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Asien

Wie Muslime in Xingiang ihren Glauben leben

Peking hat die Kontrollen gegenüber Muslimen in Xinjiang verschärft. Das stößt bei den Gläubigen auf Unverständnis. Denn sie sehen ihre Religion als positive Kraft für sich und die Gesellschaft.

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Der islamische Glaube ist der chinesischen Regierung suspekt

Durch Lautsprecher erklingt der Ruf zum Nachmittagsgebet in einer Moschee in Xinjiangs Hauptstadt Urumqi. Man richtet sich nach der Gebetszeit in Mekka. Verwalter Ma Jianguo öffnet das Eisentor. Vereinzelt betreten oft bärtige Männer in weißen Hemden den Innenhof der Moschee. Auch viele junge Gläubige sind unter ihnen. Der 70-jährige Ma meint, ihre Motivation zu kennen: "Die denken so: wenn ich jeden Tag Geschäfte machen, Alkohol trinke, rauche und nicht Allah annehme, dann wird Allah mich bestrafen, mein Geschäft wird dann vielleicht auch nicht so gut laufen", sagt er. Das aber sollte nicht der wahre Kern des Glaubens sein, so Ma. Es gehe um viel mehr als um materielle Dinge.

China Frau mit Kopftuch in Xinjiang

Das Kopftuch ist kein Muss für Musliminnen in Xinjiang

Modernes Islamverständnis

Sein Misstrauen gegenüber der Jugend ist verständlich. Denn längst ist auch unter jungen Muslimen in Urumqi die Moderne eingekehrt: Sie richten ihr Leben nicht mehr nur nach dem Islam aus. Viele von ihnen hören westliche Musik und tragen westliche Kleidung. Sie haben einen Freund oder eine Freundin. Junge Frauen, die Kopftücher tragen, sind in der Minderheit. Dennoch spielt der Glaube eine besondere Rolle in ihrem Leben. Die Kasachin Alwina hat gerade ihr Wirtschaftstudium an der Xinjiang-Universität beendet. Nun jobbt die 24-Jährige den Sommer in einer Kneipe. Sie trägt Jeans, eine hellgrüne Bluse und hat die Haare mit einem bunten Tuch zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Zum Islam hat sie ein pragmatisches, aber dennoch inniges Verhältnis. "Obwohl ich manchmal nicht bete oder nicht zum Gottesdienst gehe, hat der Glaube doch einen wichtigen Platz in meinem Herzen", sagt sie.

Früher habe sie noch gedacht, sie könne nur einen Muslim heiraten. Mittlerweile sieht Alwina das anders. Der Glaube soll die Liebe nicht einschränken. Doch was würde ihre Familie zu einem nicht-muslimischen Freund sagen? Die junge Kasachin zuckt mit den Schultern. Momentan stelle sich das Problem nicht: ihr Freund sei Kasache und Muslim.

China Jahrestag Unruhen in Xinjiang Moschee Freitagsgebet in Urumqi

Wer die Universität besucht, darf nicht in der Öffentlichkeit beten - auch nicht in der Moschee

Beten verboten

Etwas anders sieht es die uighurische Studentin Alina: Zwar trägt auch sie wie Alwina kein Kopftuch mehr. Aber in manchen Fragen will sie sich über Glaubensvorschriften nicht hinwegsetzen. Einen Nicht-Muslimen würde sie nie heiraten. Und sie berichtet von weiteren Problemen, die sich aus Glauben ergeben. Neben Minderjährigen und Staatsdienern dürfen auch Universitätsangehörige nicht die Moschee besuchen. Ein solches Hinweisschild findet sich an vielen Gebetshäusern. Und auch innerhalb der Universität – selbst im Schlafsaal - sind religiöse Handlungen wie das Beten verboten. Wer erwischt wird, fliegt. Für Alina ist dieses Verbot unverständlich. "Ich weiß auch nicht, warum sie uns das Beten verbieten", sagt sie. "Sie denken, dass ist Zeitverschwendung. Die Gebete stehlen uns Zeit."

Antireligiöse Propaganda

Das Gebetsverbot für Universitätsangehörige gilt schon lange. Nach den Unruhen des 5. Juli 2009 hat die chinesische Regierung eine Reihe weiterer Verbote erlassen: Moscheen dürfen nicht mehr unterrichten, Tore müssen außerhalb der Gebetszeiten schließen. Und an allen großen Gebetshäusern in Urumqi hängen propagandistische Spruchbänder: "die Einheit der Ethnien bewahren" steht darauf, oder: "separatistische Tendenzen unterdrücken". Moscheeverwalter Ma findet das unpassend. Schließlich sei man ja eine religiöse Stätte und keine politische Verwaltungseinheit: "Ich würde die Spruchbänder auch gerne abnehmen, aber ich traue mich nicht. Wenn ich das mache, dann werden sie fragen: warum nimmst Du solch gute Sachen vom Staat, so gute Propaganda, ab?", erklärt er.

China Jahrestag Unruhen in Xinjiang Polizei in Urumqi

Bewaffnete Sicherheitskräfte patroullieren jeden Freitag vor den Moscheen

Regelmäßige Kontrolle

Jeden Freitag kommen Kader von der Bezirksregierung und die zuständigen Beamten des Religionsbüros in die Moschee, erzählt Ma. Der Imam müsse dann vor dem Gottesdienst die Anwesenden rund eine Viertelstunde belehren: sie sollten nicht mehr hitzköpfig Rabatz machen. Das Wichtigste sei jetzt der Zusammenhalt.
Die religiösen Repressalien gehen weit über das hinaus, was Peking als Terrorismusbekämpfung bezeichnet. Sie greifen in das alltägliche Glaubensleben Einzelner ein. Dabei haben insbesondere die Uiguren ein überwiegend liberales Verständnis des Islam. Extremistische Schulen des Islam sind in Xinjiang wenig verbreitet. Uigurische Wissenschaftler stellen fest, dass nach den Unruhen im vergangenen Jahr mehr Uiguren sich wieder verstärkt dem Glauben zuwenden. Die Mehrzahl folgt der sunnitischen Strömung. Peking sollte vorsichtig sein: Wenn die Regierung weiter so rigoros bleibt, könnte dies schon bald ganz anders aussehen.

Autor: He Zhiyong
Redaktion: Nicola Reyk