1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Wie Politsymbole zum Trendartikel werden

Erst Protest, dann Mode. Die Anti-Atomkraftsonne gibt es bereits als Poster der Jugendzeitschrift BRAVO. Damit ist der Sonne passiert, was andere Symbole schon hinter sich haben: Sie ist auf dem Massenmarkt angekommen.

Anti-Atomkraft-Sticker (Foto:

Da haben die "Bravo"-Leser nicht schlecht gestaunt, als sie das Heft Nr. 13/2011 aufklappten: Anstelle des üblichen Popstarlächelns leuchtete ihnen eine große Antiatomkraftsonne entgegen. Nach mehr als 55 Jahren ist die Politik damit auch in der "Bravo" angekommen. Die Jugendzeitschrift erzählt seit Jahrzehnten Geschichten über Popstars, bringt Jugendmode und gibt natürlich Lebenshilfe in Sachen Liebe, Sexualität und Gefühlschaos. Aber nur ein einziges Mal hat die "Bravo" bis jetzt einen Politiker auf einem Poster abgebildet: Barack Obama, nach seiner Wahl zum US-Präsidenten im Jahr 2008. Aber das zählt irgendwie nicht, weil Obama ja auch so etwas wie ein Popstar ist.

Titelblatt der Ausgabe 13/2011 des Jugendmagazins Bravo (Foto: Bauer Verlag)

Ein wenig suchen muss man schon.

Jetzt, nach der Atomkatastrophe von Fukushima, ist alles anders. "Verstanden" hat offenbar nicht nur Guido Westerwelle, der die FDP zum Atomausstieg bewegen will. Verstanden hat - so scheint es - auch "Bravo"-Chefredakteur Philipp Jessen: "Mit dem Poster sprechen wir unseren Lesern aus dem Herzen. Sie sind die Generation, die mit den Folgen unserer heutigen politischen Entscheidung Pro oder Contra Atomkraft leben müssen." Wird die "Bravo" jetzt doch politisch?

Ein Symbol macht noch lange keine Politik

Der Soziologe Florian Heßdörfer beschäftigt sich mit politischer Philosophie an der Universität Leipzig. Er will das Ganze nicht überbewerten: "Dass in der Bravo die schmale Rubrik 'kleine und große Weltübel' ihren festen Platz hat, ist zunächst nichts Neues“, so Heßdörfer. Diese Aktion sei aber ein gutes Beispiel dafür, wie dieselben Symbole im Laufe der Zeit ihren Status wechseln. "Zu einem Zeitpunkt, da aus gegebenem Anlass selbst die Bundesregierung gezwungen ist, die Atomkraft als ein unkalkulierbares Risiko zu sehen, geraten Anti-Atomkraft-Symbole ja beinahe ins Umfeld des Staatstragenden."

Jassir Arafat mit seiner typischen Kopfbedeckung (Foto: ap)

vom palästinensischen Befreiungssymbol...

So sind ein paar Sticker also nicht der Ausdruck ernsthafter politischer Gedanken. Der Soziologe ist überzeugt: "Wenn junge Menschen jedoch längerfristig ihr Unbehagen am Umgang mit solchen Technologien erhalten, werden sie nicht umhin kommen sich Fragen zu stellen nach den Wurzeln unseres immensen Energiebedarfs, nach den Ländern, die ihre Rohstoffe dafür verkaufen und den Dingen, die wir damit überhaupt anstellen."

Das Pali-Tuch gibt' auch in Pink

Bis jetzt ist die Anti-Atomkraftsonne also vor allem trendy. Und reiht sich damit ein, in die Riege anderer Protestsymbole, die das schon erlebt haben. Ein schönes Beispiel ist das Palästinensertuch. Populär wurde es durch den PLO-Chef und späteren Palästinenserpräsidenten Jassir Arafat. Er hat es immer getragen, ob vor den Fernsehkameras oder bei allerhöchsten Staatsbesuchen. Als Befreiungssymbol wurde es in den 1980er Jahren auch gerne in Deutschland um den Hals geschlungen, vornehmlich von eher linksgerichteten und alternativen Jugendlichen, aber auch bei Linksautonomen bis hin zur Punkszene.

Palästinensertuch Kopfkissen (Foto: Starstyling.net)

...zum Kissenbezug eines Berliner Modelabels

Doch gute zwanzig Jahre später tauchte das Tuch bei einer rechtsradikalen Demonstration in Berlin auf. Wie konnte das passieren? Ganz einfach: Die Rechtsradikalen verstehen sich auch als Revolutionäre. So ist ihnen auch jedes Symbol recht, das in irgendeiner Form etwas Umstürzlerisches verkörpert. Die Bedeutung des Palästinensertuchs wird hier für eigene Zwecke interpretiert: Bekanntlich sind Palästinenser und Israelis nicht die besten Freunde und so kann ein Nazi, nach seiner eigenen Interpretation, das Tuch auch als Ausdruck seines Antisemitismus einsetzen. Eine pragmatische Lösung.

Mit der Mode fällt die politische Verpflichtung weg

Schlussendlich hat dann auch die Massenmode das karierte Tuch für sich entdeckt. Vor gut zwei Jahren tauchte es wieder verstärkt auf: in Modehausketten, als stylishes Sofakissen, an den Hälsen verschiedenster Prominenter bis hin zu Filmstar Johnny Depp und Stilkone Sarah Jessica Parker, die das Tuch als Carrie Bradshaw in der Serie "Sex and the City" spazieren trug. Das einstige Symbol der palästinensischen Befreiungsbewegung, die Kufiya, ist somit zum chicen Accessoire für Fashionvictims geworden. Für den Soziologen Florian Heßdörfer ist das ein ganz normaler Prozess: "Politische Symbole werden dann modefähig, wenn sie innerhalb des Zeichenspiels der Mode gut funktionieren."

Ernesto Che Guevara, Kuba (Bild: ap)

Che Guevaras entrückter Kämpferblick

Während man aber ein modisches Statement je nach Lust und Laune einsetzen kann - nach dem Motto: "Heute ist mir nach 70ies, morgen hole ich mein Jil Sander Kostüm aus dem Schrank" - kann man seine politische Überzeugung nicht so oft und schnell wechseln ohne unglaubwürdig zu werden. "Wenn also ein politisches Symbol in den Modekontext wechselt, markiert es zwar einen Unterschied zu anderen modischen Entscheidungen", so Heßdörfer, es verliere jedoch jenen Verpflichtungscharakter, den es im engeren politischen Kontext ausmacht.

Revolutionsromantik als Massenware

Neben verschiedenen Symbolen werden gerne auch Personen für politische Aussagen herangezogen. Ernesto "Che" Guevara zum Beispiel, der kubanische Guerillakrieger, glühender Bekämpfer des Imperialismus, Befreier Kubas: Immer noch wird er verehrt. Sein Konterfei ziert seit Generationen die T-Shirts, Mützen und Plakate protestierender Jugendlicher: Der leicht entrückte Blick in die Freiheit sagt eben mehr als 1000 Worte. Keine Greenpeace-Aktion, kein Attac-Meeting, keine Großdemo ohne Che Guevaras Gesicht.

Der Sänger Mellow Mark (Foto: dpa)

Mellow Mark will mehr als nur "Che"-T-shirts

Der Hamburger Rastaman Mellow Mark glaubt daran, dass Guevaras Geist allgegenwärtig ist. Er singt für den Traum, gemeinsam die Welt und das Leben zu verbessern. In seinem Song "Revolution" heißt es deswegen: "Revolte heißt mehr als Che Guevara auf T-shirts." Damit ist Mellow Mark auf keinen Fall mit Menschen wie dem Model Gisele Bündchen auf einer Linie, das sich unlängst mit einem Che-Bikini ablichten ließ. Auch nicht mit Schauspieler Johnny Depp und Popsänger Robbie Williams, die das Symbol der Revolutionäre und Befreiungskämpfer auf einem T-Shirt oder Hut mit sich herumtragen.

Aber hier schließt sich dann der Kreis: Popstars tragen politische Symbole zur (Moden-)schau. Die "Bravo" zeigt dann ein Foto von Robbie mit Che-Käppi. Das wollen die Fans dann auch haben. Sie fragen nicht nach Sinn und Bedeutung des Symbols, sondern nach dem Verkaufsstart bei H&M. Sie ziehen es an, weil es cool aussieht. Nicht mehr und nicht weniger.

Autorin: Silke Wünsch

Redaktion: Marlis Schaum

WWW-Links