes Buch. Nicht zuletzt als dessen Autor ist AlSayyad als Referent ins Berliner Haus der Kulturen der Welt gekommen -  zur Tagung "Global Prayers", die Teil eines gleichnamigen internationalen Forschungsprojekts ist. Für AlSayyad ist die rasante Zunahme religiöser Aktivitäten in den Städten eine bedrohliche Entwicklung: "Ich glaube, dass die säkularen Gesellschaften weltweit nicht nur mit dieser wachsenden Religiosität fertig werden müssen, sondern dass sie schon darum kämpfen müssen, Teile des urbanen Lebens – als säkulares Leben - zu erhalten."

A girl looks up as thousands pray during Friday prayers in Tahrir square in Cairo, Egypt, Friday Feb. 18, 2011. (AP Photo/Khalil Hamra)

Freitagsgebet in Kairo

Beispiele, die das Forscherteam untersucht hat, geben ihm recht: In Jakarta etwa haben junge Muslime das Prinzip des Flashmobs für sich entdeckt. Im Handumdrehen entstehen Multimedia-Spektakel im öffentlichen Raum, ganze Verkehrs-Achsen werden blockiert – im Nahmen Allahs. Doch es sind nicht nur Muslime, die zu Hunderten oder Tausenden öffentlich ihrer Frömmigkeit Ausdruck verleihen.

Am Juhu Beach von Mumbai haben hinduistische Einwanderer aus Nordindien mit der Chhath-Puja ein Fest importiert, das regelmäßig rund zwei Millionen Menschen zusammenbringt. Dieses uralte Fest zu Ehren des hinduistischen Sonnengottes ruft unter den restlichen zehn bis 16 Millionen Einwohnern – ebenfalls Hindus – Widerstand hervor; zumal das religiöse Fest inzwischen politische und ökonomische Komponenten hat: Die Zuwanderer zählen zu den Benachteiligten in der Mega-Stadt und schaffen sich mit den Mitteln der Religion eine urbane Plattform, auf der sie wahrgenommen werden, erklärt der Mumbaier Soziologe George Jose. Doch in der Augen der Mehrheit seien sie "die anderen, die schmutzig sind und die Stadt schmutzig machen“.

Video ansehen 01:58

Surabhi Sharma: The Enactment of Exile in Migrant Mumbai


 

Religiöse Gemeinden als Jobcenter

Die massenhafte Frömmigkeit fällt in den seltensten Fällen vom Himmel. Migration und wucherndes Wachstum von Städten führen offenbar rasch zur Expansion religiöser Kräfte. Keine urbane Infrastruktur kann es bewältigen, wenn sich in kurzer Zeit die Einwohnerzahl einer Stadt vervielfacht. So entstehen Defizite, die zumindest in Teilen von religiösen Bewegungen aufgefangen werden. Kulturanthropologe Werner Schiffauer, der das Forschungsprojekt "Global Prayers" als Professor der Viadrina Universität Frankfurt/Oder akademisch betreut, sieht indes einen gravierenden Unterschied zu alten linken, vom Klassenkampf geprägten Bewegungen: "Die religiösen Bewegungen stiften Milieus über die religiösen Gemeinden, in denen sich verschiedene Klassen zusammenfinden. Das macht ihren Reiz gerade auch für Stadtmigranten aus", erklärt er. "Es erlaubt ihnen, den Wert der Gemeinschaft mit individuellem Fortschritt zu verbinden. Wenn man neben jemandem betet, der wohlhabend ist, bedeutet das eine Vernetzung in bestimmte Kreise, Zugang zu Jobs oder zu Wohnungen."

Diese Diagnose dürfte auch für einen urbanen Moloch wie das nigerianische Lagos zutreffen, wo christliche Gottesdienste der Pfingstkirchen zu Mega-Messen mit Hunderttausenden, mitunter mehr als einer Million Teilnehmern werden. Für Johannes Ismaiel-Wendt, als wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Haus der Kulturen der Welt am "Global-Prayers"-Forschungsprojekt beteiligt, eine spektakuläre Erfahrung. "Diese Kirchen nehmen Stadtraum auch durch Lautstärke ein", sagt er. "Wenn eine Million Leute 'Halleluja' rufen, dann produziert das einen Gänsehaut-Effekt, ob man will oder nicht. Das ist Wahnsinn!"

"Alles ist im Wort Gottes"

Megaphon mit Aufschrift Jesus will come soon (Lagos, 2010) © Stephan Lanz Bild zum Thema Global Prayers - vom Presseserver des Hauses der Kulturen der Welt Berlin anlässlich der Konferenz GLOBAL PRAYERS zugeliefert von Aya Bach 3/2012

Warten auf Jesus in Lagos

Zur Sogkraft der Pfingstkirchen trägt auch der Gospel-Rapper Protek bei, der aus Lagos nach Berlin gekommen ist. Standesgemäß ausstaffiert mit cooler schwarzer Brille, ist er glühender Christ und steuert Musik zum Gottesdienst bei. Er selbst verdankt der Kirche viel, nun gibt er es an andere weiter: "Wir kümmern uns um Waisenkinder, wir bringen sie in die Kirche, wir geben ihnen Erziehung und Bildung." Und seine Rap-Partnerin Special Agent Snypa ergänzt: "Mein Pfarrer sagt immer: 'Alles, was du im Leben brauchst, ist im Wort Gottes enthalten.' Darum lehren wir die Kinder erst das Wort Gottes, dann sorgen wir dafür, dass sie sauber sind und schicken sie zur Schule. Wir geben ihnen auch zu essen und ein Dach über dem Kopf."

Die Pfingstkirchen werden immer stärker. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA entstanden, sind sie inzwischen vor allem in Afrika und Lateinamerika auf dem Vormarsch und unterhalten mitunter stadtähnliche Gebilde mit eigenen Schulen, Krankenhäusern und Universitäten, mit Wohnhäusern, eigener Stromversorgung und Müllabfuhr. Dinge, an denen Staaten in Entwicklungsländern häufig scheitern. Meist vertreten sie eine erzkonservative Sexualmoral - gegen Homosexualität, außerehelichen Geschlechtsverkehr und Benutzung von Kondomen – sowie andere radikale Positionen bis hin zur Ablehnung der Evolutionstheorie.

Integration durch Öffentlichkeit

Solcher Fundamentalismus beschränkt sich indes nicht auf Afrika oder Lateinamerika. Berkeley-Professor AlSayyad erinnert an die Erfolge des republikanischen "Jesus"-Kandidaten Rick Santorum im US-Wahlkampf. Mehr noch, der Fundamentalismus hat für ihn über die Religionen hinweg übereinstimmende Merkmale: neben rigider Sexualmoral etwa strenge Kleidungsvorschriften und eingeschränkte Rechte für Frauen. Darin, so AlSayyad, seien sich etwa ultraorthodoxe Juden und strenge Muslime ähnlicher, als ihnen lieb sein dürfte. Und er verweist auf die Vorfälle im israelischen Beit Shemesh, wo vor einiger Zeit ein Mädchen angespuckt und eine Frau mit Steinen beworfen wurde, weil sie rigorosen Kleidungs-Ansprüchen nicht genügten.

Ultra-Orthodox Jewish men gather around a sign that reads in Hebrew: Women are asked not to linger in this area outside a synagogue in the central Israeli town of Beit Shemesh, Monday, Dec. 26, 2011. The story of an 8-year-old American girl that has unwittingly found herself on the front line of Israel's latest religious war, drew new attention to the religious tensions in Beit Shemesh, a city of some 100,000 just outside Jerusalem, which has become a symbol of the growing violence of Jewish extremists in Israel in recent years. (Foto:Oded Balilty/AP/dapd)

"Frauen raus": Ultraorthodoxe Juden in Beit Shemesh

Ist die Welt also auf dem Weg in die "Fundamentalist City"? Ist das säkulare urbane Leben, das bislang besonders in weiten Teilen Europas als Normalfall erscheint, in Gefahr? Einen Bedeutungsgewinn der Religionen sieht auch der Kulturanthropologe Schiffauer – am wenigsten allerdings in Deutschland. "Das wird im globalen Maßstab zu einer Ausnahme, auch im Vergleich zu den USA. Ich sehe zwar ein Stärkerwerden religiöser Stimmen, aber auch eine dynamische Entwicklung in diesen religiösen Kreisen". Dazu gehört für ihn auch, dass Muslime in Deutschland stärker an die Öffentlichkeit gehen. Doch es sei völlig falsch, sich davor zu fürchten: "Ich sehe dem sehr gelassen entgegen, denn das bedeutet auch ein Herausgehen aus dem Insel-Dasein. Ich sehe darin einen Integrationsprozess in die Gesellschaft."

Autorin: Aya Bach
Redaktion: Birgit Görtz

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