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Europa

Wie Moskau den Stress wegmeditiert

Moskau, die Hauptstadt der Hektik, hat ein neues Allheilmittel entdeckt: Yoga soll helfen, im Alltag die Nerven zu behalten. Doch manche Yoga-Fans haben durch ihr Hobby anscheinend noch mehr Stress.

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Ellenbogen raus, sonst ist kein Durchkommen in der Moskauer Metro nach Feierabend. Aus allen Richtungen strömen Menschenmassen zum Umstieg oder zur Rolltreppe. Auch dort stehen die Menschen dicht an dicht in dicken Fellmänteln und Mützen. Es ist eng, überheizt und laut. Die Moskauer Metro in der Rushhour - nichts für schwache Nerven.

Mareike Aden, DW-Studio Moskau (Foto: DW)

Mareike Aden, DW-Studio Moskau

Auf dem langen Weg nach oben ist Zeit genug, um die Rollentreppenfahrer auf der Gegenseite zu mustern, die Werbung an den Wänden - und da ist es wieder das orangene Plakat mit der Frau im Lotussitz. Sie ist hübsch, sie ist entspannt, sie macht Yoga. "Ist es nicht Zeit für den Wandel?", fragt das Plakat. Auch über den stets autoverstopften Moskauer Straßen macht die größte Yoga-Organisation der Stadt mit diesen Postern Werbung für innere Harmonie durch Yoga.

Indienreise als Allheilmittel

Und tatsächlich verbringen Zehntausende von Moskauern ihren Feierabend auf der Yoga-Matte. Noch zu Sowjetzeiten war sogar das Besitzen eines Yoga-Buches verboten - nun gibt es Yoga-Studios an jeder Ecke, fast wöchentlich eröffnet ein weiteres und jedes Fitnessstudio hat mindestens einen Yoga-Lehrer. In vielen Studios gehören fernöstliche Teestuben zum neuen Yoga-Lifestyle dazu, meist liegt auch das monatlich erscheinende Yoga-Journal bereit. "Du musst nach Indien - danach kannst du dich besser entspannen“, hört eine in Moskau arbeitende Freundin aus Berlin von ihren russischen Arbeitskolleginnen immer dann, wenn sie sich über das Alltagschaos beschwert. Eine Indienreise - inklusive Yoga-Seminar natürlich - gilt vielen Moskauern als Allheilmittel.

"Nach den radikalten Veränderungen der Perestroika und den Neunzigern sind die Menschen innerlich müde und suchen den Weg zu sich selbst", glaubt die Moskauer Yoga-Lehrerin Olga. Für Yoga-Lehrer wie sie ist es derzeit nicht schwer einen Job zu finden.

Noch mehr Stress durch Yoga?

Für Nicht-Muttersprachler in Moskau ist Yoga auf Russisch eine Herausforderung: Erstens gehören Übungsbegriffe wie 'herabschauender Hund', 'Heuschrecke' oder 'Schildkrötensitz' nicht unbedingt zum Alltagsvokabular. Aber vor allem ist es nicht einfach mit dem Einsatz der einheimischen Yoga-Fans mitzuhalten. "Was, seid ihr etwa schon gestorben?“, fordert die Yoga-Lehrerin zum Weiterverknoten und -balancieren auf. Und weiter geht's. "Die meisten wollen schnell ein Resultat beim Yoga sehen - man muss sich quälen und brechen, dann ist die Entspannung noch größer“, erklärt die Moskauer Yoga-Lehrerin Anna ihrer Schülerin aus Deutschland.

Einige der neuen Moskauer Yoga-Fans haben durch ihr Hobby anscheinend noch mehr Stress und Leistungsdruck: Erstens will man den Kopfstand Shirshasana auch so schön ruhig machen wie der Mattennachbar - und zweitens muss man in der Metro noch mehr hetzen, um es zur Yoga-Klasse zur schaffen. Aber danach kommt ja die Entspannung, hoffentlich. Bis dahin: Ellbogen raus und nach vorn.

Autorin. Mareike Aden
Redaktion: Wim Abbink