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Kultur

Wie Migration die deutsche Sprache verändert

Seit gut 50 Jahren kommen Migranten nach Deutschland. Das verändert nicht nur ihr Leben, sondern auch das der Deutschen. Und es verändert die deutsche Sprache. Ein Professor beobachtet diese Entwicklung seit Jahren.

Teilnehmer von einem Integrationskurs 'Deutsch als Fremdsprache' Intensiv 1 an der Volkshochschule Leipzig erhalten von Dozentin Katrin Rosjat (l) nach erfolreichem Abschluss der ersten 200 Unterrichtsstunden die Teilnahmebestätigung (Foto: pa/ZB)

Migration nach Deutschland

Leipzig ist ein guter Ort für ein Treffen mit Professor Uwe Hinrichs, schließlich erforscht er an der Universität Leipzig die deutsche Sprache. Oder genauer gesagt, den Einfluss verschiedenster Sprachen auf das Deutsche. Gleichzeitig ist Leipzig ein eher ungeeigneter Ort für ein Treffen - zumindest aus sprachwissenschaftlicher Sicht. Denn der sächsischen Mini-Metropole fehlt schlichtweg das Wichtigste für Hinrichs' Forschung: die Migranten. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt in Leipzig deutlich unter zehn Prozent, kein Vergleich zu großen deutschen Einwanderungsstädten wie Berlin, Frankfurt, Hamburg, München oder Düsseldorf. In Berlin hat jeder vierte Einwohner einen Migrationshintergrund. Grund genug für Hinrichs, auch dort zu forschen.

Der Dativ ist ein Stolperstein

Uwe Hinrichs, Sprachwissenschaftler an der Universität Leipzig (Foto: Uwe Hinrichs)

Uwe Hinrichs, Sprachwissenschaftler an der Universität Leipzig

Die Theorie des Sprachwissenschaftlers lautet so: Beim Deutschlernen und -sprechen machen Migranten fast zwangsläufig Fehler, weil Deutsch eine schwere Sprache ist. Mit der Zeit übernehmen dann Muttersprachler diese Fehler langsam in ihren Sprachgebrauch, die deutsche Sprache verändert sich. Betroffen sei vor allem das gesprochene Wort, unsere Umgangssprache, so Hinrichs, weniger das Schriftdeutsch. Erster Stolperstein, selbst für viele Deutsche: die Kasus, also unsere Fälle. Es gibt im Deutschen vier Fälle: Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ. "Was man ständig hören kann, sind solche Sachen wie der falsche Dativ: Ich verspreche es ihn. Wir gehen mit diesen Problem um." Richtig wäre: Ich verspreche es ihm und wir gehen mit diesem Problem um. "Die Kasus werden entweder verwechselt, vertauscht oder die Kasusendungen gleich ganz weggelassen." So bilden sich die Fälle langsam zurück, werden immer weniger gebraucht - der Dativ verdrängt den Genitiv.

Dass die Kasus häufig verwechselt oder gleich ganz weggelassen werden, erklärt Hinrichs mit den verschiedenen Muttersprachen der Migranten. So spielen weder in Frankreich noch in England Fälle eine Rolle, im Osten und Südosten hingegen herrscht Kasusreichtum. Das Russische etwa kennt sechs Fälle, Polnisch, Kroatisch, Slowakisch sogar sieben. Ein weiteres Problemfeld sind die deutschen Artikel, denn die meisten Migrantensprachen haben keine. "Viele sagen dann etwa: Ich kaufe Auto. Oder: Er lebt auf dem großen Fuß."

Code-Switching: Doktor bugün Röntgenbilder'lere bakmamış

Ziemlich durcheinander geht es auch beim sogenannten Code-Switching. Da vermischen Migranten einfach zwei Sprachen, gern auch in einem Satz. Uwe Hinrichs beschreibt das Phänomen:

Audio anhören 01:05

Sprachforscher Uwe Hinrichs über das Phänomen des Code-Switchings

Auch andere deutsche Wissenschaftler beobachten diesen Trend. Harald Haarmann, der in Finnland lebt und arbeitet, hat über 40 Bücher zu Sprachenentwicklung, Schriftgeschichte und über kulturelle Einflüsse auf die Sprachevolution verfasst. Er bestätigt die Thesen seines Leipziger Kollegen. "Es ist folgerichtig, die Quelle für den Wandel im Sprachgebrauch von Sprechern mit Immigrantenhintergrund zu suchen. Die Sprechgewohnheiten gelangen über einen bestimmten Kanal in die Umgangssprache." Dies sei zum Beispiel in den 1990er Jahren bei Migranten aus den Balkanländern und der Türkei der Fall gewesen. Die von ihnen gepflegten Sprechgewohnheiten seien auf Schulhöfen immer häufiger benutzt worden, auch von deutschen Kindern. "Die Schulerziehung kann zwar dagegenhalten, aber der Druck von der Allgemeinheit draußen ist letztlich stärker."

Kritik von allen Seiten

Als Uwe Hinrichs seine Theorien im Frühjahr vorstellte, wurde er sofort dafür angegriffen. Er wurde ein "Vaterlandsverräter, der das Deutsche dem Verfall anheim gibt" genannt. Andere machten ihn zum linksorientierten Sprachwissenschaftler, der "ein geschöntes Bild vom tollen Multi-Kulti-Deutschland zeichnet". Beides Quatsch, so der Professor, er wolle einfach nur die Realität abbilden. "Die Deutschen müssen sich offenbar mit den Folgen der Migration anders und stärker auseinandersetzen, als sie es bis jetzt gemacht haben. Und dass das auch eine sprachliche Seite hat, das fängt man langsam an zu verstehen." Noch nie habe es in der Weltgeschichte eine Sprache gegeben, in deren Umkreis viele andere Sprachen dazugekommen sind und sich keine massiven sprachlichen Veränderungen ergeben haben. "Das war im Römischen Reich so, in England und auf dem Balkan. Wieso sollte das beim Deutschen anders sein?"

Ein deutsch-türkisches Wörterbuch, fotografiert während eines Sprach- und Integrationskurses in Köln (Foto: dpa/lnw)

Migration hat auch eine sprachliche Komponente

Der Kontakt von Vertretern verschiedener Kulturen und Sprachen könne eine Quelle der Mobilisierung produktiver Kräfte im Kulturschaffen sein, weiß Haarmann. "Man sollte nicht den Fröschen am Teich zuhören, die herummosern, unüberwindbare Probleme mit den Ausländern beklagen und eine Dekadenz deutscher Sprachkultur prophezeien. Frösche haben keine Perspektive." Viel wichtiger sei es, kulturelle Kontakte und die Bereicherung der eigenen Sprache durch andere Sprachen als Potenzial zu sehen, das es sinnvoll anzuwenden gilt. Keine Sprache komme ohne Modernisierung aus.

Uwe Hinrichs ist seiner Meinung: "Was wir nicht zwingend brauchen, lassen wir eben irgendwann weg." Der große Vorteil liege darin, dass sich das Deutsche strukturell vereinfache und sich dem Französischen, Englischen und Niederländischen annähere. "Wer in 30, 40 Jahren Deutsch lernen muss, wird sich wahrscheinlich nicht mehr mit soviel Kasus rumärgern." Ein Ausblick, der wohl nicht nur Migranten freuen wird, sondern vielleicht auch den einen oder anderen deutschen Schüler.

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