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Geschichte

Wie Polen sein jüdisches Kulturerbe wiederentdeckt

Jahrzehntelang wurde in Polen nicht über die jüdische Geschichte des Landes gesprochen. Jetzt entdeckt man sie neu: Mit Festivals, Ausstellungen, einem jüdischen Museum - und mit Debatten über Antisemitismus.

Es ist das sichtbarste Zeichen für die Wiederentdeckung des jüdischen Kulturerbes: Das kürzlich eröffnete Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau. Auf dessen Internetseite kann man seit kurzem ein einzigartiges Projekt sehen - ein virtuelles Schtetl.

Schtetl - so nannten die osteuropäischen Juden ihre Stadtteile in der eigenen Sprache, auf Jiddisch. In sieben Sprachen präsentiert das Museum viele Ortschaften und macht die Spuren des jüdischen Lebens erfahrbar. Eine Schatzgrube für Historiker, aber auch für alle, die nach Familienwurzeln suchen. "Bei uns melden sich immer mehr Menschen aus Deutschland, die kein Polnisch oder Hebräisch können. Für sie ist das Sprachangebot eine große Hilfe", sagt Zygmunt Stępiński, stellvertretender Direktor des Museums der Geschichte der Juden in Polen.

'The Black Wedding in the Cemetery in Opatów' im Museum der Geschichte der Juden in Warschau, gemalt: 1892 (Copyright: Barbara Kirshenblatt-Gimblett)

Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte die jüdische Kultur in Polen eine jahrhundertlange Tradition

Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in Polen 1500 Schtetle mit lebhaften jüdischen Gemeinden, die über eigene Gerichtsbarkeit und ein Schulsystem verfügten. Katarzyna Weintraub, Publizistin aus Berlin hat die Geschichte polnischer Schtetl erforscht und darüber ein Buch geschrieben. "Die meisten Juden lebten in großen Gruppen, was vor allem religiöse Gründe hatte. Über Jahrhunderte prägten sie vielerorts das Stadtbild und schufen eine einzigartige Kultur."

Spurensuche

Chmielnik im Südosten Polens war einmal ein typisches Schtetl. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren 80 Prozent der einst 12.000 Bewohner Juden. Mit dem Holocaust verlor Chmielnik diese Identität. "1942 kamen die Deutschen und brachten die Juden ins Ghetto nach Sandomierz. Man muss sich einmal vorstellen, was mit einer Stadt passiert, die innerhalb von zwei Tagen 80 Prozent der Bevölkerung verliert", sagt Katarzyna Weintraub. Davon hat sich Chmielnik bis heute nicht erholt. Zumal die Tragödie jahrzehntelang tabuisiert wurde.

Die Synagoge von Chmielnik im Jahr 2013 (Foto: Krzysztof Bielawski)

Jüdische Kultur wird langsam wieder präsent: Die Synagoge von Chmielnik im Jahr 2013

Nach Kriegsende kehrten die meisten der fast 200.000 Überlebenden des Holocaust Polen den Rücken zu. Viele wanderten unmittelbar nach 1945 aus, weil der Antisemitismus in der polnischen Bevölkerung deutlich spürbar war. Die letzte große Emigrationswelle kam 1968. Nach einer antijüdischen Kampagne der kommunistischen Regierung verließen rund 30.000 polnische Juden das Land.

Der verdrängte Antisemitismus

Erst Anfang der 90er Jahre, gleich nach dem Fall des Kommunismus, begann in Polen eine öffentliche Debatte über diese Vergangenheit. Neben Antisemitismus begann man auch über das jüdische Kulturerbe polnischer Städte und ihre verlorene Identität zu sprechen. So geschah es auch in dem kleinen Chmielnik, wo man plötzlich mehr über die Geschichte erfahren wollte. Inzwischen ist dort jüdische Kultur wieder präsent, auch in Form von jüdischen Tagen, zu denen jedes Jahr Tausende Gäste aus dem In- und Ausland kommen.

Eine Gruppe polnischer Juden wird 1943 von deutschen SS-Männern deportiert (Foto: AP)

Häufig das einzig bekannte Ereignis jüdisch-polnischer Geschichte: Der Aufstand im Warschauer Ghetto im Frühjahr 1943 - und sein blutiges Ende

Bogdan Białek aus Kielce - der Hauptstadt der Wojewodschaft, in der Chmielnik liegt, meint, dass der Event-Charakter die Aufarbeitung der Geschichte wenig fördere. In seiner Stadt engagiert sich Białek seit mehr als 20 Jahren für eine reflektierte Aufarbeitung der Vergangenheit. Kielce ist bekannt als der Ort, an dem es noch kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges zu einem furchtbaren jüdischen Pogrom kam. An einem warmen Julitag des Jahres 1946 brachte eine aufgebrachte Menschenmeute 42 Menschen um, Hunderte wurden verletzt. Neun Täter wurden zum Tode verurteilt, doch darauf folgte jahrzehntelanges Schweigen.

Tabubruch

Als Bogdan Białek Anfang der 1990er Jahre über das Pogrom zu sprechen begann, bekam er starken Gegenwind zu spüren. Der Psychologe und Journalist leitete damals die Kielcer Lokalausgabe der Zeitung "Gazeta Wyborcza". Was er damals über die schmerzvolle polnisch-jüdische Vergangenheit publizierte, war bis dahin nirgendwo zu lesen. Er trat eine Debatte los.

Das Ehrenmal für die Aufständischen im Warschauer Ghetto: (Copyright: imago/Eastnews)

Das Ehrenmal für die Aufständischen im Warschauer Ghetto: Lange Zeit einer der wenigen Erinnerungsorte jüdischer Geschichte

Białek und seine Redaktion erhielten Drohbriefe, doch sie machten weiter. Der Einsatz habe sich gelohnt, findet er nach Jahren und sagt, dass heute die Erinnerungskultur fest im öffentlichen Bewusstsein der Stadt verankert sei - es gibt Stiftungen, Denkmäler, einen Jugendaustausch mit Israel und jüdisch-christliche Begegnungstage. Nur fürs "Wiederbeleben" des jüdischen Lebens sei es zu spät, meint er, denn dafür fehle das Wichtigste: Juden, die ihre Tradition leben wollten. "Es sind nur einzelne Personen, die heute in Kielce leben, aber sie legen keinen Wert auf die Tradition. Dieses kulturelle Erbe ging hier für immer verloren."

Mehr Tradition in großen Städten

Besser sieht es in Großstädten aus, wo jüdische Gemeinden wieder wachsen. Beispiel Warschau: Zygmunt Stępiński vom Museum der Geschichte der Juden in Polen sagt, dass immer mehr Menschen ihre jüdische Religion annähmen und sich in der Gemeinde engagierten. "Sie gehen in die Synagogen, ihre Kinder besuchen das jüdische Gymnasium, sie lernen jiddisch und hebräisch. Man sieht, dass sie ihre Familientradition neu entdecken und pflegen", sagt Stępiński.

Museum der Geschichte der Polnischen Juden in Warschau (Foto: DW/Rosalia Romaniec)

Das Museum der Geschichte der Juden in Polen eröffnete im April 2013

Sein Museum hat dabei eine wichtige Symbolwirkung. Es steht mitten auf einem großen Platz, in der Arbeitersiedlung Muranów. Vor dem Zweiten Weltkrieg war hier das jüdische Viertel mit 350.000 Einwohnern. 1940 sperrten die NS-Besatzer es ab und errichteten dort ein Ghetto. Nach seiner Auflösung und der Niederschlagung des Ghettoaufstandes im Mai 1943 glich der einstige Bezirk einer Wüste. In den 50er Jahren ließen dort die kommunistischen Machthaber eine Arbeitersiedlung errichten. An die jüdische Vergangenheit erinnerten über Jahrzehnte nur zwei Orte: Das Denkmal für die Aufständischen im Warschauer Ghetto und der frühere Umschlagplatz, von dem die Menschen in die NS-Vernichtungslager deportiert wurden. Heute ist die Geschichte des Viertels erfahrbarer geworden: Es gibt eine Gedenktafel, Denkmäler, Spazierwege, jüdische Buchhandlungen, eine Synagoge und vor allem das Museum.

Krystyna Budnicka (Foto: DW/Rosalia Romaniec)

Krystyna Budnicka ist froh, dass es endlich ein Museum gibt, das an die jüdische Geschichte Polens erinnert

Darauf haben die wenigen Überlebenden des Holocaust lange gewartet. Auch Krystyna Budnicka, die unweit des Gebäudes wohnt. Sie ist erfreut darüber, dass das Museum die Geschichte der Juden in Polen nicht auf den Holocaust verkürzt, sondern die tausendjährige Tradition zeigt. "Es ist gut, dass junge Leute endlich erfahren, wie eng die jüdische und polnische Kultur über Jahrhunderte miteinander verwoben waren. Heute weiß kaum jemand, wie viele hervorragende Persönlichkeiten Polens - Dichter, Komponisten, Wissenschaftler - auch Juden waren", sagt sie. Budnicka und viele andere möchten, dass die gemeinsame Geschichte wieder ins gesellschaftliche Gedächtnis zurückkehrt. So schmerzvoll die Debatte darüber auch ist.

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