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Europa

Wie man Innenstädte sicherer gegen Terroranschläge macht

Poller, Sperren, Bänke und Bäume: Bauliche Schutzmaßnahmen können Terroranschläge in Innenstädten erschweren, aber nicht komplett verhindern. Ein Gespräch mit dem Sicherheitsexperten Norbert Gebbeken.

Deutsche Welle: Herr Gebbeken, kann man Innenstädte gegen Anschläge mit Fahrzeugen wie in Barcelona, Berlin und Nizza wirklich sichern?

Norbert Gebbeken: Man muss ganz ehrlich sagen, dass man manchmal nur die Auswirkungen begrenzen, aber den Anschlag selbst nicht verhindern kann. Nach 9/11 hat es diesen Wechsel gegeben, dass die Selbstmordattentäter aus den Kriegsgebieten in die Welt hinausgehen. Es kam die Frage auf, wie wir die Gesellschaft schützen wollen vor Selbstmordattentätern, die einen Sprengstoffgürtel tragen - aber das geht praktisch gar nicht.

Wie kann man denn dann die Auswirkungen begrenzen?

Es gibt schon Möglichkeiten verschiedener Art. Um Anschlägen mit PKWs oder LKWs vorzubeugen, kann man baulich etwas machen. Das heißt aber nicht immer, dass man Poller verbaut. Man kann auch mit einer intelligenten Stadtmöblierung, wie wir das bezeichnen, oder mit Elementen der Gartenarchitektur Behinderungen und Zufahrtsbeschränkungen schaffen, die wie Poller funktionieren, aber nicht wie Poller aussehen.

Also eine hübschere Variante.

Genau. Aber nicht nur hübscher: Mit dieser Stadtmöblierung versuchen wir eigentlich, mithilfe von Bänken, Skulpturen, Kiosken oder Lampen den urbanen Raum auf eine Weise aufzuwerten, der zum Verweilen einlädt. Wenn man mehr Grün in die Innenstädte bringt, hat das auch positive Auswirkungen auf die Stadtökologie und das Stadtklima. Meistens ist es so, dass sich die Menschen in solch einer grünen urbanen Umgebung auch wohler fühlen.

Norbert Gebbeken - Professor für Baustatik an der Universität der Bundeswehr München (B. Gleixner)

Bau- und Sicherheitsexperte Norbert Gebbeken

Aber halten ein paar Bäume und eine Bank jemanden ab, der mit einem LKW in eine Menschenmenge fahren möchte?

Wir haben unterschiedliche Kategorien von Pollersystemen, bis hin zu solchen, die wirklich auch einen schweren LKW aufhalten. Die Frage ist nur: Braucht man das überall? Man kann ja zum Beispiel auch baulich verhindern, dass solche Fahrzeuge überhaupt bestimmte Geschwindigkeiten aufnehmen können. Das geht mit versetzten Barrieren wie zum Beispiel Buhnen. Offene Boulevards wie in Nizza oder Barcelona bieten den Fahrern jedoch die Möglichkeit, schnell zu werden.

Aber wenn wir nun all unsere prächtige Boulevards umbauen und unsere Städte nach diesen Kriterien verändern, ist das dann nicht ein Eingeständnis der Angst gegenüber den Terroristen?

Das kann man eindeutig bejahen. Wir müssen uns eben auch die Frage stellen, wie viel Sicherheit eine Gesellschaft überhaupt aushält. Und schränkt die Sicherheit, die wir gerne wollen, unsere Freiheit ein? Das sind Dinge, die wir in unserer Gesellschaft immer wieder diskutieren nach solchen Anschlägen. Ich glaube, dass wir in dieser Frage noch keine klare Lösung haben.

Wie unterschiedlich sind Sicherheitsmaßnahmen von Stadt zu Stadt?

Es gibt Städte in Europa, die Anschläge erlebt und darauf schon reagiert haben. Man sieht das beispielsweise in London oder in Paris: Da herrscht eine stärkere Polizeipräsenz, und es werden auch bauliche Maßnahmen ergriffen. Man muss aber sagen, dass manchmal auch überreagiert wird. Nach dem Anschlag in Berlin wurden zum Beispiel plötzlich die Weihnachtsmärkte selbst in kleinen Dörfern mit Barrieren versehen. Da wollte man mehr das Sicherheitsgefühl bedienen, als dass man wirklich Sicherheit schafft.

Wie sieht es mit dem Schutz von Volksfesten aus? Ist das einfacher?

Beim Oktoberfest letztes Jahr hat man Taschen kontrolliert und Rucksäcke mussten abgegeben werden. Man sieht also schon, dass bezogen auf bestimmte Veranstaltungen temporär die Sicherheitsmaßnahmen sehr hochgefahren werden können. Da gibt es dann Überflugverbote, diese Taschenkontrollen und so weiter.

Wir wollen aber die Menschen nicht verunsichern. Die Gefahr, dass ich in Deutschland durch einen terroristischen Anschlag zu Tode komme, ist geringer als die, dass ich vom Blitz erschlagen werde. Das hilft natürlich demjenigen nicht, der betroffen ist. Aber wenn ich durch Berlin oder München fahre, habe ich nicht das Gefühl, dass die Menschen aus Angst bestimmte Plätze meiden. Die Gesellschaft reagiert eigentlich sehr nüchtern und ich denke, das ist das einzig Vernünftige, was man machen kann. 

Norbert Gebbeken ist Professor für Baustatik an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem ist er Sprecher des Forschungszentrums RISK (Risiko, Infrastruktur, Sicherheit und Konflikt). Zu seinen Fachgebieten gehört der bauliche Schutz der Bevölkerung vor Terrorismus und Naturkatastrophen.

Das Interview führte DW-Autorin Carla Bleiker.

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