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Fußball

Wie Neonazis den Fußball missbrauchen

Es ist kein neues, doch immer noch ein aktuelles Thema: Rechtsextreme nutzen den Sport für ihre Zwecke. Sie gründen Vereine oder verbreiten als Jugendtrainer oder Schiedsrichter ihre Ideologien in den Amateurligen.

Rechtsextreme Fans in Cottbus. Foto: dpa-pa

Volksverhetzung im Stadion

Fußball ist populär. Fußball ist Deutschlands Sportart Nummer eins. Fußball erreicht die Massen. Und so kokettiert so manch ein Politiker damit. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel machte bei der Fußball-WM 2006 medienwirksam mit. "Deshalb machen das auch Neonazis", sagt Ronny Blaschke. "Aus deren Sicht ist das völlig nachvollziehbar." Blaschke ist Journalist und hat ein Buch geschrieben: "Angriff von Rechtsaußen – Wie Neonazis den Fußball missbrauchen". Dabei konzentriert er sich nicht auf die Profiligen, denn dort sind offensichtlich rechtsextreme Erkennungsmerkmale wie das SS-Zeichen oder das Hakenkreuz verboten. Dennoch kam bei den Untersuchungen verschiedener Fußballvereine und deren Umfeld in Ost-, aber auch in Westdeutschland Erschreckendes zutage: Deutschlands Fußball hat ein Problem – vor allem in den unteren Ligen. Man muss nur genau hinschauen.

"Neonazis kann man nicht mehr erkennen"

Mitglieder der rechtsextremistischen NPD marschieren durch die Rostocker Innenstadt. (Foto: Jens Büttner dpa/lmv)

Die Ideologien werden heute subtiler vermittelt.

Bomberjacke, Glatze, Springerstiefel – das war einmal, stellt Blaschke klar. "Neonazis kann man nicht mehr so richtig erkennen. Und im Fußball kommt das zum Ausdruck." Denn dort bekennen sich Rechtsextreme über verschlüsselte Codes oder bestimmte Symbole zu ihrem Gedankengut. So werden bestimmte Kleidermarken bevorzugt, das Logo des Vereins durch den Reichsadler erweitert oder auch mit einer ganzen Gruppe im Fanblock bei einem Amateurspiel ein "menschliches" Hakenkreuz gebildet. Auch bestimmte Zahlen, zum Beispiel auf dem Trikot können eine Botschaft sein. Zum Beispiel die Zahl 88. "Das kann das Alter der Oma sein oder das Geburtsjahr des Sohnes. Es kann aber auch der Hitlergruß sein: Der achte Buchstabe im Alphabet ist das "H" – also Heil Hitler." Gleiches gilt für die Zahlenkombination 1 und 8 – also der erste und der achte Buchstabe des Alphabetes und damit die Initialen Adolf Hitlers.

An den Fußball lässt es sich prima andocken

Fußball zieht die Massen an. Von der Kreisliga bis hoch in die Bundesliga. Zudem bietet die Struktur bei Fanorganisationen wie zum Beispiel den "Ultras" Anknüpfungspunkte für rechtsextreme Gruppen: Auch in den Fanklubs sind meistens junge Männer aktiv, die sich hierarchisch organisieren und für die ihr Fußballverein viel mehr bedeutet als nur eine Freizeitbeschäftigung. "Oft habe ich von Fußballfans das gleiche Vokabular gehört wie von NPD-Funktionären", berichtet Blaschke. "Ehre, Zusammenhalt, Heimat, Treue. Lässt sich also wunderbar vereinbaren, kann man ganz leicht andocken."

Ähnliches hat auch Andreas Schmidt beobachtet. Er ist Diplom-Sozialarbeiter und arbeitet beim Kölner Fanprojekt. Fußball sei immer auch Gegnerschaft und Abgrenzung zu anderen schaffen. "Pöbeleien im Fußball sind Standard. Es ist immer nur die Frage, wie gepöbelt wird." Wer einmal in einer Fankurve stand oder ganz genau hingehört hat bei vielen Fangesängen weiß, wovon Schmidt spricht. Da werden auch ehemalige Idole, die einst für den Lieblingsverein aufliefen und dann zum Erzrivalen der Liga gewechselt sind, als "Zigeuner" bezeichnet. Auch Homophobie und andere Hetzereien gegen einzelne Gruppen sind durchaus üblich. Als Teil der anonymen Masse in einer Fankurve kommen einem rassistische Vorurteile und Diffamierungen nur zu leicht über die Lippen.

Gefahr im Umfeld der Amateurvereine

Vor allem im Amateursport hat Blaschke wiederholt beobachtet, dass Rechte die Fanszene unterwandern oder sich sogar in vermeintlich sozialer Arbeit ehrenamtlich betätigen. Als zuverlässiger Jugendtrainer oder auch als Schiedsrichter. Der Fußball bietet die ideale Bühne im Vergleich zu anderen Sportarten. "Das gibt es im Basketball und im Handball auch, aber es ist nicht so gewachsen und mit Tradition und Kultur behaftet", erklärt Blaschke. Im Amateursport könne ein Neonazi oder ein NPD-Funktionär auch Schwimmtrainer sein, das gebe es auch. "Im Eishockey habe ich schon Ähnliches gehört, aber es ist nicht gang und gäbe."

Blaschke bringt viele Einzelbeispiele, bei denen deutlich wird, dass heute viel subtiler geworben wird als früher und dass sich Fußball und Politik nicht trennen lassen, auch wenn das viele Fußballfans nicht wahr haben wollen. So profitierte der Anführer einer Ultra-Bewegung, der bei der Stadtratwahl für die NPD kandidierte und die lokale Presse keinerlei Werbungsmöglichkeit bot, von Plakaten, die in den Vereinsfarben seines Fußballvereins gehalten waren. Gerade der Fußball bietet eine große Bühne für politische Botschaften. So werden von Rechten "Fußball-Gedenkturniere" organisiert, die ausschließlich in der Szene abgehalten werden und die Solidarität stärken.

Fanprojekt gegen Rechts

Springerstiefel eines Teilnehmers einer Demonstration der rechten Szene. (Foto: Bernd Thissen dpa/lnw)

Sprechen eine deutliche Sprache: Springerstiefel

Das Kölner Fanprojekt engagiert sich mit unterschiedlichsten Aufklärungskampagnen und Fahrten zu Gedenkstätten gegen den Rechtsextremismus und auch sonst gibt es in Deutschland viele kleine Initiativen, die sich an die Jugendlichen richten. Das antifaschistische Pressearchiv Berlin unterstützt viele dieser Initiativen und klärt auf. Über die verschiedenen Embleme und Kodierungen. Das Problem ist kein neues, doch getan wird noch zu wenig. Und einfach ist es auch nicht, denn schon mit der Definition fängt es an: Was ist eigentlich "rechts" und wer genau ist rechtsextrem? Man sollte mit großer Vorsicht urteilen, wenn es zum Beispiel um Hooligans, Skinheads oder Ultrafans geht, warnt Blaschke. "Es ist alles sehr schwer zu entschlüsseln. Man muss sich die Mühe machen und es auseinanderdeklinieren."

Autorin: Olivia Fritz
Redaktion: Wolfgang van Kann

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