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Ukraine

Wie Max Schickler den Krieg überlebte

Er ist einer der letzten deutschsprachigen Czernowitzer Juden. Er erlebte die rumänische Vorkriegszeit, das kurze sowjetische Interregnum 1940 und dann die Katastrophe: den deutschen Überfall.

Max Schickler (Foto: DW/Birgit Görtz)

Max Schickler

Das Leben von Max Schickler begann beschaulich. 1919 wurde er in einem Dorf in der Umgebung geboren. Ende der 1920er Jahre schickten seine Eltern den aufgeweckten Jungen nach Czernowitz in die Obhut einer Tante, damit er das Gymnasium besuchen konnte. "Das Gymnasium habe ich abgeschlossen, aber die Universität konnten die Juden der Bukowina nicht mehr besuchen. Die rumänischen Studenten waren fast alle Mitglieder der eisernen Garde,  einer faschistischen Organisation. Sie haben die Juden malträtiert." Für den Mord an einem jüdischen Studenten wurde der Täter, ein rumänischer Faschist, nie zur Rechenschaft gezogen, erzählt Schickler.

Max Schickler (Foto: DW/Birgit Görtz)

Zeitzeuge Max Schickler

Als er begriff, dass ihm das Studium verwehrt war und eine Übersiedlung nach Wien oder Prag, an deren Universitäten es viele Czernowitzer Juden zog, unmöglich war, beschloss er, in der Strumpffabrik Herkules anzuheuern. Sie gehörte einem entfernten Verwandten. Dort arbeitete Max Schickler bis zum Sommer 1941, als Hitler die Sowjetunion überfiel. "Als der Krieg begann, haben wir, eine Gruppe Jugendlicher von um die 100 Menschen, beschlossen, zu Fuss nach Osten zu gehen, um nicht unter die Faschisten zu fallen." Sie seien 450 Kilometer weit gelaufen - bis nach Uman in der Zentralukraine, jeden Tag 20 Kilometer, immer auf der Flucht vor den Deutschen.

Überlebensstrategien

Das Universitätsgebäude in Czernowitz (Foto: DW/Birgit Görtz)

Das Universitätsgebäude mit seinem weitläufigen Park ist der Lieblingsort von Max Schickler in Czernowitz

Um den Deutschen zu entkommen, ließen sich die jungen Leute mit jüdischen Wurzeln die krudesten Geschichten einfallen. "Einige, die mit dem Zug evakuiert wurden, hatten den deutschen Faschisten erzählt, sie seien Deutsche aus Czernowitz." Ein Arzt aus Czernowitz erzählte sogar, er habe jüdische Burschen wiedererkannt, die sich als SS-Leute ausgegeben hatten.

"In Uman angekommen, hat man uns an die Front geschickt. Plötzlich kam ein Befehl von Stalin. Er hegte Misstrauen gegenüber den Leuten aus der Westukraine und schickte uns in ein Arbeiterbataillon. Dort haben wir aber gefaulenzt", erinnert er sich. Burschen aus Lemberg waren da umtriebiger, erzählt Max Schickler. Manche hätten sogar Diebstähle am Bahnhof organisiert, um die eigene materielle Lage aufzubessern. In Saratov musste Schicklers Bataillon bei der Deportation der Wolgadeutschen mithelfen. "Diejenigen, die nach Kasachstan geschickt wurden, haben überlebt. Wer in den hohen Norden deportiert wurde, ging zugrunde."

Ein Bus auf den Straßen von Czernowitz (Foto: DW/Birgit Görtz)

Auf den Straßen von Czernowitz

Weil es schon viele deutsche Kriegsgefangene gab, waren Schicklers Deutschkenntnisse gefragt. "Man hat uns gebraucht, um die Gefangenen zu erfassen und eine Kartothek zu erstellen." Als die Front näher kam, wurde die Einheit von Saratov nach Gorkij, dem heutigen Nischnij Novgorod, verlegt. Dort dolmetschte Schickler wieder in den Kriegsgefangenenlagern. "Die deutschen Gefangenen dort wurden besser ernährt als die eigenen Soldaten. Davon konnte ich mich überzeugen."

1944 wurde Schickler nach Mittelasien an die chinesische Grenze geschickt. Von den Wehrmachtssoldaten hatte man Waffen konfisziert. Diese wurden nun den chinesischen Kommunisten übergeben. "Offiziell hatte die Sowjetunion damals Tschiang-Kai-Scheck unterstützt. Aber heimlich wurden Mao alle deutschen Waffen übergeben." Zwei Jahre blieb Schickler an der chinesischen Grenze, bis er 1946 demobilisiert wurde. Er ging zurück nach Czernowitz, arbeitete wieder in der Strumpffabrik Herkules. Heute liegt die Fabrik längst brach, wie so viele andere Industrieunternehmen aus der Sowjetzeit.

Worauf Max Schickler bis heute stolz ist

Ein kleines Orchester spielt auf der Olga-Kobylanska-Straße in Czernowitz (Foto: DW/Birgit Görtz)

Sonntags spielen kleine Orchester auf der Olga-Kobylanska-Straße, die früher nach Wiener Vorbild "Herrengasse" hieß

Die Geschwister von Max Schickler sind längst nach Israel ausgewandert. Er hat sich das Land auch angeschaut, vom Golan an der syrischen Grenze bis Eilat am Roten Meer bereist und dann doch beschlossen, in Czernowitz zu bleiben.

Seine große Leidenschaft war das Wandern. Für die Czernowitzer Industriearbeiter organisierte er Touren in den nahen Karpaten. Mit seinen Kollegen habe er drei Wanderwege zu je 100 Kilometern erschlossen und markiert. Bis heute seien die Wegmarken sichtbar. Er selbst wandert nicht mehr. Doch obwohl er nicht mehr gut zu Fuss ist und auf einem Auge erblindet, geht er jeden Mittag in die Innenstadt. Dort speist er in einem Restaurant, in dem die jüdische Gemeinde verdienten Mitgliedern eine tägliche warme Mahlzeit spendiert. "Ich habe ja den Tourismus in den Karpaten mit aufgebaut", erzählt der sonst so nüchterne Max Schickler mit sichtlichem Stolz.